Kategorie: Fotobuch

Sebastian Burger: Baku

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Er ist einer von den „good guys“ oder, wie er selbst sagt, ein „concerned artist“, jemand, der nicht nur fotografiert und durch die Welt radelt, sondern Blinde und Gehörlose in dieses Vorhaben einbindet. Bei dem Baku-Projekt geht es ihm denn auch nicht nur um die Dokumentation architektonischen Erbes, sondern auch um die Frage nach den sich verändernden Lebensbedingungen der Bewohner. Sebastian Burger wurde 1979 in Seeheim-Jugenheim geboren und machte 2009 sein Diplom bei Peter Bialobrzeski in Bremen. Baku besuchte er im Rahmen seiner Diplomarbeit. In Kürze erscheint das Projekt als Buch, das „beabsichtigt, den Blick auf das verschwindende kulturelle Erbe Bakus freizugeben, stellvertretend für die globalisierte Entwicklung vieler Staaten des ehemaligen Ostblocks. Ziel ist es, ein Publikum für die Verantwortung in dieser Entwicklung zu sensibilisieren, den Blick für globale gegenseitige Abhängigkeiten zu schärfen. Er zeigt uns das Bestehende, das sich Verändernde, das Neue, das Alte und wie sich der Mensch darin zurechtfindet.“ Weiterlesen

Tobias Zielony: Story/No Story

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Christian Petzold: „Du hast die Protagonisten deiner Bilder ja nicht in diese Posen gebracht, sie führen sie selbst an diesen Orten auf. Deine Serien erzählen auch von einem Spiel mit Fiktion, vom Wunsch, diesen aufgegebenen Orten doch noch eine Erzählung hinzuzufügen. … Während die Pose der beiden hier, die Überwachungspolizisten nachspielen, etwas ganz anderes ist. Da gibt es ein Spiel mit Identitäten, damit, sich einmal mit der anderen Seite zu identifizieren.“

Tobias Zielony: „An Polizisten habe ich bestimmt nicht gedacht als ich das Foto gemacht habe.“

Christian Petzold: „Es gibt an dem Bild ein paar Dinge, die mir gefallen. Da ist die Frau, die fährt. Der Mann ist der Beifahrer, so etwas findet man eigentlich zuerst in amerikanischen Polizeifilmen. Das amerikanische Beamtenrecht schreibt seit den siebziger Jahren eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern vor. Das heißt nicht nur gleiche Bezahlung, sondern auch jeder darf fahren. Da wurde PC-mäßig etwas durchgesetzt. … Ich glaube nicht, dass die Subkultur der Jugendlichen, die in Autos herumfahren, das selbst hervorgebracht hat.“

Dies ist ein kleiner Auszug aus dem längeren Gespräch zwischen Christian Petzold und Tobias Zielony, das in dem Buch „Story/No Story“ als einzige Textbeigabe zu finden ist. Vorausgesetzt wird dabei, dass jeder weiß, wer Christian Petzold ist: ein renommierter deutscher Filmregisseur. Er sagt Interessantes, Kluges und Erhellendes, stellt jedoch dem Fotografen kaum eine Frage, so dass man anhand des Gespräches sehr viel über Christian Petzold und ganz wenig über Tobias Zielony erfährt.

Vielleicht gibt es da auch nicht viel zu erfahren?  „Zielony wurde 1973 in Wuppertal geboren, studierte von 1998 bis 2001 Dokumentarfotografie an der University of Wales/Newport (GB) und war danach Meisterschüler bei Prof. Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. In seiner Arbeit bewegt er sich zwischen klassisch dokumentarischen und konzeptuellen Vorgehensweisen. Die Motive seiner Fotografien wie Videos sucht er oft an den Rändern unserer Gesellschaft. Seine Aufnahmen sind eine Mischung aus intimer Nähe und beobachtender Distanz.“ Das ließ die Kunsthochschule für Medien Köln verlautbaren, die Tobias Zielony im Herbst 2009 zum neuen Professor für künstlerische Fotografie berief. Bereits nach einem Semester gab er die Professur wieder auf, sie wird jetzt kommissarisch vom Fotografen Boris Becker betreut. Zielony lebt in Berlin. Vor einiger Zeit erschien ein Porträt über ihn auf Arte in der Serie „Künstler hautnah“ (ich wies darauf hin, leider nimmt Arte die Videos nach einer Woche aus dem Netz). Der Dortmunder Kunstverein bereitet gerade eine große Ausstellung mit ihm vor, die vom 19. September bis 7. November 2010 zu sehen sein wird. Weiterlesen

