Alle Artikel von Dr. Martina Mettner

Das Revival des Analogen

Analog war nie wirklich weg, galt aber ein Jahrzehnt lang als äußerst uncool. Nun sind es gerade die Jungen – Fotointeressierte unter 35 Jahren – die ihre große Freude am Analogen entdecken. Das hat bei ihnen klarerweise nichts mit Nostalgie zu tun, sondern ist Ausdruck zutiefst menschlicher Bedürfnisse und einer Veränderung unserer Werte. Je digitaler und hektischer unsere Welt wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach Muße und Berührung. Als wichtiger Wert, gar „Währung“, gilt heute die Aufmerksamkeit; als höchstes Gut: Zeit. Da sind insbesondere Fotografierende privilegiert. Sie können Zeit schenken, sogar anhalten, die Welt be-greifbar machen und dafür Aufmerksamkeit erhalten.

Ein Touchscreen-Bild ist nicht haptisch

Immer mehr Stunden am Tag schaut man auf ein Display. Beim Schreiben eines Textes, beim Lesen seiner digitalen Post, bei den Kontakten mit seinen Followern und Freunden auf Facebook. Autofahrer leitet das Display des Navis. Beim Fotografieren guckt man auf einen kleinen Monitor, bei der Bildbearbeitung auf einen großen. Und anschließend sitzen wir zur Entspannung vor dem Flatscreen im Wohnzimmer.
Seit Jahren shoppen wir online, aber ein Touchscreen ist kein Ersatz fürs Anfassen der Ware. Vor dem Kaufabschluss ist nicht mehr festzustellen, wie qualitätvoll ein Material ist. Fatalistisch gesprochen ist das ohnehin gleichgültig geworden, seit alles unter Kostendruck in China produziert wird.

Es wird immer unsinnlicher

Mit dem Einzug von Virtual Reality, kurz: VR, wird es noch visueller und zugleich unsinnlicher. Eine der Anwendungen wird sein, dass Autohäuser Modellvarianten und Fahreindruck virtuell vermitteln – und sich so das Vorrätighalten unterschiedlicher Modelle sparen können. Zudem wird unser Alltag mehr und mehr von Algorithmen bestimmt. Sie zeigen uns Nachrichten an oder verbergen sie, ob in der Suchmaschine oder auf dem Social-Media-Account. Und auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto hält das liebste Fortbewegungsmittel automatisch die Spur und die Fahrgeschwindigkeit. Sich nicht an die (Verkehrs-) Regeln zu halten, wird möglichst schwer gemacht; der Entscheidungsspielraum des Verwenders immer weiter eingeschränkt.

Im Prinzip sind wir das seit Jahren von Kameras gewöhnt. Die treffen Entscheidungen viel präziser und vor allem schneller als der noch so geübte Fotograf. Man denke nur an den Autofokus und die Serienbildfunktion. Wir sind so damit vertraut und es ist so nützlich, dass wir diese Kompensation der menschlichen Trägheit bei der Weiterleitung vom Sinneseindruck zum Auslösefinger nicht mehr hinterfragen. Technologisch war die japanische optische Industrie ja schon immer viel weiter vorne als die europäische Automobilbranche.

Be-greifen statt bloß zu Konsumieren

Ganz vorne ist die Fotobranche auch in der Erkenntnis, dass die Welt im Display schön und praktisch, aber nicht erfüllend ist. Wie anders lässt sich sonst der regelrechte Boom an Sofortbildkameras erklären? Vor 70 Jahren stellte Edwin H. Land die erste Sofortbildkamera in New York vor. Und pünktlich zum Jubiläum erlebt „das Polaroid“ eine Renaissance. „Viele Hersteller nehmen sich der Menschen an, die nicht von jedem Ereignis 100 Fotos auf dem Smartphone, sondern lieber ein einzelnes Erinnerungsfoto zum Anfassen haben wollen“, stellte Jan Becker im Februar 2017 in der Computerbild fest. „Fujifilm sorgte mit explodierenden Verkäufen seiner Instax-Kameras und mit dem Drucker Instax Share SP-2 für Aufsehen.“

Und auch die deutsche Traditionsmarke Leica wartete auf der photokina 2016 mit einer Leica Sofortbildkamera auf und animiert zum Kauf mit: „Frame the moment“. Gleich zu Beginn des hippen Leica-Werbefilmchens sehen wir zwei weitere Analogtrends, von denen zu sprechen sein wird: Ein Mann bringt ein Fotobuch mit zur Dachparty und dann wird eine LP auf einen Plattenspieler gelegt!

Analog ist das neue Bio

Wenn bereits Bücher zu einem Thema erscheinen, kann man mit Sicherheit von einem Trend sprechen. „Analog ist das neue Bio“ lautet der treffende Titel eines Buches von Andre Wilkens, das sich als „Navigationshilfe durch die digitale Welt“ anpreist. Und der kanadische Journalist David Sax schreibt vom „Revenge of the Analog“. Das Buch heißt auf deutsch „Die Rache des Analogen: Warum wir uns nach realen Dingen sehnen“. Sax schreibt ausführlich über Vinyl und das Revival der Plattenläden, die nun nicht mehr staubig und vollgestopft sind, sondern eher wie Boutiquen aussehen. Knapp 12 Millionen Vinylplatten wurden 2015 in den USA verkauft und übrigens auch 100 Millionen 35mm-Filmrollen. Sax macht eine „postdigitale Wirtschaft“ aus. Im Musikgeschäft, in der Fotografie, bei Brettspielen oder bei Notizbüchern (am Beispiel Moleskin) – überall gehen seiner Beobachtung nach die Umsatzzahlen wieder nach oben. In Berlin wurde gar 2017 wieder ein LP-Presswerk eröffnet.

