Kategorie: Fotobuch

nordic now! Skandinavische Fotografie

nordic now! ist das Ergebnis einer Kooperation der Fotomagazine Filter (Dänemark), Photo Raw Magazine (Finnland) und Objektiv (Norwegen). Ausgangspunkt war die gleichnamige Tagung, die während des Copenhagen Photo Festivals 2012 stattfand. Die daraus entstandene 264 Seiten starke Sonderausgabe der drei Magazine beleuchtet fünf aktuelle Strömungen der zeitgenössischen nordischen Fotografie: autobiographische Projekte, Mischformen zwischen Fotografie und anderen Medien, die Rückkehr zu analogen Techniken, traumähnliche Szenarien sowie der Einzug der Dokumentarfotografie in die Kunstszene.
Vorgestellt werden Arbeiten von über fünfzig aufstrebenden und bekannten FotografInnen aus Island, Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland, darunter
JH Engström, Joakim Eskildsen, Erica Kovanen, Mårten Lange, Nelli Palomäki, RAX, Marie Sjøvold und Jacob Aue Sobol. Zudem enthält die Publikation Essays von und Interviews mit führenden Kritikern und Kuratoren aus den nordischen Ländern wie unter anderem Anna-Kaisa Rastenberger vom Finnischen Museum für Fotografie, Anna Tellgran vom Moderna Museet in Stockholm, Mette Sandbye von der Universität Kopenhagen, Maria Karen Sigursdottir vom Reykjavik Museum für Fotografie oder Timothy Persons, einem der Mitbegründer der Helsinki School. Die Reihe wird vervollständigt durch ein Gespräch mit Kathy Ryan, der legendären Bildredakteurin des New York Times Magazine, über nordische Fotografie.

Mein Eindruck: Ein Must-have für Skandinavien-Fans und jeden, der sich einen Überblick über die Fotoszene im Norden verschaffen möchte. Leichte Kost (im Sinne von gefälliger Fotografie) ist das aber nicht!

Die Publikation mit 264 Seiten kostet im Handel 28,00 € und ist weltweit via IdeaBooks erhältlich. Dort gibt es auch einen Blick ins Buch per Video.

Artikelbild: nordic now! Coverfoto: JH Engström

Arbeit und Freizeit – 2 neue Bildbände aus dem Kehrer Verlag

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Heute möchte ich auf zwei perfekt korrespondierende Bildbände von Fotografen hinweisen, die auf der Fotofeinkost-Watchlist stehen. Schon 2008 berichtete ich über die Serie „Freizeitfreunde“. Ich schrieb seinerzeit: Ursula Sprecher und Andi Cortellini haben im Raum Basel Vereine fotografiert, besser gesagt: die Menschen, die sich zu Vereinen zusammenfinden, um einen Teil, vielleicht einen großen Teil, der Freizeit gemeinsam zu verbringen. Mit ihrem Projekt „Vor Ort“ sind sie in der Region geblieben, aber was ihnen gelungen ist, weist über die Grenzen der Schweiz weit hinaus. Mit Liebe zum Detail und einer großen Empathie fotografiert, zeigen sie das Individuelle wie das Allgemeine, das man zumindest einmal für den deutschsprachigen Raum als gültige Darstellung reklamieren kann – vom Rahmdeckeli-Tauschverein mal abgesehen.
Die mustergültig inszenierten Gruppen kann man hier ansehen und erst recht im neu erschienenen Bildband aus dem Kehrer Verlag genießen. Da sieht man auch einmal, wie lange so etwas dauern kann! Weiterlesen

Anna Fox: Resort 1

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Ab Ende der Achtzigerjahre bildete sich in Großbritannien eine neue Art der Farbfotografie heraus. Diese independent Fotografie der Thatcher-Zeit zeigte Alltägliches ungeschönt und nah. Paul Graham, Chris Steele-Perkins und Tom Wood fotografierten in Clubs. Martin Parr („The Cost of Living“, 1989) und Paul Reas („I can help“, 1988) widmeten sich dem alltäglichen Konsumwahn. Anna Fox gehörte von Anfang an zu dieser Bewegung (Martin Parr und Paul Graham waren während des Studiums ihre Tutoren). Für ihr erstes Buch fotografierte sie das Londoner Büroleben („Work Stations“, 1988), später – in der Serie „Aftermath“ zwischen 1983 und 1996 – die komatös herumliegenden Teilnehmer privater Rave Partys. Jetzt ist eine neue große Arbeit von ihr erschienen, die erste übrigens, bei der sie mit einer Großformatkamera und aufwändigem Licht arbeitete. Weiterlesen

Louisa Marie Summer: Jennifer’s Family

Coverbild Buch

Die Kamera erlaubt uns, in das Leben anderer Menschen einzutauchen und Erfahrungen in einer sozialen Umgebung zu machen, die nicht die eigene ist. Diese Erfahrungen mitzuteilen jenseits der sensationellen Dramaturgie wie sie von einschlägigen Fernsehsendern betrieben wird,  gelingt der jungen, aus München stammenden Fotografin Louisa Marie Summer. Mehr als zwei Jahre begleitete die Fotografin eine amerikanische Familie in South Providence, Rhode Island, durch ihren Alltag. Zentrale Figur dieser Familie ist Jennifer, 26 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Partner Tompy und ihren vier Kindern in einer kleinen, ziemlich versifften Wohnung. Der Vermieter unternehme nichts gegen das Ungeziefer, sagt sie. 700 Dollar Stütze bekommt sie am Monatsanfang, 800 Dollar muss sie an Miete zahlen. In der Monatsmitte kommt noch ein bisschen Geld, das kaum für Essen und die Gasrechnung reicht. Weiterlesen

