Kategorie: Fotobuch

Peter Braunholz: Fotografische Wirklichkeiten

Gerade frisch erschienen ist der Bildband „Fotografische Wirklichkeiten“ von Peter Braunholz im Kehrer Verlag (140 Seiten, 39,90 Euro). In den vergangenen Jahren hat sich der 1963 geborene Bildautor zu einem international vielfach ausgestellten und sehr präsenten deutschen Fotokünstler entwickelt.

Im Vorfeld der Buchveröffentlichung hatte ich Gelegenheit, mit Peter Braunholz ein Interview für das Magazin Fine Art Printer zu führen, das in der aktuellen Ausgabe (2/17) nachlesbar ist. Zur Buchproduktion fragte ich ihn:

Welchen Stellenwert hat diese Bildbandveröffentlichung für Sie? Auch unter dem Aspekt, dass für solch eine Buchproduktion in der Regel eine größere finanzielle Investition erforderlich wird.

Peter Braunholz: „Nun liegen aus über fünfzehn Jahren Arbeiten vor, da kommt die Veröffentlichung  für mich zum richtigen Zeitpunkt. Der Prozess der Buchproduktion ist spannend und lehrreich zugleich: Welche Bilder sollen in jedem Fall hinein? Welche können wir weglassen? Wie muss der Ablauf aussehen? Arbeiten, die mir bislang nicht so bedeutsam erscheinen, bekommen vielleicht in einem Buch einen ganz anderen Stellenwert. Welche Rolle spielt die internationale Veröffentlichung für das Design?

Dass ich den Kehrer Verlag und Gérard Goodrow, den früheren Direktor der Art Cologne, für das Projekt gewinnen konnte, freut mich in mehrfacher Hinsicht: Kehrer ist ein renommierter, auf Fotokunst spezialisierter Verlag, und Gérard Goodrow ein ausgewiesener Fotokunst-Kenner und hervorragender Autor, der zudem zweisprachig arbeitet. Er kennt meine Arbeit, wir hatten im letzten Jahr im Rahmen meiner Einzelausstellung in der Galerie Anja Knoess in Köln einen Artist Talk, der übrigens auch als Film bei YouTube zu sehen ist. In puncto Marketing soll das Buch natürlich auch ein Instrument sein, Interesse für meine Arbeit zu wecken. Das Programm des Kehrer Verlags wird von Fachleuten und Liebhabern beachtet. Das Buch wird in „meinen“ Galerien ausliegen, bei Ausstellungen und Messen, in Buchhandlungen. Es kam schon öfter vor, dass Sammler Arbeiten sozusagen direkt aus dem Katalog gekauft haben. Erfreulich wäre, wenn das Buch auch helfen kann, interessante Ausstellungsprojekte anzustoßen. Ganz besonders dankbar  bin ich den Sammlern und Freunden, die das Projekt finanziell unterstützt haben. Ohne sie wäre es für mich nicht möglich gewesen, das Buch so rasch auf den Weg zu bringen.“

Bildband Peter Braunholz Doppelseite Topophilia

Doppelseite der Serie „Topophilia“

Peter Braunholz Monolith-Doppelseite

Doppelseite „Monolith“, Norwegen 2015

Peter Braunholz Bildband

Schön gelöst: Der Textblock, sonst am Ende eines Bildbandes, ist hier in der Mitte und trennt zwei unterschiedliche Werkgruppen.

Peter Braunholz: Chinese Dreams, Suzhou 2013

Mehr über Peter Braunholz auf seiner Website. Folgen Sie ihm in den digitalen sozialen Netzwerken.

Der eigene Bildband

Ein Bildband mit den eigenen Fotos ist so lange ausschließlich eine wunderbare Art der Bildpräsentation, wie man die Auflage klein hält. Sucht man mit seiner Arbeit die Öffentlichkeit, investiert mithin ziemlich viel Geld in den Druck, sollte man vorzugsweise schon zu Beginn überlegen, wer das Buch kaufen würde. Und sich auch vorab mental rüsten, mit der Downside des Publizierens umzugehen: Mit negativen oder gar nicht erfolgenden Buchbesprechungen, mit großen Stapeln unverkaufter Bücher im Lager, mit dem Verramschen des guten Stückes zum Schleuderpreis. Das gehört nämlich auch alles zum Alltag des Autors, wird aber gerne verschwiegen. Lassen mich also ein paar sachdienliche Fragen stellen.

Wozu überhaupt einen Bildband veröffentlichen?