Das haptische Bilderlebnis auf Wachstumskurs

Und der deutsche Photoindustrie-Verband vermeldet: „Die Nachfrage nach dem haptischen Bilderlebnis ist weiter auf Wachstumskurs. Der Absatz von Fotobüchern befindet sich seit Jahren im Aufwind. Dieser wird für die kommenden Jahre weiter anhalten. Auch wenn DIN A4 mit fast 50 Prozent das beliebteste Fotobuchformat der Konsumenten ist, so stieg 2016 der Anteil der Fotobücher in DIN A3 und größer sowie der quadratischen Formate. Im Schnitt umfassen die selbst gestalteten Fotobücher 140 Aufnahmen.“

Der Uferlosigkeit von gestreamter Musik und unendlichen Schnappschüssen wird Begrenzung entgegengesetzt; der Entwertung durch Verfügbarkeit Wertschätzung durch die Entscheidung für ein Objekt. Beispielsweise für eine LP mit richtiger Hülle, die 25 Euro kostet – mithin mehr, als man sonst im ganzen Jahr fürs Musikhören ausgibt. Man belichtet einen Film und ist gespannt, welche Bilder gut geworden sind. Zeit, auch um Distanz zu gewinnen und objektiver über das Ergebnis zu urteilen. Um dann ein Motiv zu printen statt zehn zu posten.

Auch Vinyl ist zurück!

Das hat mit Wertschätzung und Differenzierung, aber nichts mit Technikfeindlichkeit oder Ablehnung des Digitalen zu tun. Es kommt vielmehr zu spannenden Symbiosen, wie bei der Neuauflage des legendären Albums „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles. Produzent war Sir George Martin, der im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren starb. Für die 2017 zum 50. Jubiläum erschienene Neuauflage des Albums hat sein Sohn Giles Martin die Musik mit einem Team aus Toningenieuren und Restauratoren in Stereo und 5.1 Surround neu abgemischt – natürlich in Londons Abbey Road Studios. Auf Wunsch der Beatles war „Sgt. Pepper“ seinerzeit in vier Mono-Spuren aufgenommen worden, die die Basis für den neuen Mix bildeten. Die Deluxe-Jubiläumsedition gibt es nun auf CD, aber auch als traditionelle Doppel-LP. Gerade Musiker empfinden analog Aufgenommenes als “more heartfelt, raw, and organic,” wie Sax es ausdrückt. (Klingt wirklich nach dem neuen Bio, oder?)

Berühren heißt Begreifen

Woher aber kommt das verbreitete Bedürfnis, sich neben dem Digitalen auch wieder verstärkt mit analogen Audio- oder Bildkreationen zu befassen? Ganz einfach: Menschen lieben es, Dinge in die Hand zu nehmen, etwas anzufassen. Und natürlich auch „free hugs“, Umarmungen, wo immer man sie bekommen kann, auch von Fremden, die das in manchen Großstädten anbieten.

Der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich beim Fötus entwickelt. Martin Grunwald, seit 1995 Leiter des einzigen Haptik-Forschungslabors in Europa an der Universität Leipzig, sagt: „Der Tastsinn ist ein Lebensprinzip, ohne ihn gibt es kein Leben. Es werden Menschen blind oder taub geboren, aber ohne den Tastsinn ist noch niemand auf die Welt gekommen.“ Und er betont die Bedeutung des Anfassens, weil das „Begreifen“ die elementarste Aneignungsform ist.
Man kann sich verhören oder versprechen, aber nicht verfühlen. Das Tasten ist nahezu untrüglich. Wir erinnern uns daher auch doppelt so gut an etwas, das wir angefasst haben, als an etwas, das wir nur gesehen oder von dem wir nur gehört haben.

„Haptische Medien erzeugen durch ihre Körperlichkeit automatisch mehr Emotion“, sagt Olaf Hartmann. Er gilt als einer der führenden Experten in Europa für die Nutzung der Haptik in Markenkommunikation und Verkauf. Hartmann stellt fest: „Die Rolle der Haptik in der Kommunikation – ihr großer Einfluss auf die Wahrnehmung, die Entscheidung und die Wertschätzung – wurde sehr lange unterschätzt.“

Möchte man also für seine Fotografien Aufmerksamkeit erreichen, ist es geradezu unerlässlich, sie in gedruckter Form zu zeigen. Fotografie ist von der Herkunft her ein analoges Medium und der Print bleibt weiterhin die angemessene Präsentationsform. (Wohingegen sich ehemals ebenfalls analoge Medien wie der Film sehr gut für die digitale Form eignen, weil sie zeitbasiert sind.)

Haptik erzeugt Aufmerksamkeit

Vor zehn Jahren dachte man, Print sei erledigt. Heutzutage liegen laufend neue Zeitschriften am Kiosk. Wer etwas auf Papier in die Hand nimmt, verbindet damit Muße. Die Ablenkungen durch Links im Text und aufploppende Meldungen auf dem Bildschirm fehlen, so bald man einen Text in einem Magazin oder einem Buch liest. Genau so geht es beim Zeigen von Fotografien. Sind sie in einem Buch versammelt, erhöht das automatisch die Aufmerksamkeit desjenigen, der sie sich ansieht. Sind es Prints, ist der Weg, sie sich an der Wand vorzustellen, ein kurzer. Der Wisch auf einem Tablet hingegen rückt sie immer in die Nähe der beliebigen Verfügbarkeit. So schön sie von hinten beleuchtet und optimal zu erkennen sind: Das wirkt trotzdem nie wertig.

Jon Christoph Berndt schreibt in seinem neuen Buch „Aufmerksamkeit“: „Wir schenken unsere Aufmerksamkeit bevorzugt bekannten Dingen, denen wir vertrauen und die wir mögen und für >premium< befinden. Das geschieht in der Regel unbewusst.“ Von dieser unbewussten Reaktion kann man profitieren.

Man sollte jedoch, diese Mahnung sei zum Schluss gestattet, zuvor daran denken, dass sich inhaltliche Qualität in der Fotografie vor allem über die zeitliche Dauer in der Beschäftigung mit dem Gegenstand einstellt (nicht mit der Technik). Das Anfassen des Prints alleine wird nicht viel bewirken, wenn das Motiv an sich nicht berührt.

Patrick Willocq: Songs of the Walés

Bontongu, one of the last bantu walés, 2014, 109 x 145 cm, edition of 8

Das wichtigste Ereignis im Leben einer Pygmäen-Frau vom Stamm der Ekonda in der Demokratischen Republik Kongo ist die Geburt ihres ersten Kindes. Die junge Mutter wird „Walé“ genannt. Sie lebt mehrere Jahre in Abgeschiedenheit, getrennt von ihrem Ehemann, umsorgt von weiblichen Stammesmitgliedern und täglich eingerieben mit einem roten Puder aus Ngola Holz. Bei ihrer Rückkehr in die Stammesgemeinschaft berichtet sie von ihren Erfahrungen in Liedern und Tänzen, die sie in einer feierlichen Aufführung darbietet.