Margaret Bourke-White: Fotografien 1930 – 1945

Margaret Bourke-White in Air Force Uniform mit Offizieren des 8. Air Force Bomber Kommandos vor einem B-17-Bomber, Südengland September 1942 Silbergelatineabzug (Staffelkommandant Colonel Frank Armstrong (li) und Captain Gene Raymond) Howard Greenberg Gallery, New York © Time & Life / Getty Images

Ihre Bilder zeugen von ihrem „unstillbaren Wunsch dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird“, wie sie es selbst formulierte. Margaret Bourke-White (1904-1971) wollte das „Auge der Zeit“ sein.
Ihre Karriere begann 1927 in Cleveland. Dort fotografierte sie die Stahlgießereien der Stadt. Sie reiste nach Russland als der erste Fünfjahresplan umgesetzt wurde, sie dokumentierte die Dürrekatastrophen 1934 in den USA, die deutsche Invasion in Russland im Jahr 1941 und das Bombardement der Alliierten auf Deutschland. Als Auftragsarbeit für die Zeitschrift Life hielt sie im Sommer 1945 die zerstörten deutschen Städte fest. Bourke-White war bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeitslagers Leipzig-Mockau anwesend. Ihr Foto „Die lebenden Toten von Buchenwald“ ging um die ganze Welt.
Ihre Bilder zierten oft die Titelseiten der Magazine Fortune und Life, für die sie jahrelang arbeitete. Manchmal stand sie selbst in den Schlagzeilen, als etwa das Magazin Life am 22. Januar 1943 ihren Bericht über den Luftangriff auf den Flugplatz El Aouina in Tunis – den wichtigsten Luftwaffenstützpunkt der Deutschen für den Nachschub von Truppen aus Sizilien – unter dem Titel „Life’s Bourke-White goes Bombing“ veröffentlichte. Margaret Bourke-White war in der männlich dominierten Welt der Fotografen Amerikas ein Medienstar. Berühmt ist ihr Portrait in Fliegermontur während eines Bombereinsatzes, die Kamera lächelnd in der linken Hand.

Margaret Bourke-White: Tschechischer Arbeiter in einer Skoda-Munitionsfabrik beim Punzieren von 15-cm-Granathülsen Tschechoslowakei, Pilsen, Juni 1938, Silbergelatineabzug Howard Greenberg Gallery, New York © Time & Life / Getty Images

Am Freitag, den 18.1.2013 beginnt im Berliner Martin Gropuis Bau eine Ausstellung mit 154 Aufnahmen, Briefen und Zeitschriften. Den Schwerpunkt bilden ihre Arbeiten, die in den 1930er und 40er-Jahren in der ehemaligen Sowjetunion, der ehemaligen Tschechoslowakei, Deutschland, England und Italien entstanden sind. Zudem werden weitere für Bourke-White charakteristische Fotografien gezeigt, wie jene, die sie im Auftrag von Eastern Airlines und der Chrysler Corporation aufnahm. Im Dokumentationsteil werden einige ihrer Wort-Bild-Strecken in den Magazinen Fortune und Life zu sehen sein sowie Auszüge ihrer Briefwechsel mit Persönlichkeiten aus Politik und Kultur.

Margaret Bourke-White – Fotografien 1930 bis 1945
18. Januar – 14. April 2013
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 – 19 Uhr, Di geschlossen
Veranstalter: Berliner Festspiele. Eine Ausstellung von La Fábrica Madrid in Zusammenarbeit mit dem Martin-Gropius-Bau, dem Preus Museum Norwegen und dem Fotomuseum Den Haag und Syracuse University, Syracuse, USA.
Kuratorin: Oliva María Rubio

Fotografie mit Leidenschaft

Für die Buchbestellung besuchen Sie bitte den Shop des Fotofeinkost Verlags.

Online-Resonanz in chronologischer Reihenfolge

Am 17.10.2012 schreibt Michael Mahlke:

Das Buch fängt da an wo andere aufhören. … Es ist ein bemerkenswert gutes Buch und es hat durchgängig Gedanken, die eigenständig sind und weiterhelfen.

In Color Foto online stellte Horst Gottfried das neue Buch am 5.11.2012 vor:

Inmitten all der Analysen, die schon durch den steten Bezug zu konkreten Fotografen und Bildern nie zu theoretisch abgehoben geraten, sorgen konkrete Schlussfolgerungen immer wieder für eine praktische Erdung des Lesers. Dabei geht es über die Entwicklung einer eigenen Haltung zum fotografischen Objekt der Begierde hinaus, um Arbeitsmodelle sowie um die unerlässliche Fähigkeit zur Selbstkritik.

Der Fotograf Johannes Mairhofer veröffentlichte am 7.11.2012 eine Buchvorstellung auf Kategraphy und kurz darauf erschien ein Interview mit mir.

Das Buch ist spannend und unterhaltsam geschrieben, immer wieder gibt es Tipps für Berufs- und Hobbyfotografen (manchmal auch zwischen den Zeilen zu finden). Viele Besprechungen zu interessanten Bildern lockern den Lesefluß zusätzlich auf.

ProfiFoto druckt in seiner Ausgabe 1-2/2013 über die Seiten 20, 22 und 23 einen Auszug des Kapitels über den Kunstmarkt ab.

Seit 16.11.2012 steht eine nicht weiter kommentierte Buchvorstellung auf Fotoinfo.de.