Dazu sollte man sich die Frage ehrlich beantworten, ob es nur um das Gefühl geht, etwas publiziert zu haben. Dazu würden nämlich 20 bis 50 Exemplare reichen, die man an Friends & Family oder an seine Kunden verteilt. Oder gibt es eine echte Nachfrage nach dem Inhalt/dem Künstler, die eine Auflage von 500 bis 2.000 Exemplaren rechtfertigt? Um die Menschen zu erreichen, die sich für den Inhalt interessieren, muss man sehr viel Arbeit investieren. Und zwar höchstselbst und möglichst lange andauernd. Es wäre ein Traum, wenn das der Verlag leisten könnte. Aber ein Verlag ist kein Grand Hotel mit dreimal so viel Personal wie Gästen.

Wozu dient der Bildband?

Vor der Digitalisierung war der Bildband wichtig zur Information. Wollte man beispielsweise in ein Land oder in eine Metropole reisen, schaute man in einen Bildband, um vorab etwas zu sehen. Heute guckt man sich bei Google Earth die Stadt ungeschönt an, und bei Airbnb wie die Leute dort wohnen. Bei YouTube gibt es zudem Videos, in denen man Details über Streetfood, Strand oder das Nachtleben vorab betrachten kann.

Vor der Digitalisierung brauchte man monografische Bildbände, um sich über die Arbeit eines Künstlers zu informieren, vor allem, weil man nicht alle Ausstellungen ansehen kann. Heute ist die Website des Fotografen das optimale Medium, Serien und Projekte zu präsentieren. Und wenn der Bildautor das richtig macht, indem er zu den Bildern Text verwendet, sorgt diese Website ganz von alleine für die Verbreitung der Arbeiten.

Wozu also zusätzlich einen Bildband gestalten? Okay, wegen des Ruhms. Ob die Veröffentlichung eines Bildbandes jene Anerkennung des Kulturbetriebs nach sich zieht, auf die man spekuliert, ist höchst unsicher. Das hängt davon ab wie interessant und originell das Bildmaterial ist sowie von dem Einsatz, den man hinter der Kamera und hinter dem Buch leistet.

Ganz sicher kann man vom Bildband als einer der wichtigen Präsentationsformen in der Fotografie ausgehen. Daher möchte ich diese nun näher beleuchten und hinsichtlich des Verwertungskontextes auf meinen immer noch gültigen Beitrag von 2009 verweisen.

Was ist beim Bildband als Präsentationsform ausschlaggebend?

Wenn also Information keine besondere Rolle mehr spielt, was bleibt dann übrig? Darüber machen sich leider viel zu wenig Buchproduzenten ernsthafte Gedanken. Gerade weil die traditionelle Hauptaufgabe entfällt, ist es umso wichtiger, dem Buch eine Binnenspannung zu geben, also an einer Dramaturgie zu feilen. Nun werden genau das die meisten Fotografen durchaus für sich in Anspruch nehmen. Aber leider, leider haben sie oftmals nicht an den Betrachter gedacht, der die Bilder ja zum ersten Mal sieht. Und meist kann der Erstbetrachter kaum etwas davon nachvollziehen, was dem Fotografen so selbstverständlich ist. Der Fotograf war dabei, als das Bild gemacht, nachbearbeitet und ausgewählt wurde. Dem Bildbandbetrachter fehlt diese Vertrautheit völlig. Er muss sich erst in eine fremde Bildwelt hineindenken.

Bildband Ruecken

Kann ein nackter Rücken beim Bildband entzücken? (Im Regal eher nicht.)

Soll es ein Buch werden, wäre es extrem hilfreich, wenn die Serie von vornherein ein überzeugendes Konzept hätte. Nimmt man die Präsentationsform Fotobuch ernst, muss es sich durch mehr auszeichnen als durch einen bedruckten Pappdeckel um die Bilder und einen Text von Klaus Honnef zur Einführung. Einzelbilder in bunter Reihenfolge – das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

1. Buchmodell Villa Kunterbunt

(„Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt …“) Hauptmerkmal des Editings: Statt den Betrachter durch ein Thema zu leiten, durchmischt der Fotograf das Bildmaterial, wahrscheinlich damit „Abwechslung“ entsteht. Klar, er kennt ja die Motive. Aber bei allen, die das Bildmaterial zum ersten Mal sehen, wird er eher Unverständnis erzeugen. Was will der Autor uns mit der Bildabfolge sagen? Besonders problematisch wird es, wenn beispielsweise zwei oder drei Motive, die sichtlich am gleichen Ort zu gleichen Lichtverhältnissen aufgenommen wurden, im Bildband verteilt werden.

Auf der einen Seite fordern die Bildautoren ein, man möge genau hinsehen und ihre Arbeit würdigen, auf der anderen halten sie dann den Betrachter für zu oberflächlich, als dass es ihm auffalle? Was ist das für eine seltsame Logik? Würde man die Motive nacheinander bringen oder als visuell spektakuläres Triptychon, hätte der Betrachter viel mehr Chancen, zu begreifen, was den Fotografen daran fasziniert hat oder worum es ihm dabei ging.