Als der gebürtige Franzose Patrick Willocq auf diese Feiern aufmerksam wurde, konstruierte er in einzigartiger Zusammenarbeit mit einigen Walés, ihren Clans, einem Ethno-Musikologen, einem Künstler und zahlreichen Kunsthandwerkern des Waldes aufwändige Szenenbilder, die von den Gesängen der Mütter der Ekonda inspiriert sind. Hier, mitten im Dschungel, fotografierte er die Frauen in inszenierten Bildern. Das Buch versammelt die zwischen 2013 und 2015 entstandenen Serien „I Am Walé“, „Respect Me“ und „Forever Walé“.

The walé on the swing, 2014, 109 x 173 cm, edition of 8

Warum ich dieses Buch vorstelle

Das hat zwei Gründe: Erstens ist es als Buch (-Objekt) interessant. Vom Prägedruck auf dem Umschlag über die vielen Making-of-Bilder bis zum QR-Code, mit dem man die Lieder abrufen kann, bietet es ein medienübergreifendes Eintauchen in einen uns fremden Ritus und dessen künstlerische Transformation.
Zweitens, weil ich Patrick Willocq großartig finde. Bei den Recherchen zu meinem eigenen Buch „Fotopraxis mit Perspektive“ stand er noch ganz am Anfang einer wirklich kometenhaften Karriere. Ich bewundere sehr seine Hingabe an seine Motivwelt, den Aufwand der Inszenierung und daß er zugleich akribisch dokumentiert. Er ist jemand, der viele Jahre für Konzerne tätig war und dann erst zu seiner Berufung fand, über die Rückkehr zu seinen Wurzeln – einer Kindheit im Kongo. Für mich beweist Patrick Willocq damit viele meiner Thesen und mehr noch: Die internationale Anerkennung zeigt, dass Hingabe und Aufwand belohnt werden. Das ist wunderbar.

Was mich erstaunt

Die Bilder von Patrick Willocq sind groß. Sehr groß. So etwa Einmeterzehn auf Einmeterfünfzig. Das Buch ist klein. Sehr klein (15,5 x 23 cm). Das spricht überhaupt nicht gegen das Buch. Es ist nur solch ein enormer Größenkontrast zwischen den Tableaus und deren Buchpräsentation. Logisch: Ein Buch ist meist viel kleiner als ein Wandbild, hat aber dafür Seiten: 208 mit 178 Abbildungen und 20 Zeichnungen. Alle Texte auf Englisch. Gerade erschienen im Kehrer Verlag, 39,90 €, ISBN 978-3-86828-830-8.

Patrick Willocq – The Songs of the Walés from Kehrer Verlag Heidelberg on Vimeo.

Nützliches Wissen: Adobe Stock Visual Trends für 2018

Welche Themen und Ereignisse prägen uns als Menschen und Gesellschaft? Wie gehen wir damit um? Und welchen Blickwinkel hat die Kunst auf den gesellschaftlichen Wandel? Im zweiten Jahr geht Adobe Stock diesen Fragen nach und stellt in diesem Zuge die Adobe Stock Visual Trends 2018 vor.

Für wen ist es interessant?

Die folgende Aufstellung gibt Fotografierenden eine Vorstellung davon, welche Themen in den nächsten Monaten aktuell sind. Um sich beispielsweise bei Agenturen oder anderen Auftraggebern vorzustellen, kann es sinnvoll sein, sein Bildmaterial danach durchzusehen, ob man solche Trendthemen bedienen kann. Das muss natürlich zu dem passen, was man in Zukunft machen möchte. Und wer meint, in nächster Zeit Testshootings machen zu müssen, der orientiere sich dabei an den Visual Trends für 2018, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Würden Sie das Foto vom Kind mit dem Hund in Ihr Portfolio aufnehmen? Die Lizenz für die volle Auflösung kostet bei Adobe Stock beachtliche 250 Euro. Stichwort: Haptik und damit im Trend. Um als Fotograf*in nicht Geld liegen zu lassen, ist es daher wichtig zu wissen, zu welchen Schlagwörtern gerade Bildmaterial gefragt ist. Die Stockagentur spiegelt dabei ja nur die Nachfrage aus dem Markt. Das heißt, alle Fotograf*innen sollten wissen, was von Auftraggebern gefragt ist, nicht nur die Stockfotografen.

Sechs Visual Trends für 2018

vorgestellt von AdobeStock:

Visual Trends 2018: Stille und Einsamkeit

Stille und Einsamkeit

Der Beginn des neuen Jahres ist für viele eine Zeit der Reflexion und Besinnung. Oft wird hierbei der Wert von Stille für den eigenen Geist, besonders aber für ein produktives Arbeitsumfeld unterschätzt. Die unaufhörliche Bewegung des Alltags verstärkt unser Verlangen nach Frieden und Einsamkeit. Um zu sehen, wie sich dieser Trend auf die visuelle Landschaft auswirkt, erforschen wir Bilder, die unserer Sehnsucht nach Ruhe und Besinnlichkeit entsprechen.

Das flüssige Selbst

Die Definition der eigenen Identität findet heute immer weniger über Eigenschaften wie Geschlecht, Herkunft oder Körper statt. Identität wird heute nicht nur in der Kunst als ein sich wandelndes, fließendes Konstrukt wahrgenommen. Adobe Stock will dies sowohl zum Anlass nehmen, um mit Künstlern zu sprechen, die dieses neue Verständnis verkörpern und repräsentieren, als auch, um zu sehen, wie Marken ihr Auftreten an diese differenziertere Community anpassen.

Multilokalismus

Die Welt ist ein Dorf – oder wird es zumindest immer mehr. Dadurch entstehen neue Wege des Austauschs, neue Partnerschaften zwischen verschiedenen Kulturen und ihren Künstlern, Marken und Gemeinschaften.

Visual Trends 2018: Kreative Realität

Kreative Realität

Menschen reagieren unterschiedlich auf unruhige Zeiten und die damit verbundene Ungewissheit. Während manche protestieren, wandeln andere sie in Energie um und kreieren für sich und andere eine Fantasiewelt als Zufluchtsort.