In der Schweiz erscheint im täglichen Online-Magazin Fotointern.ch am 1.12.2012 ein sehr ausführlicher, bebilderter Beitrag von Urs Tillmanns:

Ein enorm wichtiger und lehrreicher Teil sind die Bildbesprechungen, die wir in dem Buch finden. Martina Mettner beschreibt mehr oder weniger bekannte Werke und führt uns geschickt durch die Gedankenwelt der Fotografen, erklärt uns das Prinzip des Verdichtens und schildert uns – immer am Beispiel reüssierter Fotografen – wie man beispielsweise ein Fotoprojekt angehen soll.

Marko Radloff von Bildwerk3 postete am 17.12.2012 eine Kaufempfehlung:

Ein Garantie-Versprechen für Erfolg gibt es nicht und auch keine einfache Handlungsanleitung, wer aber in der Fotografie Großes vor hat, sollte sich Zeit für dieses Buch nehmen.

Als „Buch der Woche“ wurde es am 20.12.2012 im Kanal k des Schweizerischen Radios vorgestellt:

«Fotografie mit Leidenschaft» ist nicht nur für Fotografen, die sich auf den Sprung zum Profi sehen, ein hilfreiches Buch. Amateure, denen es nicht mehr reicht, nur «schöne» Landschaftsbilder oder Porträts zu machen, die der Schwiegermutter gefallen, finden wertvolle Anregungen. Auch das sagt Martina Mettner deutlich: Nicht jeder, der Talent hat, soll Berufsfotograf werden.

Ebenfalls in der Schweiz erschien am 22. März 2013 im Journal 21 eine lange Besprechung:

Martina Mettner rührt an ein Tabu: Das Wort „Knipsen“ wird unter Fotografen und in der Fotoliteratur sorgsam gemieden. Entweiht es doch das Tun aller, die mit der Fotografie einen höheren Anspruch verbinden. Mettner bringt nun das Kunststück fertig, dieses Un-Wort als Schlüssel für ein vertieftes Verständnis der fotografischen Praxis zu nutzen.

Print-Pressespiegel

In Photonews 1-2/2013 ist ein ganzseitiges Interview, geführt von Anna Gripp, abgedruckt. Dabei ging’s auch ans Eingemachte:

Anna Gripp: Sie haben über Fotografie promoviert und nennen immer Ihren Doktortitel, auch auf den Umschlagsseiten Ihrer Bücher, was nicht üblich ist und mir, offen gestanden, etwas albern vorkommt. Denken Sie, dass Ihre Bücher damit eine besondere Seriosität ausstrahlen?

MM: Nein, das denke ich nicht. So ein Doktortitel steht doch auch auf Puddingpulvertüten und Zahnbürsten. Inzwischen ist er durch die Plagiate der Politiker ja eher in Verruf geraten. Ihn jetzt endlich wegzulassen, ging also nicht. Denn wahrscheinlich denken viele bei „akademisch“ an unlesbare Texte und Humorlosigkeit – und werden dann zumindest vom Gegenteil überrascht. Doch als ich vor zehn Jahren mit der Beratung von Fotografen begann, wollte ich mich mit meiner individuell auf das Gegenüber bezogenen Analyse und den Vorschlägen zur Findung einer eigenen Bildsprache ganz klar absetzen von der ausschließlich kommerziell orientierten Beratung ehemaliger Werbeagenturmitarbeiterinnen, wie ich sie aus den USA kannte, und wie sie inzwischen auch hier angeboten wird. So kam es dazu, dass der Titel als Unterscheidungsmerkmal später auch auf dem Buch landete.

Im Magazin Fine Art Printer erschien in den Ausgaben 3/2012 und 4/2012 sowie in 1/2013 eine Artikelserie unter dem Titel „Die Fotografie verstehen“ begleitend zur Neuerscheinung von „Fotografie mit Leidenschaft“.

Reinhold Heckmann besprach das Buch für die internen Lektoratsdienste der Bibliotheken:

Eine inhaltsreiche und dennoch gut lesbare, anregende und Fotografen mit Ehrgeiz sicherlich weiterführende Orientierungshilfe; gern empfohlen.

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Im ansonsten eher der Fototechnik zugeneigten Magazin c’t Digitale Fotografie schreibt der Chefredakteur Jürgen Rink in seiner Oktober-Dezember 2013-Ausgabe:

Wenn man dem Buch eines vorwerfen kann, dann, dass der Titel nicht darauf schließen lässt, was für ein Füllhorn von Anregungen und Aha-Erlebnissen der Band bereithält. Wenn Sie dieses Jahr nur ein einziges Buch über Fotografie lesen wollen, dann sollte Fotografie mit Leidenschaft in die engere Auswahl kommen.

Auf der Suche nach dem Fotobuch – Buchmesse 2012

Buchmesse 2012 (Pressefoto)

Die Buchbranche traf sich zur Buchmesse in Frankfurt am Main und wie in jedem Jahr begab ich mich auch in diesem wieder auf die Suche nach interessanten Fotobüchern. Das Elend beginnt schon damit, dass kaum noch ausländische Fotobuchverlage zur Buchmesse anreisen, oder, wie Nazraeli Press, keinen deutschen Vertriebspartner mehr haben, der ihre Bücher mit auf die Messe nimmt.

Rechts das Verlagsprospekt mit dem Titelmotiv des Erwittbuches im Formatvergleich.