Aber Achtung: die Rede ist von zwei, maximal drei Motiven, nicht vom Modell:

2. Das Karussell

Eine Motivgruppe, endlos variiert. Das kann großartig werden, wenn es typologisch angelegt ist. Dem Betrachter erschließen sich dann über den Vergleich die minimalen Differenzen, die er sonst nicht sehen würde. Prominentes Beispiel sind die Industrie-Typologien der Bechers, aktueller die Typologien (Menschenaffen, Schulhöfe) von James Mollison. Da dreht man gerne noch einmal eine Runde, und guckt den Band wieder von vorne an.

Unfassbar langweilig sind hingegen Bücher, die auf diesen streng typologischen Ansatz verzichten und trotzdem Bilder aneinander reihen, bei denen das Motiv immer ähnlich aufgebaut ist. Viele Fotografen verwenden ganz intuitiv stets einen ähnlichen Bildaufbau. Wenn sie beim Bildbandlayout zudem gänzlich auf Überraschungen verzichten, wird es optisch langweilig. Oft auch geistig. Den Betrachter zu unterfordern ist gerade in der Kunst keine gute Idee. Warum sollte man einen Bildband kaufen, wenn er weder visuelles Vergnügen verspricht noch intellektuell fordert? Um den Fotografen zu ehren? Im Ernst? Das war im 19. und 20. Jahrhundert vielleicht noch so.

3. Talking Heads

Eine relativ häufig anzutreffende Form ist das Foto (meist ein Porträt) in Kombination mit einer Aussage des Porträtierten. Da fragt man sich natürlich zunächst kritisch, ob hier wenig aussagestarke Fotos mithilfe von Text aufgepäppelt werden sollen. Das muss nicht unbedingt so sein. Es kann sich um ein schwierig zu visualisierendes Thema handeln, wie bei „Phone Sex“ von Philip Toledano. Den Porträtierten sieht man ihre Tätigkeit nicht unbedingt an. Der Buchtitel wäre ein guter Hinweis zur Ausdeutung der Bilder. Durch die Interviewfragmente wird der journalistisch/dokumentarische Charakter betont und natürlich auch die Präsentationsform Buch gut genutzt.

Ein Buch verbindet man in erster Linie mit Text. Dass man auch Fotografien lesen kann, ist als Kulturpraktik leider nicht sehr entwickelt – was Fotografen häufig ignorieren.

Stand des renommierten amerikanischen Fotobuchverlags Aperture auf der Frankfurter Buchmesse.

Was beim eigenen Bildband ideal wäre

Die Buchform ernst genommen haben natürlich schon viele Fotografen. William Klein beispielsweise vor allem mit der Kombination aus Grafik und Schwarzweißbildern, die aus den Seiten den Betrachter anspringen. Robert Frank mit „The Americans“ ist sicher DAS prominente Beispiel, an dem sich bis heute Fotografen abarbeiten. Über mehr solcher spannender Fotografen-Bildbände schreibe ich in „Fotografie mit Leidenschaft“. (Das fällt nur deswegen nicht so direkt ins Auge, weil die Verlage tatsächlich untersagt haben, die Buchcover abzudrucken.)

Für die Präsentation im Buch gilt es eine eigene Form zu finden, die Bilder so zu sequenzieren, dass der Betrachter sich einen Reim auf Auswahl und Abfolge machen kann. Es sollte Überraschungen geben, wenn vielleicht auch nur auf der Layoutebene. Zum Beispiel wäre es abwechslungsreicher, wenn nicht jedes Bild rechts steht neben einer weißen Seite, sondern ab und an auch die linke Seite „bespielt“ wird. Zugleich sollte man natürlich darauf achten, dass Beispielsweise ein Grafiker nicht aus grafischen Gründen ausgerechnet die Abbildung eines detailreichen Motivs verkleinert. Für ein Thumbnail muss man gegebenenfalls ein plakativeres Bild finden. Die richtige Auswahl und Abfolge (gemeinsam) zu bestimmen, macht ja die Arbeit, aber auch die Freude aus.

Ein Plädoyer für die Bildunterschrift

Auch ist es leider eine verbreitete Unsitte, den Betrachter gerade bei komplexen Themen ganz ohne aussagestarke Bildunterschrift zu lassen. Selbst wenn ein Bild für sich sprechen kann, ergibt sich durch den Hinweis auf Ort und Umstände eventuell noch eine tiefere oder weitere Bedeutung. Das sollte man nicht außer Acht lassen.
Ob das Gelobhudel am Anfang des Buches jemand liest, sei einmal dahin gestellt, aber die Bildunterschriften werden immer gelesen, ganz automatisch. Es macht also Sinn, diesen Lesereflex für sich zu nutzen. Man könnte sogar so weit gehen, in den Bildunterschriften etwas zu behaupten, das durch das Motiv selbst gar nicht gedeckt wird – einfach um den Betrachter zum Nachdenken über die Glaubwürdigkeit von Fotografie anzuregen oder um auf etwas außerhalb des Bildausschnitts zu verweisen.