Visual Trends 2018: Geschichte und Erinnerung

Geschichte und Erinnerung

Unsichere Zeiten bieten auch häufig Anlass für einen Blick in die Vergangenheit. Doch nicht immer ist diese als Flucht zu verstehen. In unserem vorletzten Trend setzten wir uns mit Künstlern und Kunstformen auseinander, die sich von klassischen Elementen inspirieren lassen und sie zelebrieren oder aber mittels moderner Techniken völlig neu darstellen. Dabei soll es auch um die Besonderheit der Geschichte als Inspirationsquelle und den damit verbundenen kulturellen Dialog gehen.

Visual Trends 2018: Haptik und Berührung

Berührung und Haptik

Die Technik orientiert sich immer weiter in Richtung einer berührungslosen Nutzung. Doch diese Entwicklung erweckt in vielen gleichzeitig auch wieder ein größeres Verlangen nach Berührung und Nähe zwischenmenschlicher Art.

Alle Trends und Bilder im Adobe Blog.

Magazinvorstellung: IDEAT Contemporary Life

Das internationale Magazin für Interior Design und urbanen Lifestyle wurde 1999 in Paris von Laurent Blanc gegründet und ist in Frankreich Marktführer unter den gehobenen Wohnmagazinen. Jetzt liegt die zweite deutsche Ausgabe (Dezember bis Januar) vor. Diese wird von Bettina Billerbeck im Verlag Gruner + Jahr verantwortet. Das ca. 260 Seiten starke Einzelheft kostet 6,50 € und kann hier abonniert werden.

Wer guckt sich nicht gerne an, wie andere wohnen?

„Homestorys“ mit Eames Stühlen, Schaffellen und den weiteren Insignien stylischen Lebens gibt es natürlich auch hier zu sehen. IDEAT bleibt aber nicht dort stehen, sondern nimmt den Leser/die Leserin mit in pulsierende Metropolen und in ferne Länder. Vor allem im letzten Kapitel des Magazins, das beispielsweise eine Weinreise durch Chile vorstellt. Schwerpunktthema ist dort New York. Ein Beitrag, der (anders als in den meisten Magazinen) richtig Lust macht, hinzureisen und Neues zu entdecken. Auch im ersten Teil von IDEAT, den News, pulsiert es. Da wird eine Ausstellung der niederländischen Fotokünstlerin Rineke Dijkstra im Louisiana Museum in Dänemark angekündigt, die Brutalismus-Ausstellung im DAM Architekturmuseum in Frankfurt und das neue Museum der Künstlerin Yayoi Kusama in Tokios spannendem Stadtteil Shinjuku – um nur drei Beiträge zu nennen.


IDEAT ist in aller Welt unterwegs

In „Contemporary Life“ sehen wir ein Porträt von Cindy Sherman, das Martin Schoeller 2000 fotografierte, sowie Ansichten ihres New Yorker Studios von Nikolas Koenig (im Video oben). Sehr gut gefallen hat mir die Aufwertung des Shoppingteils durch die poetischen Fotos von Christophe Jacrot, die an den Beginn der Farbfotografie in Magazinen in den Fünfzigerjahren erinnern.

Eine, wie ich finde, anregende Lektüre und gelungene Bereicherung des Magazinmarktes. Einen Kritikpunkt hätte ich: Die Typo der Artikel. Bei dem Durchschuss könnte sie gerne einen lesefreundlichen Punkt größer sein, ohne dass sie mehr Platz einnehmen würde. Die Bildunterschriften sind in einer winzigen, mittelgrauen mageren Schrift gesetzt. Das ist modern, aber nahezu unleserlich. Schade, weil man sie gerne als Anlesetexte nutzen würde. In einem Printmagazin kann man sie sich eben nicht, wie vom Tablet (oder beim Layouten) gewohnt, größer ziehen!

Der Beitrag erscheint mit freundlicher Unterstützung durch den Verlag Gruner + Jahr.

Weihnachtsangebot: 2 Bücher 1 Preis


Jetzt ist DIE Gelegenheit, schöne und inspirierende Bücher über Fotografie zu erwerben. Da Sie nur eines der beiden Bücher zahlen und das andere quasi kostenlos dazu bekommen, ist das ein günstiger Weg zu schönen Geschenken. Denken Sie an Ihre Assis und Praktikanten! Oder ergänzen Sie Ihre eigene Bibliothek. (Das Weihnachtswochenende wird sehr lang! Viel Zeit, zu lesen!)

Durch „Fotografie mit Leidenschaft“ werden Sie eine völlig neue Sichtweise auf das gewinnen, was künstlerische Fotografie sein kann. Zeitgenössische Fotografie-Superstars wie Andreas Gursky und Taryn Simon oder William Eggleston und Robert Frank werden von mir ebenso besprochen wie historische Größen: Henri Cartier-Bresson, Richard Avedon, August Sander oder Eugene Atget. Allein im Kapitel „Von der Reportage zum Kunstmarkt“ treffen Sie auf weitere spannende zeitgenössische Fotograf*innen wie Mazier Moradi, Peter Bialobrzeski, Massimo Vitali, Olaf Otto Becker, Andreas Meichsner, Ilja C. Hendel, Shizuka Yokomizo, Ralf Peters und Thomas Demand.
Kurzum, es war super aufwändig, die Bildrechte für den Abdruck zu bekommen, und daher werde ich den Titel nicht mehr auflegen, wenn er vergriffen ist – und kann ihn leider auch nicht als E-Book anbieten. Greifen Sie daher jetzt zu!

„Fotopraxis mit Perspektive“: Das Buch hätte ich gerne gehabt, als ich anfing, mich ernstlich fürs Fotografieren zu interessieren. 99% aller Bücher über Fotopraxis orientieren sich am technisch ausgerichteten Handwerk. Wer sagt etwas darüber, wie man Themen findet, die einen wirklich selbst interessieren und die auch für die Bildbetrachter von Bedeutung sind? Wo steht, wie man das konkret umsetzt? Und damit als Hobbyist glücklicher wird oder als kommerzieller Fotograf sich und anderen etwas nicht-kommerzielles Gutes tun kann?
Ich habe sie befragt, zum Beispiel Abenteuer-Fotografin Ulla Lohmann, jetzt gerade in allen Medien. Kai Löffelbein, dessen Bildband bei Steidl leider immer noch nicht erschienen ist. Carlos Spottorno, der gerade mit „Der Riss“ eine neue innovative Publikationsform für seine Arbeiten gefunden hat. Seinerzeit Newcomer Patrick Willocq, der seitdem zahlreiche Ausstellungen und Publikationen vorweisen kann. Und andere mehr.