Auf dem Weg zur Kalenderausstellung (Pressefoto vom Aufbau der Buchmesse 2012)

Ob Größe hilft? Kalender scheinen immer größer zu werden, obwohl es doch sonst heißt, die Leute hätten keine freien Wandflächen. Und im XXL-Format gibt es nun auch bei teNeues ein Fotobuch von Elliott Erwitt, das eher wie ein Möbel daherkommt, denn wie ein Bildband. Ins Regal paßt es nicht und man fragt sich, wer das wohl wo unterbringen wird. Es kostet 750 Euro ohne und 1750,00 Euro mit beigelegtem Print. Der ist mittels eines Aufklebers signiert. (Gibt es Aufkleber mit säurefreiem Kleber? Oder schlägt der irgendwann durch?)

2 Bände Joel Meyerowitz und ein Print bei Phaidon

Auf betuchte Fans ausgerichtet ist auch die aufwendig gestaltete Ausgabe mit dem Lebenswerk von Joel Meyerowitz, Taking My Time, bei Phaidon (650,00 Euro). Wenn man je Ermunterung und Ermutigung braucht, dann muss man sich nur vom Enthusiasmus anstecken lassen, den Meyerowitz ausstrahlt. „Der kann einen Toten für die Fotografie begeistern“, heißt es ganz zu recht in einem Kommentar zu dem folgenden Video.

Wo wir gerade bei den Nobelausgaben der zeitgenössischen Klassiker sind: Am Stand von Steidl habe ich das Bangkok-Buch von Andreas Gursky durchgeblättert, das wirklich sehr schön produziert ist und nur 24,80 Euro kostet. Gleichwohl gilt natürlich, was ich in „Fotografie mit Leidenschaft“ geschrieben habe: Nicht nachmachen, das Fotografieren von Wasserspiegelungen geht nur bei Gursky als Kunst durch.

Das Buch zur Fernsehserie. Wer's braucht.

Im Non-Book-Bereich der Messe, der sich lustigerweise eine Halle mit den Herstellern teilt.

In der Reihe „Bücher, die die Welt nicht braucht, die sich aber als Geschenke und Staubfänger eignen“, gab es wieder viele Beispiele. Da sieht man den Neuerscheinungen jetzt schon an, dass sie bald remittiert werden und ins moderne Antiquariat wechseln.  Auch wenn viele das Buch noch als Kulturgut achten, kann man im Geschiebe und Gedränge der Buchmesse leicht auf die Idee kommen, dass diese Zeiten endgültig vorbei sind. Eventcharakter und Non-Book dominieren die großen Buchläden und ebenso die Messe. Auch das E-Book, das den stationären Buchhandel, der Veranstalter der Messe ist, überflüssig macht, nimmt derweil großen Raum ein, während das traditionelle Messegeschäft kaum noch stattfindet. Der Buchhandel bestellt online und nicht mehr per Zettel auf der Messe und die Rechte werden auch nicht mehr ausschließlich im Oktober in Frankfurt gedealt.

Die Branche trifft sich und lamentiert über den Wandel. „Immer weniger Mitarbeiter verfügten über immer mehr Unwissen“, sagt Reinhold Joppich, Vertriebsleiter bei einem Kölner Verlag, so treffend. Eines der Ungleichgewichte besteht inzwischen darin, dass der Buchhandel immer noch einen Löwenanteil am Buchpreis erhält, obwohl er in vielen Fällen weder berät noch das Buch überhaupt vorrätig hält, sondern erst auf Kundenanforderung beim Verlag bestellt.  So mancher möchte jedoch seinen stationären Buchhändler unterstützen, diese aussterbende Spezies. Nichts gegen den Buchhandel, aber als ein den Verkaufspreis knapp kalkulierender Kleinverleger hoffe ich immer, dass meine Leser direkt bei mir bestellen, weil jedes Buch über den Buchhandel eine Serviceleistung meinerseits ist, durch die sich der Zeitpunkt, bis ich allein die Herstellungskosten erwirtschaftet habe, wieder ein Stück nach hinten verschiebt. Oder, wie schon Stan und Ollie wußten: Profits go to the fish.

Das geniale Fotobuch: David Alan Harvey

Nein, ich besitze es nicht, aber das soll mich nicht hindern, es vorzustellen: David Alan Harveys Bildband (based on a true story). Bei der Arbeit an meinem gerade erschienenen Buch „Fotografie mit Leidenschaft“ stieß ich auf Material, das ich aus verschiedenen Gründen (Bildrechte zu teuer oder zu weit vom Thema ab) nicht einarbeiten konnte. Anton Kusters, dessen Arbeit über die Yakuza in Tokio ich im Buch vorstelle, nennt den Magnum-Fotografen David Alan Harvey als Mentor. Was bei mir die Fotofeinkost, ist bei Harvey „Burn„, die Marke seines Online-Magazins und Verlags. (Und es ist wirklich toll, was man machen kann, wenn man in New York lebt, mal eben Magnum-Kollegen interviewen kann und Leute hat, die sich darum kümmern, dass alles professionell läuft.)
Was Harvey bei seinem Bildband gelungen ist, muss man sich ansehen. Es ist eine faszinierende, spielerische Lektion in Bildgefühl und Layoutkunst.

Apropos interessante Fotobücher: Ich stieß auf diesen Beitrag im Blog des Magazins Photonews, in dem Regina Maria Anzenberger über ihren „Salon“ in Wien spricht, in dem Fotobücher diskutiert werden. Nun besitze ich zwar relativ viele Bücher, aber ob sie selten sind, ist mir gleichgültig. Hauptsache, sie sind interessant und gut gemacht.  Auf jeden Fall verfüge ich über die räumlichen Möglichkeiten, bei mir solch ein Treffen zu veranstalten, bei dem jeder ein Fotobuch vorstellen kann. Wer sich dafür interessiert, möge sich melden.