Auch nicht vergessen werden sollten die biografischen Angaben oder überhaupt Wissenswertes zum Fotografen. Solch ein Buch ist auch eine Maßnahme der Eigenwerbung. Meist sogar in erster Linie. Daher sollte man dazu stehen und sich als Bildautor vorstellen.


Fragen Sie gerne nach einer persönlichen Beratung für Ihr Projekt – je früher desto besser kann ich Sie unterstützen und ermutigen, das Optimale zu erreichen.

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Wolfgang Strassl: Homeland

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Es ist erschienen! Wolfgang Strassl fotografierte „East Jerusalem Landscapes“ als Thema im Langzeitworkshop 2015 (siehe hier) und (hier). Jetzt ist im Kerber Verlag ein Bildband mit der Serie veröffentlicht worden.
Im Verlagsprogramm heißt es: „Die Stadt Jerusalem steht seit Jahrzehnten im Brennpunkt des Nahostkonfliktes. Am deutlichsten zeigen sich dessen humanitäre Auswirkungen im besetzten Gebiet von Ost-Jerusalem und dem umliegenden Westjordanland (West Bank). Palästinensische Einwohner und israelische Siedler leben dort mit sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen und Perspektiven in einem Ballungsraum nebeneinander, in feindlicher Nachbarschaft und voneinander abgeschottet durch Mauern und Zäune.
Mit seinen dokumentarischen Fotografien in diesem Buch erkundet Wolfgang Strassl diese urbanen Landschaften und eröffnet einen seltenen Blick auf die tiefen Spuren und Narben, die der Konflikt dort über Jahrzehnte hinterlassen hat.“

128 Seiten, 87 farbige Abbildungen, 29,7 x 20 cm, Hardcover in Leinen, gebunden, Text englisch, ISBN 978-3-7356-0252-7, 38,00 Euro. Hier bei Amazon bestellen.

Sie würden auch gerne dabei unterstützt werden, eine veröffentlichungsreife Serie zu fotografieren? Dann schreiben Sie mir. Gerne informiere ich Sie über die Möglichkeiten eines individuellen Coachings oder setze Sie auf die Interessentenliste für eine Workshop-Teilnahme 2017.

Julia Runge: Basterland

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„Three Generations of Basterwomen“
Drei Generationen von Basterfrauen posieren für ein Familienportrait in den Bergen von Sam Khubis. Anlässlich der 100-Jahrfeier des Aufstandes gegen die deutsche Kolonialmacht tragen sie ihre besten handgenähten Kleider. Sam Khubis in Namibia, 8. Mai 2015

In Namibia hat Julia Runge ihre Abschlussarbeit an der Ostkreuzschule fotografiert und war damit, wie berichtet, einer der Gewinner des Popcap ’16. Schon als ich sie für „Fotopraxis mit Perspektive“ interviewte (Leseprobe), sprach sie von ihrem Plan, die sich selbst Baster nennende Ethnie in ihrer gefühlten zweiten Heimat Namibia zu fotografieren. Den Bildern sieht man an, dass Julia Runge wie schon bei früheren Aufenthalten mit den Porträtierten lebte und in die Hausarbeit eingebunden war. Weiterlesen

Patrik Fuchs: Schneezeichen

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„Schneezeichen? Was ist das?“, fragte ich mich, als ich vom Zürcher Fotografen Patrik Fuchs (von dem ich ein „Nistkästen“-Bild in meiner Sammlung habe) eine Email erhielt. „Und was sind das für bunte Striche?“ Was dem Schweizer oder auch dem Bayern ganz vertraut sein mag, ist eben im schneefernen Rhein-Main-Gebiet ein Rätsel. Sie werden nämlich nur bei Schneehöhen über 50 cm eingesetzt, um den Fahrbahnrand zu markieren. Und lustigerweise sind sie in unserer durchgenormten Gesellschaft nicht normiert, es gibt also sowohl vom Material her als auch von den Farbigkeit zahlreiche Varianten. Weiterlesen

Terra Armenia von Erol Gurian

Nur noch wenige Tage – bis zum 25. Mai 2015 – ist seine Ausstellung in München im Gasteig (Aspekte Galerie im 2. OG) zu sehen. Der Fotojournalist Erol Gurian porträtierte Diaspora-Armenier in den USA, Frankreich, Libanon und Deutschland und zeigt ihre Herzensorte in Armenien. Diese Bildpaare werden ergänzt durch Anekdoten von besonderen Begegnungen und Ereignissen. Die Abgebildeten erzählen, was sie mit diesen Orten verbindet und warum sie ihnen wichtig sind; zum Beispiel Ardag Geokjian, 15 Jahre, aus Anjar im Libanon, dessen Lieblingsort der Platz der Republik in Eriwan ist.