Seien Sie gespannt auf das Abenteuer Fotografie!

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Sonderpreis zu Weihnachten für 2 Bücher

Reportage neu gedacht: Der Riss

Die deutsche Ausgabe ist im Avant-Verlag, Berlin, erschienen.

Neue Fotobücher wirken heutzutage wie eine Bilderflut mit Buchdeckeln. Und auch wenn sich jeder einzelne Autor und jeder Verlag sicherlich große Mühe gibt: Es ist schwierig, aus der großen Zahl der Neuerscheinungen herauszustechen und Begeisterung zu entfachen. Einem aber gelingt dies nun schon zum zweiten Mal: Dem in Madrid lebenden Europäer Carlos Spottorno. Mit dem viel beachteten PIGS im Stil des Wirtschaftsmagazins The Economist zum Thema südliches Europa wurde er 2013 bekannt.* Jetzt legte er zusammen mit dem Journalisten Guillermo Abril ein Werk vor, das wirklich originell ist: Der Riss – eine Reportage in der Form und Aufmachung einer Graphic Novel. Insgesamt nichts weniger als genial gemacht.

Schon als „normale“ Reportage wäre das Material überwältigend. In der Präsentation als Bilderstory erschließen sich aber einige Facetten mehr: Man erfährt in erster Linie viel über Europas Außengrenzen und tatsächliche, inzwischen historische Vorfälle im Zusammenhang einer längeren Entwicklung. Die zurückhaltende Berichterstattung offenbart auch einiges über die Arbeit von Spottorno und Abril unter wahrlich abenteuerlichen Umständen. Die Reportagen im Auftrag der Zeitschrift El Pais Semanal begannen in Melilla, gingen weiter auf Lampedusa, führten die beiden in die Ukraine und schließlich bis in den Norden Finnlands.

Nach drei Jahren Arbeit, mehreren Titelstorys, dutzenden Seiten in Zeitschriften und einem World Press Photo Award entstand die Idee, 25.000 Fotos und den Inhalt von fünfzehn Notizbüchern in eine andere Erzählform zu transformieren. Mein Respekt für Guillermo Abril, der es schafft, mit minimaler Versprachlichung der Umstände ein lebhaftes Bild zu zeichnen. Carlos Spottorno wählt auch nicht einfach Bilder aus, sondern studierte genau die visuelle Dramaturgie von Graphic Novels mit ihren wechselnden Perspektiven, Wiederholungen und den hervorgehobenen Details.

Lassen wir Carlos Spottorno selbst zu Wort kommen: „In einem gewöhnlichen Buch hätte man eine so komplexe Geschichte nicht wiedergeben können. Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Fotostrecke plus Prolog geschafft hätten, so detailliert und genau zu erzählen wie es mit der Graphic Novel möglich wurde. Und egal, wie gut so ein normales Buch geworden wäre: Ich glaube nicht, dass wir damit ein breites Publikum erreicht hätten. Ich weiß aus Erfahrung, dass Fotobücher es schwer haben. Nur wenige Leute kaufen sie. Als ich darüber nachgedacht habe, wie man die Reportage so erzählen kann, dass Text und Foto gleichberechtigt sind und sich gegenseitig bereichern, habe ich mich mit der Graphic Novel beschäftigt und erkannt, dass das die perfekte Sprache für uns ist. Dann musste ich nur noch die Fotos so bearbeiten, dass das Ergebnis nicht aussah wie ein Fotoroman.“

Und das ist ihm, wie man sieht, perfekt gelungen. Unbedingte Kaufempfehlung für „Der Riss“, 32 Euro

Bis 13.12.2017 sind die Arbeiten im Literaturhaus in Stuttgart ausgestellt.

*Mein Buch „Fotopraxis mit Perspektive“ enthält ein ganzes Kapitel, in dem ich mit Carlos Spottorno über PIGS spreche.

Zu Besuch im Wunderland von Frank Kunert

Die Beschreibung, wie er zu finden sei, klang schon wie aus seinen Bildern: Das Haus mit den grünen Fensterläden gegenüber von einem kleinen Spielplatz. Das Museum Boppard hat Frank Kunert eine sehr schöne Ausstellung eingerichtet. Grund genug an den Rhein zu fahren, um ihn und seine Bildwelt zu besuchen.

Frank Kunert vor dem Eröffnungsbild seiner Ausstellung Wunderland

Alles selbst gebaut! Der Künstler in seiner Ausstellung im Museum Boppard, die bis zum 28. Januar 2018 zu sehen ist.

Im obigen Bild gestaltete Kunert, der gebürtige Frankfurter, eine Referenz an seinen neuen Wohnort. Boppards berühmtester Sohn ist Michael Thonet, ein Tischler, der um 1840 das Bugholzverfahren entwickelte. Der österreichische Staatskanzler Metternich meinte, in Boppard würde er arm bleiben, er solle doch nach Wien kommen. Daher verbindet man die Thonet-Stühle mit Wiener Caféhauskultur. Das ist also der Hintergrund zu obigem Bild, für das Kunert Stuhlminiaturen im Museumsshop erstand. So weit, so praktisch, aber unkunertsch. Für die bessere Bildwirkung polsterte er die kleinen Stühlchen, bearbeitete und lackierte sie neu. Und natürlich ist der Boden im Bild nicht nur handgemalt, sondern für die plastische Wirkung mit einem zahnärztlichen Instrument im Kachelmuster geritzt. Das erklärt, warum die Erschaffung eines neuen Wunderland-Motivs etliche Wochen in Anspruch nimmt.

Er hat eine Ausbildung zum Fotografen absolviert, aber heute ist er eher ein Illusionist, denn ein Fotograf. Mit der analogen Großbildkamera betrachtet er die von ihm selbst gebauten Welten aus einer einzigen Perspektive. Jener, die den Betrachter in die optische Illusion hineinzieht. Er arbeitet mehr mit den Händen als mit der Kamera. Die Hände sind es auch, mit denen „ich die Dinge genau betrachte, auf mich wirken lasse und versuche, ihr Wesen zu verstehen.“

Arbeitsplatz Frank Kunert

Der Arbeitsplatz, in dessen Hintergrund sich viele Schübe mit Roh-Materialien befinden: alles Wertstoff, einiges davon tatsächlich vor der gelben Tonne bewahrt.