Chris Killip: Arbeit / Work

„Dies ist ein guter Moment, um Chris Killips Werk zu betrachten“, beginnt ein Text im Buch, das zugleich Ausstellungskatalog ist. Nur noch bis zum 15. April 2012 zeigt das Museum Folkwang die Arbeiten des 1946 auf der Isle of Man geborenen Fotografen. Es ist das letzte monografische Projekt von Ute Eskildsen als Leiterin der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang. 1988 erschien Chris Killips Buch „In Flagrante“, das ihn international bekannt machte. Das Museum kaufte damals fünf Bilder aus dem Buch, doch erst jetzt kam es zu der Einzelausstellung – da kann man wieder einmal sehen, wie lange es dauert.

Chris Killip begann seine fotografische Karriere als Assistent von Adrian Flowers in London und arbeitete ab 1969 als freier, kommerzieller Fotograf. Er ist Gründungsmitglied der Side Gallery in Newcastle upon-Tyne, wo er als Direktor und Kurator Fotografieausstellungen organisierte. Ab 1973 wurden zahlreiche Einzelausstellungen von Killips Werken gezeigt. Seit 1991 hat er eine Professor für Fotografie an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, inne. Und, was erstaunlich ist, aber auch sehr konsequent wirkt: Es gibt (bisher) keine Fotos von ihm aus den USA. Seine in Buch und Ausstellung gezeigten Fotos entstanden auf der Isle of Man, wo er aufwuchs, und in Irland, wo er zehn Jahre lang Pilger fotografisch begleitete, hauptsächlich aber im Norden Englands, wo er den soziokulturellen Wandel durch die Deindustrialisierung fotografisch erfaßte.

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Alles in Ordnung

bei Andreas Meichsner aus Berlin und Nicholas Faure aus Genf. Bei einem nicht sehr spezifischen Titel kann das passieren: Zwei Fotografen präsentieren eine Zusammenstellung ihrer Arbeiten unter dem identischen Motto. Der ältere von beiden, Nicholas Faure (*1949) ist ein wichtiger und interessanter Fotograf aus der französischsprachigen Schweiz, dessen Arbeiten noch bis zum 26. Februar 2012 im Bellpark Kriens ausgestellt sind. Faure unterrichtet an der Lausanner Kunsthochschule.

Nicolas Faure, Arolla (VS), November 2004, Courtesy Museum im Bellpark Kriens

Nicolas Faure, Rose de la Broye (FR), Januar 2007, Courtesy Museum im Bellpark Kriens

„Nicolas Faure unternimmt mit «Alles in Ordnung» eine neuartige Lektüre der Schweiz“, heißt es im Text zur Ausstellung. „Die Bilder ergeben ein überraschendes und nicht zu erwartendes Bild der Schweizer Befindlichkeit jenseits der bekannten Klischees. Die Ordnung, welche der Titel reklamiert, wird in den dargestellten Bildwelten hinterfragt, wird einerseits als etwas Zwanghaftes dargestellt und andererseits als eigentlich prekärer Zustand interpretiert.“

Da Nicholas Faure sechs Jahre in Manhatten gelebt hat, sieht er die Schweiz seit seiner Rückkehr zugleich als Einheimischer und als Fremder, eine für Fotografen ergiebige Ausgangslage. Die Alpen entdeckt er als Freizeitparadies, dagegen steht das Bild der Schweiz in Kleinparzellen. In seinem Buch „A“ befasst sich Faure mit Autobahnen, die die Landschaft durchschneiden, in der Serie „Pierre Fétiches“ mit Findlingen, die an kuriosen Stellen platziert werden. Dazu reiste der Fotograf quer durch die Schweiz und man merkt den Fotos an, dass er seine Freude am Finden und Verschwindenlassen im Bildkonstrukt hat.

Die Ausstellung in der Nähe von Luzern zeigt nun Bilder des Genfer Fotografen, „die zwar parallel zu seinen grossangelegten Studien zur urbanen Landschaft Schweiz entstanden sind, die aber bisher nicht auf Ausstellungen zu sehen waren. Denn sie sind sozusagen ausserhalb der festgelegten Arbeitskonzepte entstanden. Diese Bilder fallen alle aus dem Rahmen und sind insofern Einzelbilder, eigentliche «Findlinge» innerhalb eines Schaffens, das sonst präzisen konzeptuellen Anordnungen folgt.“

Von Andreas Meichsner (*1973), der in der Fotofeinkost schon vorgestellt wurde, erschien im Kehrer Verlag der Bildband „Alles in Ordnung“ mit Texten von Ann-Christin Bertrand und Rolf Nobel, bei dem Meichsner studiert hat. Zuvor hatte der seit 2004 in Berlin lebende Fotograf schon ein Architekturstudium absolviert. Seinem Sinn für Ordnung hat er also nachweislich gefrönt. Auch seine Bildwelten wirken stets angenehm aufgeräumt, ohne je steril zu sein. Im Gegenteil: Man sieht auch Meichsners Arbeiten das Augenzwinkern und den hintergründigen Humor an, mit dem er zu Werke geht.