Ardag Geokjian, 15 Jahre, Schüler. Anjar, Libanon, 2014. Aus "terra arMEnia", www.terraarmenia.com

Ardag Geokjian, 15 Jahre, Schüler. Anjar, Libanon, 2014. Aus „terra arMEnia“

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Wie Jacqueline Hassink in Zen-Tempeln fotografiert

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Jacqueline Hassink: Shisend-do 8, Spring, May 2009 (Courtesy Hatje Cantz)

Gedanken zum Buch „View, Kyoto“ aus dem Hatje Cantz Verlag

Auf die Frage nach den schönsten Orten der Welt antworte ich: Hawaii, womöglich Paris, ganz gewiss jedoch einige Gärten in Kyoto. „Schön“ ist dabei kein verlässlicher Terminus, jedoch einer, der gerade im Zusammenhang mit Fotografie häufig im Gebrauch ist. Ich meine damit mehr als dass etwas angenehm aussieht. Ich spreche von einem Ort, der die Seele berührt und das eigene Leben im Positiven verändert, einem Ort, an dem man Zuflucht suchen kann, weil er auf besondere Weise Geborgenheit vermittelt. Bilder von Hawaii zeigen Traumstrände und spektakuläre Natur, nicht jedoch das überwältigende Empfinden der Naturgewalten um einen herum, das milde Klima, das Gefühl, loslassen zu können. Auf Hawaii ist das eine körperlich erfahrbare Schönheit, in Japan in den Gärten ist es eine geistige. Die in ihrer Konzeption visuell ausgeklügelten, über Jahrhunderte gepflegten und verfeinerten Anlagen vermitteln eine ästhetische Erfahrung, die extrem komplex ist und alle Sinne fordert. Es sind über die Zeitläufte erhaltene, zugleich aber im Verlauf eines Jahres sich wandelnde Bilder. Darum ist es so reizvoll, diese Gärten mehr als einmal zu besuchen. Wie andere gelungene Kunstwerke, werden sie dem Betrachter stets neue visuelle Erfahrungen ermöglichen. Weiterlesen

300 x Karlsruhe – Gesichter einer Stadt

Stuhl Karlsruhe x 300

Ein Bürostuhl namens Karlsruhe. „Den Designer Kilian Schindler und seine Frau Rebecca verbindet eine Art Hassliebe mit der Fächerstadt“, schreibt Katja Stieb.

Eine Stadt feiert Geburtstag. Im Jahr 2015 wird Karlsruhe 300 Jahre alt. Eine vergleichsweise junge Stadt, die im Geiste des aufgeklärten Absolutismus gegründet wurde. Aber was für eine Stadt ist das heute? Der Italiener Gustavo Alàbiso lebt seit 1990 in Karlsruhe und hatte die Idee, zum Jubiläum Einwohner zu porträtieren, Geschichten von bekannten und weniger bekannten Menschen zu dokumentieren, die diese Stadt ausmachen. Weiterlesen

Iwona Knorr: Zum Fischen geboren

In Erwartung

Letzte Fahrt

Eisbrecher bauen

Früh raus

„Sie gaben mir ihr Ölzeug und lehrten mich, den Hering aus den Maschen zu pulen“, schreibt die Fotografin. „Als ich einmal ihren Spuren in die entlegene Hütte folgte, in der sie ihre Netze flickten, schickten sie mich nicht weg und waren mit den Aufnahmen einverstanden, lange bevor ich verstanden habe, weshalb ich diese Bilder mache. Sie ließen mich an ihrem Leben teilhaben …“
Von 2009 bis 2014 fotografierte Iwona Knorr Küstenfischer auf Rügen. Eine aussterbende Spezies, der eine im Rheinland lebende gebürtige Polin mit ihrem Buch „Zum Fischen geboren“ ein visuelles Denkmal setzt. „Fischerdörfer verwandeln sich in Feriensiedlungen, Yachten ersetzen die Kutter in den Häfen, Holzboote wurden in den Vorgärten zur Dekoration abgestellt“, beobachtet sie. Mit einem Rüganer verheiratet und Mutter von zwei Töchtern, ist sie mit ihrer Familie mehrmals im Jahr auf der größten deutschen Insel. Als Iwona Knorr mit ihrem fotografischen Selbstauftrag begonnen hatte, entwickelte sich rasch ein Vertrauensverhältnis zu den Fischern, deren Arbeitswelt sie in nahen, einfühlsamen Bildern einfängt. „Es fühlte sich gut an, in eine fremde Welt einzutauchen und für kurze Zeit zu vergessen, wer ich war“, schreibt sie im Vorwort zu ihrem selbst verlegten hochwertig aufgemachten Bildband, der bei der Fotografin erworben werden kann. So ein Buch zu produzieren, ist immer eine große und mutige Investition. Wer also Rügen-Fan ist oder jemanden kennt, dem er mit dem Buch eine Freude machen kann, möge es bitte bei der Fotografin direkt bestellen oder den Tipp weiterleiten.