Balkon an Reaktor-Modell

„Kleinod“ heißt das Bild von 2008, aus dem eine Kernreaktorkuppel auf Rollen im Hausflur von Frank Kunert steht.

Schwebendes Hotel Modell

Schwebt im Museum: „Kletterurlaub“. Für 3.000 Euro würde sich Frank Kunert von dem skupturalen Unikat trennen.

Frank Kunert an einem seiner Objekte

In einem leicht gruftig riechenden Seitenraum des Museums steht Frank Kunerts „Ewige Liebe“ in passender Umgebung.

Blick in die Ausstellung

Kein Preis für den „Traum vom Glück“ (2008, Mitte): hinter Acrylglas ist er für 1.500 Euro zu erwerben.

Frank Kunert hinter Vitrine

Die motorisierte Wiege aus „Ein Kindheitstraum“ in der zweiten Etage der „Wunderland“-Aussstellung.

Ausstellungsraum Boppard

Wunderland mit Blick auf den Rhein. Foto: Frank Kunert

Plakat Frank Kunert Wunderland

Wie man in der Spiegelung erkennt, liegt das Museum direkt am Rheinufer. Lastkähne und Ausflugsschiffe bilden durch die Panormafenster im Museum einen bewegten Hintergrund zur Wunderland-Ausstellung.

Wunderland (in) Boppard

Und wenn man wieder draußen steht, nimmt man die Umgebung anders wahr: Das Hotel Rheinlust nebenan könnte ein Element in einer der nächsten Kunertschen Wunderwelten werden. Und die Pflanzendekoration in den Fenstern des Ausflugslokals weisen eine irritierend künstlich wirkende Serialität auf.

Das Anekdotische ist aber nur ein Element der Kunertschen Arbeiten. Sein liebevoller, oft mitfühlender Blick auf die Sehnsucht nach Glück und einem Stückchen Freiheit – in Form eines Balkons beispielsweise – regt an, die eigene Wahrnehmung zu überdenken. Und sich zu fragen, was Glück bedeutet. Wie sieht die eigene kleine Welt aus? Und wie betrachten wir die Welt da draußen? Die Bilder von Frank Kunert wirken wie ein optisches Erfrischungstuch.

Bald erscheint nach „Verkehrte Welt“ und „Wunderland“ ein neues Buch. Bis dahin unbedingt die Ausstellung in Boppard besuchen! Die großen Bildformate geben im Unterschied zum kleinen Buch- oder Postkartenformat auch bisher kaum bemerkte Bilddetails preis. Es gibt die Objekte zu sehen und das Museum ansich ist sehr schön neu gestaltet.

Siehe auch Frank-Kunert.de

 

Grüße von der Buchmesse

Es gibt nicht mehr so viel Fotografiespezifisches auf der Buchmesse. Und da, wo man es vermutet, gucken alle auf Displays.

Hier sind mit Displays aber immer noch Aufsteller für den Buchhandel gemeint!

Social Media in der klassischen Printsektion, der Kalenderausstellung. #Dumont

Richtig virtuell wird es in der Abteilung TheArts+ in Halle 4.1

Es gibt aber haptische Hoffnung im Papeteriebereich. Hier bei Perlenfischer, wo ich einen Kamerastempel fand.

Und man kann auch real in fremde Welten eintauchen – wie hier am Hongkonger Gemeinschaftsstand.

Am Wochenende öffnet sich THE ARTS+, ebenso wie die Frankfurter Buchmesse, auch den Privatbesuchern. Am Messesamstag und -sonntag können die Besucherinnen und Besucher des Areals in einem Pop-up Museum einen völlig neuen Zugang zu Kunst und Kultur gewinnen. Bei „Innovation made in Germany“ zeigen Unternehmen aus Deutschland, welche Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit in ihnen steckt. Ebenfalls am Wochenende findet eine Modenschau statt, die Kreativität mit Technologie verbindet.

Auch fotogen: Die Deutsche Cosplaymeisterschaft (DCM) findet in diesem Jahr zum 11. Mal statt. Dabei werden die besten Cosplayer, die sich in sechs Vorentscheiden für das Finale qualifiziert haben, am Sonntag, 15. Oktober 2017, ab 13.30 Uhr im Saal Harmonie im Congress Center im Rahmen der Frankfurter Buchmesse ihre Meister küren. Der Live-Stream des Finales ist unter picarto.tv/cosplaydcm zu erreichen.

Alle Infos online.

Riebesehls Wolkenbilder in Göttingen

Unter dem Titel „Wolken: Poesie des Himmels“ werden am Donnerstag, 19. Oktober 2017, im Tagungs- und Veranstaltungshaus Alte Mensa in Göttingen zwei „Wolkenfachmänner“ Einblick in ihre Arbeit geben. Sie versuchen, die Frage zu beantworten, was sie als Wissenschaftler mit Wolken zu tun haben.

Warum Wolkenbilder?

Wolken faszinieren: Sie sind zugleich Naturphänomen und Projektionsfläche für die menschliche Fantasie; ihr Potenzial für Ideen scheint unendlich. Prof. Dr. Klaus Reichert, Literaturwissenschaftler, Autor und ehemaliger Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, nähert sich ihnen in seinem aktuellen Buch „Wolkendienst: Figuren des Flüchtigen“. Prof. Dr. Torsten Pflugmacher, Professor für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der Universität Göttingen, beschäftigt sich mit ihrer Kulturgeschichte. Derzeit vor allem mit dem Potenzial des Motivs in der Kinder- und Jugendliteratur und den Wolkenfotografien des Hannoveraner Fotografen Heinrich Riebesehl. Im Rahmen der Veranstaltung ist Riebesehls Wolkenserie erstmals zusammenhängend öffentlich zu sehen.

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Kreativ-Karriere 45 plus: Den eigenen Weg finden

Warum beginnen Menschen mit Lebenserfahrung ein Kunst- und/oder Fotografiestudium? Mein Eindruck ist, sie fühlen sich dann eher als Künstler legitimiert, wenn es schriftlich in Form eines Abschlusses belegbar ist. (Ehrlich gesagt: Keiner fragt danach, wenn Sie gut sind. Und wenn Sie nicht gut sind, interessiert es sowieso niemanden.) Bei jungen Menschen dient die Studienzeit der Persönlichkeitsbildung. Wer schon über Persönlichkeit verfügt, verschafft  sich bestenfalls strukturierten Freiraum. Schlechtestenfalls regrediert man. Und was folgt danach?