Andreas Meichsner, Willkommen im Club, 2008

Als mir Andreas Meichsner 2008 erzählte, er arbeite an einer Serie über Ferienclubs, war ich ziemlich erstaunt, da es sich um ein Modethema der Achtziger oder frühen Neunzigerjahre handelt. Aber Andreas Meichsner gewinnt dem Thema doch sehr zeitgemäße Züge ab, und nicht nur wegen des Borat-Badeanzugs, den ein Mann trägt. Auch die sich selbst würgende Yogaanhängerin oder der rauchende Superman auf Fuerteventura sind einfach sehr erheiternd. Da will man doch gar nicht mehr weg. Auch nicht zum „Schneetreiben“ nach Österreich, das er 2009 bis 2010 beobachtete oder gar an die Costa Iberica. Da schaut man sich lieber Meichsners Beobachtungen von 2009 an. Unübertroffen und eine der besten Fotoserien der Nullerjahre ist und bleibt aber „Arkadia“, die 2005 in den Niederlanden entstand. Mit vier Serien in einem Buch hat man auf jeden Fall viel zu gucken und zu grinsen. Alles in Ordnung von Andreas Meichsner ist eine Empfehlung für die eigene Büchersammlung und eignet sich darüber hinaus gut zum Verschenken. (144 Seiten, 88 Abbildungen, 36 Euro)

 

Die neue Unübersichtlichkeit in der Fotografie

„Fotografie als zeitgenössische Kunst“ heißt ein im Deutschen Kunstverlag erschienener Titel, der über aktuelle Tendenzen in jener Fotografie informiert, die auf den Kunstmarkt zielt. In der Reihe „dkv kunst kompakt“ 2011 als Band 1 nun doch schon etliche Jahre nach seinem Ersterscheinen (2004) publiziert, zielt diese Zusammenstellung sicherlich mehr auf Kunstorientierte, die mit Fotografie zu tun haben, denn auf interessierte Fotografierende. Ausgewählt und erarbeitet hat den Band Charlotte Cotton, eine renommierte britische Fachfrau, die derzeit Kreativchefin des National Media Museum in Bradford (England) ist.
In der Einleitung steht: „Dieses Buch will … einen Eindruck vermitteln, welches breite Spektrum von Motivationen und Ausdrucksformen zurzeit auf diesem Gebiet vorhanden ist. Es soll einen Überblick bieten – jene Art von Überblick, die man bekommt, wenn man eine ganze Reihe Ausstellungen der freien Kunstszene, öffentlicher Einrichtungen, Museen und Galerien in den wichtigen Kunstzentren New York, Berlin, Tokio und London besucht hat.“ Und das löst das Buch von Charlotte Cotton auch ein, wenn auch nur für die Zeit bis etwa 2005. (Die wichtigste Fotokünstlerin der Gegenwart, Taryn Simon, fehlt gänzlich.)

Die visuelle Wucht schmutziger Wäsche

In der Einleitung steht aber auch: „Beispielsweise werden Straßenmüll, verlassene Räume oder schmutzige Wäsche inhaltlich durch die visuelle Wucht verändert, die sie bekommen, wenn sie fotografiert und als Kunst ausgestellt werden.“ Wer also immer schon einmal wissen wollte, woher die vielen unschönen und nichts sagenden Fotos kommen, die in Museen hängen, findet hier Antworten und Denkanstöße. Und natürlich sind in dem Buch auch überaus beeindruckende Fotografien und wirklich wichtige Fotografinnen und Fotografen besprochen. Charlotte Cotton hat sich insgesamt einer großen und nicht wirklich dankbaren Aufgabe angenommen.
Sie unterteilt die Flut der Bilder in acht Kapitel, deren Oberbegriffe jedoch wenig zur Orientierung beitragen: „Es war einmal“, „Leblos“, „Etwas und nichts“. Speziell die Bezeichnung „leblos“ für dokumentarisch schlichte  Abbildungen von Landschaften und Menschen, ist ein übler Fehlgriff. In Cottons Originaltext findet man dafür den Ausdruck „deadpan“, der nun etwas völlig anderes bedeutet als „leblos“, nämlich „ausdruckslos“ im Sinne von nicht-expressiv, häufig verwendet als „deadpan humor“, trockener Humor. Dino Heicker, der Übersetzer, kennt sich mit Fotografie anscheinend nicht gut aus (z. B. „Teleobjektivkamera“) und behält die Satzstellung des Originals bei, so dass der Text immer wieder in sinnfreies Geschwurbel abdriftet, gelegentlich sich sogar Bildkommentar und Text zum gleichen Motiv widersprechen.

CHRISTOPHER STEWART United States of America 2002 c-print 40 x 60 in / 122 x 152.4 cm

Ein Beispiel von Seite 70: Es geht um den Künstler Christopher Stewart und sein Werk „United States of America“, für das er die Arbeit privater Sicherheitsfirmen fotografierte. Im Fließtext heißt es: „Interessant an seiner Herangehensweise ist, dass er bei seiner Beschreibung von realen Security-Situationen nicht den herkömmlichen Weg des Dokumentarischen oder des Fotojournalismus beschreitet, sondern dass er die Tableaufotografie einsetzt, um den Überwachungen, deren Zeuge er ist, mehr Gewicht zu verleihen.“ (Den Überwachungen verleiht er sicher nicht mehr Gewicht, höchstens deren visueller Umsetzung.)
Im Bildtext 65, direkt daneben, heißt es: „Die Aufnahme entstand, als er Sicherheitsleute auf Übungen begleitete. Angesichts des dramatischen Lichts und des Mangels an ablenkenden Einzelheiten im Raum verwundert es, dass Stewart das Modell nicht angeleitet hat und die Innenausstattung nicht geändert hat.“ (Gemeint ist das Gegenteil: Es würde verwundern, wenn er nicht geändert hätte, denn unterstellt wird ja, dass es sich um ein inszeniertes Foto handelt, vom Übersetzer obstinat Tableau genannt.)
Vielleicht ist die Ursache eine ungute Kombination von Termindruck und Unterbezahlung, aber gedruckt ist gedruckt. Und das Ganze ist eigentlich unlesbar. (Ich fräse mich gerade durch englischsprachige Fotobücher und wollte zur Entspannung etwas auf Deutsch lesen. #fail)