Iwona Knorr: Zum Fischen geboren
24 cm x 28 cm, Hardcover | 120 Seiten, 90 Bilder
Auflage: 450 + 50 (Collector’s Edition)
ISBN 978-3-00-046787-5 | 49,00 €

Olaf Otto Becker: Reading the Landscape

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Gäbe es einen Nobelpreis für Fotobildbände, dann müsste er 2014 an Olaf Otto Becker verliehen werden. Für die unfassbare Leistung, die hinter den Arbeiten „Reading the Landscape“ steht; für den Einsatz, in wunderbaren Landschaftsaufnahmen zu erzählen vom Regenwald, von seiner Zerstörung und von den ebenso skurrilen wie hilflosen Versuchen, Natur im städtischen Umfeld zu rekonstruieren. Olaf Otto Becker, der 1959 in Lübeck geboren, bei München lebt, schrieb in seinem Blogbeitrag bei HatjeCantz: Weiterlesen

Glänzend! Das Fotoprojekt „Beletage“ von Lars Nickel

062 (c) Lars Nickel
Wie findet und fotografiert man fremde Menschen in deren Wohnungen? Wie präsentiert man ein Fotoprojekt? Kann man vom Fotografieren leben? Drei Fragen, die sich viele Fotografierende stellen. Eine Antwort heißt „Beletage“ und wird gegeben vom „freundlichen Familienvater“ Lars Nickel. Der Untertitel seines Bildbandes mit Porträts in Berliner Wohnungen lautet „Ansichten eines Fensterputzers“. Das klingt nach betörend originellem Alleinstellungsmerkmal, weckt aber vielleicht falsche Vorstellungen. Zum Beruf des Fensterputzers kam der Vater von zwei Söhnen aus ökonomischen Erwägungen – und weil es eine familiäre „Vorbelastung“ gab. Zuerst aber war da die Liebe zur Fotografie, unter anderem eine Ausbildung zum Mediengestalter. Die scheint sich bewährt zu haben, denn die Gestaltung sämtlicher Medien ist so fein und durchdacht, dass man vor dem Gesamtprodukt – Buch, Website und Video – nur den Hut ziehen kann. Oder haben Sie schon einmal einen Bildband aufgeschlagen, dem eine Visitenkarte beilag? In diesem Fall sogar zwei, nämlich eine des Fotografen Lars Nickel und eine, die für ihn als Fensterputzer wirbt. (Ich befürchte jedoch, er arbeitet nicht bundesweit.) Weiterlesen

Christoph Rohrbach: Das Zementrevier Beckum-Ennigerloh

Einst galt die Region Beckum-Ennigerloh als das größte zusammenhängende Zementrevier der Welt: Im Umkreis von zwölf Kilometern standen 32 Zementwerke. Kohle kam aus dem Ruhrgebiet, Kapital aus dem Rheinland und Kalkstein aus der Erde. Heutzutage wird nur noch in vier Werken Zement produziert. Die Namen der aufgegebenen Standorte geraten in Vergessenheit. Die Relikte der alten Werke werden langsam zu dem, was der Historiker Rolf Peter Stieferle als die „antike Stätten von morgen“ bezeichnet – die Erinnerung und das Andenken an das einstige Revier schwinden.

Christoph Rohrbach hat ein Jahr lang recherchiert, Zeitzeugen interviewt und Luftbilder ausgewertet, um alle 32 Standorte von damals wiederzuentdecken und zu fotografieren. Geboren wurde er 1974 in Beckum, studierte in Münster Marketing und Kommunikation und ist seit 20 Jahren als Autodidakt in der Fotografie aktiv. Er liefert ein weiteres Beispiel zu jenen 16 in meinem Buch „Fotopraxis mit Perspektive“ (FPMP) vorgestellten Projekten, dafür, dass die Konzentration auf und die Auseinandersetzung mit einem Thema zum Erfolg führen, und zwar ganz gleich, ob man auch beruflich fotografiert oder sich der Serie ausschließlich in seiner Freizeit widmet. Weiterlesen

„Fotopraxis mit Perspektive“ ist erschienen!