Unseen Amsterdam bietet vom 22. bis 24. September 2017 mit 50 Galerien einen Überblick über die aktuelle Fotokunst. Dort u. a. zu sehen: Number 1, 2017 © Pasi Orrensalo, mirko mayer gallery

„Was ist mit Galerien?“

wurde ich letzthin von jemandem, kurz vor dem Studienabschluss Stehenden, gefragt. Und gleich darüber ins Bild gesetzt, dass die fragende Person erwartete, darauf keine vernünftige Antwort zu erhalten: „Man liest ja viel darüber, aber das widerspricht sich auch.“ Zwei Regeln schienen festzustehen: Weiterlesen

Das aktuelle Chauvi-Foto

Es war einmal so schön, mit dem Fotografieren seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gar berühmt zu werden. Wir erinnern knallig bunte Bilder von jungen Frauen in verführerischen Posen. Der Mythos vom Fotografen, der die tollsten Models vor der Linse dirigiert und den ganzen Tag am Strand,  nachts in angesagten Clubs abhängt. Fotografie ist so sexy!

Heimat: Gretchenfrisur und Dirndelschlüpfer

Doch diese hartnäckigen Vorstellungen sind so Achtziger und Neunziger! Was nicht heißen soll, es gäbe das nicht mehr. In der Klum’schen Modelsuchsendung treten ja regelmäßig jene Fotograf*innen auf, die dafür sorgen, dass die Meedchen sexy rüberkommen. (Christian Schuller als ehrenwerte Ausnahme.) Das aktuelle Heft der ProfiFoto präsentiert mit dem anscheinend griesgrämigen Hans Feurer und der immer lustigen Ellen von Unwerth gleich zwei Vertreter der alten Chauvi-Fraktion – der anzugehören nun wirklich kein männliches Privileg darstellt. Das Titelbild zeigt eine nahezu nackte Frau mit Brustnippelpiercing und Gretchenfrisur an Weißwurst. Die Penissymbole am laufenden Meter bedienen den Geschmack jener Herren, an die sich auch die Potenzmittelwerbung richtet. Seit den Fünfzigerjahren wird mit der Frau als Lustobjekt unverändert versucht, Fotomagazine an den Mann zu bringen. Ziehen 2017 noch immer Titten-Titel? Jetzt „modern“ weil mit käsigem Blitzlicht!?

Fotografinnen kämpfen

Seit 29 Jahren und 301 Ausgaben beweist das Magazin Photonews wie eine Fotozeitschrift profitabel sein kann, ohne sich dezidiert an männliche Käufer zu wenden. Fotografinnen sind keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. Über 50 Prozent der Absolventen in der Berufsausbildung sind Frauen. Perfiderweise wird das oft mit den gesunkenen Einkommenserwartungen begründet. Frauen wären eher bereit, schlecht bezahlte Berufe zu ergreifen als Männer. Was für eine tendenziöse Interpretation! Empathischen, sensiblen und kreativen Menschen geht es womöglich weniger ums Geldverdienen als vielmehr darum, selbstbestimmt eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Was nicht heißt, dass sie alles dankbar annehmen, was ihnen monetär angeboten wird.

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Fotos sind nicht umsonst

Geldbündel

Die Wertschätzung für Fotografie zu fördern, ist mir ein Anliegen. Keiner meiner Vorträge oder Workshops kommt ohne dieses Thema aus. Fotografinnen und Fotografen können und müssen selbst etwas dafür tun, dass unser Lieblingsmedium nicht unter die Räder kommt. Fotografien klären auf, erweitern den Horizont, verkaufen Produkte. Sie können eine ästhetische/künstlerische Bereicherung sein. All dies sind Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt.

Ganz klar hat sich aber durch das Internet nicht nur die Masse an verfügbarem Bildmaterial, sondern auch unsere Einstellung zu Inhalten geändert. Heute ist es möglich, sich jederzeit und überall kostenlos informieren zu können. Es ist zu einem moralischen Wert geworden, sein Wissen zu teilen, ohne dafür eine monetäre Gegenleistung zu erhalten. Und obwohl ich parallel gegen Honorar schreibe, veröffentliche ich die Beiträge auf fotofeinkost kostenlos. Ich arbeite aber an einem kostenlosen Artikel nicht kürzer. Im Gegenteil, online ist beispielsweise nicht nur das Bildmaterial herauszusuchen, sondern auch aufzubereiten. All dies kostet Zeit, unbezahlte Zeit. Weiterlesen

Die Zukunft der Fotografie: Kian Saemian über Virtual Reality

Kian Saemian ist Senior Manager Business Development bei Mackevision, einem deutschen Spezialisten für Computer Generated Imagery, der unter anderem visuelle Effekte für die Blockbuster-Serie Game of Thrones produziert hat. Auszüge aus einem Gespräch, das der Photoindustrie-Verband am Rande seiner Konferenz mit ihm führte.

Herr Saemian, wieviel Hype steckt noch im VR-Thema?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einer Türe, hinter der sich ein extrem langer Gang befindet. Da, wo wir nun im Bereich VR stehen, haben wir die Türe aufgemacht und sind ein bis zwei Schritte gegangen. So würde ich den Stand von VR momentan beschreiben, in bezug auf die Nutzung und Ausschöpfung dieser Technologie. Das heißt, es ist noch ein extrem langer Weg mit vielen Verbesserungen. Der tatsächliche Hype um VR ist mittlerweile aber stark abgeflacht, da VR-Brillen seit über einem Jahr final für den Massenmarkt existieren. Für mich sind VR, AR und Mixed Reality zukunftsweisend. Sie werden wichtige Bestandteile für Industrien in der Zukunft sein.