Meine Empfehlung: Gute Übersicht über die Fotografie der letzten Jahrhundertwende in einem handlichen Format zu einem günstigen Preis. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich jedoch besser die Originalausgabe „The Photograph as Contemporary Art“ besorgen.

Charlotte Cotton: Fotografie als zeitgenössische Kunst
Kunst kompakt Band 1, Deutscher Kunstbuchverlag, 2011

248 Seiten mit ca. 210 farbigen und 37 schwarzweißen Abbildungen, 15 x 21 cm, Flexicover
€ 19,90 [D] / € 20,50 [A] / sFr 28,90 [CH] ISBN 978-3-422-07096-7

Buchverlosung – Yesterday’s Future

Buchcover Yesterday's Future Wie kommt der Fön ins Museum? Der Medienkünstler J. Scriba ging dieser Frage nach und erforschte in einer Fotoexpedition die verborgenen Archive des Deutschen Museums in München. Er erlebte einen Ausflug in ein surreales Zwischenreich: Während Besuchermassen in den Ausstellungsräumen imposante Dampfmaschinen bewundern oder sich von künstlichem Blitz und Donner in Erstaunen setzen lassen, horten Archivare in den menschenleeren Kellern des Museums, was dereinst Zeuge unserer Zeit sein könnte. Vom Inventarisierungs-Etikett geadelt, reifen banale Gebrauchsgegenstände zu wertvollen Exponaten heran – in einem lautlosen Transformationsprozess gerinnt hier Gegenwart zu Geschichte. So entstanden – nicht selten rätselvolle – Stillleben von Gegenständen aus einer Zeitzone des Übergangs vom Jetzt zum Einst, einer bizarren Welt, die dem normalen Museumsbesucher verborgen bleibt.
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Fotobücher auf der Buchmesse 2011

Schnappschüsse mit dem - wie man sieht - notgedrungen meist einhändig gehaltenen iPhone von der Frankfurter Buchmesse.

In den Hallen 3 und 4 konzentrieren sich auf der Frankfurter Buchmesse die deutschsprachigen Literatur- und Fachverlage. Hinzu kommen spezielle Länder übergreifende Bereiche wie beispielsweise Lehrbuchverlage in Halle 4.2 und die für Fotointeressierte besonders interessante Halle 4.1. Im Gang vor der Halle geht es schon los mit der Kalenderschau, die zeigt, was heute als Bildkalender gekauft wird. Katzen gehen immer. Darauf setzt auch der Knesebeck Verlag rechts vom Halleneingang immer der erste, in dessen Stand man landet.

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Rundgang über die Buchmesse 2011

Ein paar Eindrücke von meinem Messerundgang, direkt aus dem iPhone. Leider sind die Messestände nicht fototauglich ausgeleuchtet. Morgen, Samstag, den 15. Oktober und Sonntag, den 16. Oktober 2011 ist die Frankfurter Buchmesse ab 9 Uhr morgens für jeden geöffnet.

Die zahleichen Bücher über Bücher, Bibliotheken und Buchläden signalisieren für mich das Ende eine Ära. Das dominierende Thema der Messe war das eBook und ePub 3.0.


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Eat Your Darlings

„Kill Your Darlings ist das einzigartige Ausstellungs- und Buchprojekt gleichnamiger Gruppe von Fotografinnen und Fotografen. Das martialisch klingende Kill Your Darlings beschreibt die strikte Vorgehensweise ihrer Mitglieder bei der Bildauswahl“, heißt es im Projekttext. Der Abbildung von Realität verpflichtet, schaffen die Studenten von Peter Bialobrzeski (und Wolfgang Zurborn) an der Hochschule für Künste in Bremen den Spagat von der künstlerischen Dokumentation, wie bei Sebastian Burger, dessen Baku-Fotografien hier bereits vor einem Jahr vorgestellt wurden, zu konzeptionellen Arbeiten, wie der über die Konstruktion von Bewegung von Tine Reimer und André Hemstedt. Letzterer ist inzwischen selbst geschätzter Lehrender am Photo- und Medienforum in Kiel, wo ich ihn neulich kurz kennenlernte.

Sehr zugute halten muss man jedem Lehrenden, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich ein wenig Aufsehen und Wirbel zu erzeugen oder zumindest bei den Studentinnen und Studenten das Bewußtsein dafür zu schärfen, dass von alleine nichts passieren wird. So präsentieren sich nun Studenten aus Bremen in einer gemeinsamen Schau, kuratiert von Ute Noll: „Kill Your Darlings„. Beim Kerber Verlag erschien der Katalog zur Ausstellung.