Nun ist es fertig und portofrei über den Shop im Fotofeinkost Verlag ab sofort zu beziehen: „Fotopraxis mit Perspektive – 16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher“.

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In einem 35seitigen Essay gehe ich der Frage nach, wie sich Fotografen am besten für die Zukunft rüsten – ganz praktisch gedacht, um weiterhin Geld zu verdienen.

Die Idee hinter dem Buch ist, genau zu gucken, wohin sich das fotografische Metier entwickelt und was jeder Einzelne den negativen Effekten der heutigen Bilderflut entgegensetzen kann, um auch weiterhin sein Glück mit und in der Fotografie zu finden.
Ein intensiveres Erleben und mehr Aufmerksamkeit für die Ergebnisse sind nur zwei der positiven Effekte von Fotoprojekten. Der Königsweg in der Fotografie im 21. Jahrhundert ist aus meiner Sicht die thematische Serie oder allgemeiner ausgedrückt: ein inhaltlich durchdachtes Fotoprojekt im Unterschied zum fototechnisch bestimmten Einzelfoto. Weiterlesen

Dirk Brömmel: Kopfüber ins Buch

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Mit der Buchpublikation hat sich Dirk Brömmel einen Traum erfüllt, das merkt man dem aufwändig gestalteten Buchobjekt an. „Detailgetreu von oben fotografiert werden Schiffe zu neuartigen Objekten, die vom Betrachter entdeckt und erschlossen werden wollen. Weiterlesen

Das gute Leben in Palm Springs – Fotografien von Nancy Baron

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Nancy Baron: Bright Yellow

Die amerikanische Fotografin und Dokumentarfilmerin Nancy Baron entwirft ein an Farben und Formen orientiertes Bild von Palm Springs. Man merkt sogleich, dass sie eine große Zuneigung zu diesem auch im Winter warmen Ort hat, der in den Fünfzigerjahren die Hollywoodstars anzog. Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr., George Hamilton, Bob Hope, Albert Einstein, Bing Crosby, Kirk Douglas und Cary Grant hatten Häuser in Palm Springs. Nicht irgendwelche, sondern die der führenden Architekten ihrer Zeit: Richard Neutra, John Lautner oder Donald Wexler, der sogar mit einem Text im Buch vertreten ist. Gut konserviert in der trockenen Wüstenluft besitzt Palm Springs die höchste Konzentration an Mid-Century Architektur. Zwischen dem „Rat Pack“ der Fünzfiger und dem Coachella Festival-Vibe der Neuzeit bewegen sich auch die farbigen, stets sonnig wirkenden Motive, die Nancy Baron hier fand. Sie nimmt den Betrachter ihres Buches mit auf eine Exkusion durch Häuser und vorbei an frisch polierten „Ami-Schlitten“ über Grundstücke mit unökologisch grünem Rasen. Ein bisschen Immobilientour ist schon dabei – was keine Kritik sein soll.

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Nancy Baron: Backyard Morning

Nancy Baron greift Details heraus, die wiederum Details beinhalten, wie die Spiegelungen der Landschaft im Autolack oder in der Oberfläche des Pools. Gelungen finde ich die Balance zwischen der Reduktion auf Farben und Formen, ohne dabei banal zu werden – von wenigen Ausnahmen wie den Pudelhintern auf der grünen Couch (Seite 24) einmal abgesehen. Grundsätzlich geht sie, die angibt, selbst in Palm Springs zeitweise gewohnt zu haben, behutsam zu Werke, stellt fest, aber nicht bloß.
Wie oft bei Büchern von amerikanischen Fotografen über amerikanische Phänomene – wenn nicht gar, wie hier, über den amerikanischen Traum schlechthin – stelle ich mir vor, wie anders wir in Europa die Bilder wahrnehmen. Was sehen wir? Hollywood? Mid-Century Modernism? Bunte Muster innen und Häuser vor imposanter landschaftlicher Kulisse? Finden wir das nur gut, weil es so exotisch anmutet?

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Nancy Baron: Bob’s Closet

Ich finde, die formal recht schlicht gehaltenen Motive regen durchaus zum Nachdenken darüber an, wie das gute Leben aussieht – in den USA oder bei uns. Vermutlich nicht so trüb und regnerisch wie der deutsche Sommer. Nancy Barons Buch ist für alle, die eine eher grafische Farbfotografie zu schätzen wissen, wie Urlaub zum Blättern.
Nancy Baron: The Good Life. Palm Springs, Kehrer Verlag Heidelberg, Berlin 2014
Leineneinband, 96 Seiten, 51 Farbabb., 29,7 x 24 cm, Englisch, ISBN 978-3-86828-482-9, 39,90 Euro.