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Rodtchenko im Musée Unterlinden, Colmar

Colmar, das hübsche elsässische Städtchen, bietet mit dem Musée Unterlinden und dem darin befindlichen Isenheimer Altar (1512-1516) eine der großen europäischen Kunstattraktionen. Aufgewertet und vergrößert wurde das Museum durch die Neugestaltung der Architekten Herzog & de Meuron. Der Besuch lohnt in diesem Sommer umso mehr, da vom 8. Juli bis 2. Oktober 2017 dort eine kleine, aber sehr exquisite Ausstellung des Künstlers der russischen Avantgarde, Alexander Rodtchenko (1891-1956), präsentiert wird.

Die hundert Exponate stammen aus der Sammlung des Staatlichen Museums für Bildende Künste A.S. Puschkin in Moskau und wurden kuratiert von Rodtchenkos Enkel, Alexandre Lavrentiev. Er erzählte die Geschichte hinter dieser Auswahl.

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Manfred Sickmann: Spargelernte

Spargelernte

Flinke Helfer bei der Spargelernte

„Seit ersten März 2017 bin ich nun Rentner. Schon im letzten Jahr war klar, dass ich diesen Lebensabschnitt mit einem Fotoprojekt beginnen möchte“, schrieb mir Manfred Sickmann aus Baden-Württemberg als Reaktion auf meinen Mai-Newsletter. „Vielen Dank zunächst für Ihre vielen hervorragenden Anregungen, die ich aus Ihren Büchern Fotografie mit Leidenschaft und Fotopraxis mit Perspektive – wie auch dem Paper Wer fotografiert hat mehr vom Leben (kostenloser Download) bekommen habe. Großes Lob für Ihre klaren, differenzierten und sehr kompetenten Texte.

Seit 2008 fotografiere ich ernsthaft und leidenschaftlich alles mögliche – mit mäßiger Zufriedenheit. Immer auf der Suche nach der eigenen Bildsprache, die ich aber bis heute nicht wirklich gefunden habe. Von dem hohen Anspruch, so gut wie die Profis zu sein, habe ich – auch Dank Ihrer Anregungen – Abschied nehmen können. Seitdem gehe ich mein Hobby sehr viel entspannter an. Und dann war bei Ihren Anregungen ja noch der Aspekt „Projekt“. Das hat mir von Anfang an eingeleuchtet. Die Zeit, meine Ideen umzusetzen, hat mir aber während meiner Tätigkeit als Arbeitstherapeut in der Psychiatrie gefehlt.

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Die Zukunft der Fotografie: Objektive

Flach, flüssig – oder ganz anders?

Aktuell setzt die Physik der Miniaturisierung von Kameraobjektiven noch enge Grenzen. Der Bedarf gerade an Mini-Kameras mit hoher Bildqualität in der Medizintechnik, dem Smart Home, der Robotik oder beispielsweise der Fabrikautomatisierung ist groß. Daher sind Forschergruppen und Hersteller dabei, die Bauweise von Objektiven neu zu erfinden. Davon dürften langfristig auch Amateur- und Profifotografen profitieren. „Mithilfe neuer Materialien und Technologien könnten neue Objektivkonstruktionen die Fotografie, wie wir sie heute kennen, komplett revolutionieren“, erklärt Christian Müller-Rieker, Geschäftsführer des Photoindustrie-Verbandes e.V. (PIV).

Warum wir überhaupt mit Objektiven fotografieren

Dank digitaler Kameras voller Mikroelektronik können Fotografen heute so bequem und kreativ Bilder festhalten wie nie zuvor. Ohne eine analoge Erfindung aus dem 18. Jahrhundert wäre die Freude deutlich kleiner. Fotos entstehen durch Licht und das will dafür gebändigt werden. An dem Prinzip, Licht kontrolliert durch einen Linsen-Korridor aus Glas zu navigieren, hat sich bis heute nichts geändert. In richtigem Abstand zueinander angeordnet, ermöglichen erst speziell geschliffene Linsen den Bildausschnitt und die Schärfeebene zu definieren. Ohne ein derartiges optisches System würde ein Foto mit aktueller handelsüblicher Technik nur aus unkenntlichem „Bildmatsch“ bestehen.

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Amsterdam: 2 Fotoausstellungen im Rijksmuseum

Viviane Sassen-Sea Views

Das Rijksmuseum zeigt vom 17. Juni bis 17. September 2017 eine umfangreiche Übersichtsausstellung zur Fotografie des 19. Jahrhunderts sowie Meeresansichten.

Dreihundert Fotografien aus der eigenen Sammlung des Museums illustrieren die Vielfalt, die die Fotografie bereits kurz nach ihrer Erfindung im Jahre 1839 besaß. „New Realities. Fotografie im 19. Jahrhundert“ zeigt nicht nur Porträts, Aktaufnahmen, Stadtansichten und Reisebilder, sondern auch wissenschaftliche Fotografien, Reklamefotos und die ersten Amateuraufnahmen und Schnappschüsse.

Rijksmuseum 2017

Anne Atkins, Algen, 1843-1853, © Rijksmuseum

Ein revolutionäres Medium

Kein größerer Gegensatz ist denkbar als der zwischen der Flüchtigkeit des Fotografierens heute und den aufwändigen Experimenten der frühen Fotografen. Zweifellos führte das neue, magische Medium zu einem revolutionären Bruch mit der traditionellen Bildauffassung, wie man sie bis dahin von Gemälden, Zeichnungen oder Kupferstichen her kannte. Die Fotografie war der Anfang einer vollkommen neuen Art des Sehens und der Darstellung von Wirklichkeit.
Die Ausstellung rekonstruiert, wie man damals aufbrach, um mit der Kamera die Welt zu entdecken – vom Alltag vor der eigenen Haustür bis hin zum Leben unbekannter Völker im fernen Asien.

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Paris: Autophoto Ausstellung

Autophoto: Lee Friedlander

Lee Friedlander, California, 2008 Série America by Car Tirage gélatino-argentique, 37,5 × 37,5 cm Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Autophoto: Ray K. Metzger

Ray K. Metzker, Washington, DC, 1964 Tirage gélatino-argentique, 20 × 25,5 cm Courtesy Les Douches la Galerie, Paris / Laurence Miller Gallery, New York © Estate Ray K. Metzker, courtesy Les Douches la Galerie, Paris / Laurence Miller Gallery, New York Ray K.

Autophoto: Justine Kurland

Justine Kurland, 280 Coup, 2012 Impression jet d’encre, 47 x 61 cm Courtesy de l’artiste / Mitchell-Innes & Nash, New York © Justine Kurland

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