Darin findet sich viel Schönes, so die Arbeit von Franziska von den Driesch, die Konfirmanten in ihrem „Kinder“-Zimmer fotografierte: Hinter sich der Pferdekalender, vor sich eine Karriere als Assistentin der Geschäftsleitung!? Zur Konformation scheint es heute das erste Business-Outfit zu geben. Auch Dörte Haupt hat sich mit Zukunftsaussichten befaßt – ihren eigenen – und sich sehr gelungen in den Rollen als Richterin, Tennisstar, Gattin oder gar Sportlehrerin inszeniert. Das Was-wäre-wenn-Spiel betreibt auch Tine Casper in bekannter Perfektion mit Selbstinzenierungen in den Familien ihrer Exfreunde.

Fotoarbeiten von Anja Engelke

Einen vollständig anderen Weg ging Anja Engelke mit ihrer Arbeit „Piece of Cake“. Sie verleibte sich Fotoikonen ein. Dazu hat sie berühmte Fotografien nachgebacken, abfotografiert und dann aufgegessen. Kill your Darlings! (Was eigentlich nur heißen soll, man dürfe nicht an seinen Lieblingsfotos hängen.) Wenn das bekannte Foto von Alec Soth mit den zu Schwänen gefalteten Handtüchern auf dem Bett zur Torte wird, dann ist das Fotofeinkost. Deshalb wird hier die Foto-Patisserie stellvertretend für alle Darlings abgebildet. Recht hat Anja Engelke, wenn sie feststellt, „wie wichtig es ist, sich in der Fotogeschichte auszukennen. Denn sie bildet das Fundament, ohne das die Fotografie in ihrer heutigen Form nicht existieren würde.“

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Beth Yarnelle Edwards: Suburban Dreams

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Bildband mit 56 Farbabbildungen erschienen im Kehrer Verlag 2011, mit englischen Texten von Robert Evren, Christoph Tannert und der Fotografin, 30 Euro.

Als deutscher Fotograf würde man sonst was dafür geben, bei einem amerikanischen Verlag veröffentlicht zu werden. Für amerikanische Fotografen hat es derweil mehr Prestige, bei einem deutschen Verlag zu erscheinen – so lange das Buch in englischer Sprache gedruckt wird. Natürlich geht das auf ganz profane wirtschaftliche Gründe und die drastische Konzentration im amerikanischen Verlagswesen zurück. Das Drucken ist in Europa günstiger. Trotzdem: Bei der immer noch kleinen Käuferschicht von Fotobüchern in deutschsprachigen Ländern lohnt sich das Verlegen hier nur, wenn man auch in die USA und weltweit verkaufen kann. Beth Yarnelle Edwards traf auf den Kehrer Verlag beim Fotofest in Houston. Sie denkt, dass ihre Arbeit ohnehin besser von Europäern verstanden wird als von ihren eigenen Landsleuten.
„That must be a reason why so much of my career has taken place in Europe. I’d never intended to venture beyond Silicon Valley for my photography, but once I started to exhibit in Europe, invitations came to make new images“, erläutert sie mir per Email. Sie glaubt, dass selbst die gebildeten Amerikaner sich ihrer eigenen Kultur nicht bewußt sind: „American culture can be so dominant that it becomes invisible to the participants.“ Die zum Fotografieren notwendige distanzierte Sicht auf die eigene Kultur bekam die Fotografin durch einen zwei Jahre währenden Aufenthalt in Mexiko, wo sie in einer mexikanischen Familie lebte und an einer dortigen Hochschule studierte. Das hat sie und ihre Sicht, wie sie schreibt, für immer verändert.
„Suburban Dreams“ ist ein wunderbarer Bildband, eine Inspirations- und Diskussionsquelle. Edwards balanciert geschickt auf der Schnittstelle zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Porträt und Sittengemälde. Explizit beruft sie sich auf August Sander, was die Typologisierung der Lebenswelt angeht. Wie Sander fotografiert sie, ohne moralische Urteile zu fällen. Sie ist neugierig, stellt aber nie bloß. Und sie schafft es, mit ihren Protagonisen Verabredungen zu treffen, die auf eine intensive Zusammen- und Überzeugungsarbeit hinweisen. Zum Einsatz kommt übrigens keine Großformatkamera, wie ich vermutete, sondern eine Mamiya 7. Die meisten Fotos im Buch entstanden analog, nur drei sind bereits digital aufgenommen.
In diesem Jahr hat Beth Yarnelle Edwards in Berlin fotografiert und man darf gespannt sein, wie typisch deutsch das sein wird.

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Sebastian Burger: Baku

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Er ist einer von den „good guys“ oder, wie er selbst sagt, ein „concerned artist“, jemand, der nicht nur fotografiert und durch die Welt radelt, sondern Blinde und Gehörlose in dieses Vorhaben einbindet. Bei dem Baku-Projekt geht es ihm denn auch nicht nur um die Dokumentation architektonischen Erbes, sondern auch um die Frage nach den sich verändernden Lebensbedingungen der Bewohner. Sebastian Burger wurde 1979 in Seeheim-Jugenheim geboren und machte 2009 sein Diplom bei Peter Bialobrzeski in Bremen. Baku besuchte er im Rahmen seiner Diplomarbeit. In Kürze erscheint das Projekt als Buch, das „beabsichtigt, den Blick auf das verschwindende kulturelle Erbe Bakus freizugeben, stellvertretend für die globalisierte Entwicklung vieler Staaten des ehemaligen Ostblocks. Ziel ist es, ein Publikum für die Verantwortung in dieser Entwicklung zu sensibilisieren, den Blick für globale gegenseitige Abhängigkeiten zu schärfen. Er zeigt uns das Bestehende, das sich Verändernde, das Neue, das Alte und wie sich der Mensch darin zurechtfindet.“ Weiterlesen