Ausstellung in der dnj Gallery, Santa Monica

Die Würde der Inderin. Die Verantwortung des Fotografen

Gestern ging eine Meldung durchs Netz über einen indischen Fotografen, der Modefotos veröffentlicht hatte. Eine schick gekleidete Frau wird von zwei Männern angegrapscht und in Posen einer Vergewaltigung abgelichtet. Der Fotograf findet das nicht weiter schlimm, denn in Indien gelten Frauen als mindere Menschengruppe. Es gilt als Unglück, wenn Mädchen geboren werden. Frauen werden von ihren Ehemännern verbrannt und verstümmelt. In der Öffentlichkeit sind sie wie Freiwild, den Übergriffen von Männern preisgegeben. Aber Kühe sind heilig!

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Ein Fotograf, der – im Unterschied zum „Modefotografen“ – verantwortlich mit dem Thema umgeht, ist Fazal Sheikh, der vor einigen Jahren zwei aufwendig gedruckte Bildbände bei Steidl herausbrachte, die nun hier zu einem stark reduzierten Preis angeboten werden. „Ladli“ handelt von den verstoßenen Mädchen, „Moksha“ von Witwen, die sich in die heilige Stadt Vrindavan in Nordindien flüchteten. Einige berichten von ihrem Schicksal. So wie Sarla Goraye, deren Ehemann sechs Monate nach der Hochzeit verstarb. Sie wurde daraufhin von der Familie als Unglücksbringer verstoßen. Da war sie fünf Jahre alt! Und ihr „Mann“ war zwölf, als er starb. Für sie war damit ein Leben als Frau und Mutter unmöglich geworden. Ich empfehle die beiden Bände, weil sie von einem der besten Menschen-Fotografen weltweit und von großer Einfühlsamkeit sind. Es handelt sich nicht um Fotobildbände im konventionellen Sinn. Die Frauen sind verschleiert und vielfach zudem von der Kamerea abgewandt. Der Text ist englisch.

Zum Thema „Frauen in Indien“ habe ich hier einen Filmbericht in der ZDF Mediathek gefunden.

nordic now! Skandinavische Fotografie

nordic now! ist das Ergebnis einer Kooperation der Fotomagazine Filter (Dänemark), Photo Raw Magazine (Finnland) und Objektiv (Norwegen). Ausgangspunkt war die gleichnamige Tagung, die während des Copenhagen Photo Festivals 2012 stattfand. Die daraus entstandene 264 Seiten starke Sonderausgabe der drei Magazine beleuchtet fünf aktuelle Strömungen der zeitgenössischen nordischen Fotografie: autobiographische Projekte, Mischformen zwischen Fotografie und anderen Medien, die Rückkehr zu analogen Techniken, traumähnliche Szenarien sowie der Einzug der Dokumentarfotografie in die Kunstszene.
Vorgestellt werden Arbeiten von über fünfzig aufstrebenden und bekannten FotografInnen aus Island, Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland, darunter
JH Engström, Joakim Eskildsen, Erica Kovanen, Mårten Lange, Nelli Palomäki, RAX, Marie Sjøvold und Jacob Aue Sobol. Zudem enthält die Publikation Essays von und Interviews mit führenden Kritikern und Kuratoren aus den nordischen Ländern wie unter anderem Anna-Kaisa Rastenberger vom Finnischen Museum für Fotografie, Anna Tellgran vom Moderna Museet in Stockholm, Mette Sandbye von der Universität Kopenhagen, Maria Karen Sigursdottir vom Reykjavik Museum für Fotografie oder Timothy Persons, einem der Mitbegründer der Helsinki School. Die Reihe wird vervollständigt durch ein Gespräch mit Kathy Ryan, der legendären Bildredakteurin des New York Times Magazine, über nordische Fotografie.

Mein Eindruck: Ein Must-have für Skandinavien-Fans und jeden, der sich einen Überblick über die Fotoszene im Norden verschaffen möchte. Leichte Kost (im Sinne von gefälliger Fotografie) ist das aber nicht!

Die Publikation mit 264 Seiten kostet im Handel 28,00 € und ist weltweit via IdeaBooks erhältlich. Dort gibt es auch einen Blick ins Buch per Video.

Artikelbild: nordic now! Coverfoto: JH Engström

Annie Marie Musselman: Finding Trust

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Beim Critical Mass Wettbewerb 2010 fiel die Arbeit den Juroren auf und auch mir blieb sie im Gedächtnis. 2013 ist nun „Finding Trust“ als Buch erschienen. Annie Marie Musselman fotografierte über Jahre hinweg in einer Auffangstation für Wildtiere – nachdem sie zunächst die Dreckarbeit gemacht hatte, wie sie hier schreibt: Weiterlesen