Ralf Peters: Until Today

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1998 las ich einen Artikel über jemanden, der nachts Tankstellen ablichtete und ihnen dann am Rechner alle Logos und die Schrift wegoperierte. Die Tanke als nächtliche Leuchtboje am Rande der Großstadt hat etwas unmittelbar Einleuchtendes und die Art der Bildbearbeitung war überzeugend. Vor zwölf Jahren war es dennoch unerhört, und das Großartige ist: Es sieht heute noch genau so genial aus wie damals. Oft habe ich davon erzählt, aber leider nie mehr über den Künstler erfahren, der in der Nähe von Hamburg lebt. Nun ist endlich, passend zum 50. Geburtstag, ein umfänglicher Bildband bei Hatje Cantz erschienen, eine Retrospektive fotografischer Arbeiten bis heute, oder, wie es korrekt heißt: Until Today (212 Seiten, 39,80 Euro). Weiterlesen

Uwe Nölke: Ein Dorf in unserer Zeit

Uwe Nölke ist Business-Fotograf, das heißt, er fotografiert Menschen in Unternehmen, aber auch das Erscheinungsbild von Unternehmen, sprich Architektur. So lag für ihn 2006 die Idee ziemlich nahe, Klein Lüben und seine Einwohner zu porträtieren. Ist doch die Fotografie, verantwortungsvoll und mit Bedacht betrieben, eine wunderbare Möglichkeit, mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen. Neugier, Entschlossenheit und ein visuelles Konzept auf Seiten des Fotografen sind dazu unabdingbar. Schon allein wegen der bekannten „Was der Bauer nicht kennt …“-Regel. Geduld zahlt sich aus. Insgesamt drei Jahre lang fotografierte Uwe Nölke im Ort, verteilte Fotos, gewann die Kooperationsbereitschaft seiner „Modelle“ und wurde schließlich Ehrenmitglied der Dorf-Feuerwehr – als gebürtiger Ostwestfale!

Um die Zeitlosigkeit des dörflichen Lebens – den Plausch über den Gartenzaun, die Hausschlachtung, die Natur darum herum – darzustellen, entschied sich Uwe Nölke für die klassische Schwarzweiß-Fotografie. Optimal kommen die handwerklich perfekten Fotoarbeiten im großen Format der Ausstellungsabzüge zur Geltung. Klassisch sollte es sein, aber keineswegs nostalgisch. Das wäre der Situation eines Dorfes heutzutage gar nicht angemessen, zumal nicht der eines Dorfes auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die von den Klein Lübenern gemeinsam erlebte Wende samt Folgen schweißt zusammen. Auch wenn die LPGs aufgelöst und die jüngeren Leute jetzt im Westen leben: Der Wechsel der Jahreszeiten bleibt gleich und damit die Anforderungen an die Arbeit des Landwirtes. Oder sollte man den Wunsch in der Aussage des Mannes mit den zwei Fernbedienungen als leisen Zweifel an der Harmonie im Ort auffassen? „Die Klein Lübener sollten alle immer schön zusammen halten und sich gut verstehen.“ Jeder kennt jeden, nur den Fotografen noch nicht so richtig. Auf einigen Fotos strahlen die Menschen eine leicht skeptische Herzlichkeit aus.

Klein Lüben ist vielleicht nur ein besonders entzückendes Rundlingsdorf mit Backsteinhäusern in der Westprignitz, aber durch Uwe Nölkes Fotografien ist es auch „das Dorf“ schlechthin, mit seinen idyllischen und problematischen Seiten, den geselligen Ereignissen und den einsamen Abenden vor dem Fernseher, mit den alten Kachelöfen und modernen Menschen auf Motorrädern. Es ist das Dorf, in dem sich Historie und Gegenwart mischen. Von weitem sehen wir das Bild einer idealen Landschaft, aus der Nähe den Ort der Geborgenheit, nach dem wir uns sehnen.
(Auszug aus dem von mir verfassten Vorwort.)

Uwe Nölke: Ein Dorf in unserer Zeit.
Portrait Klein Lüben in Brandenburg.
78 Seiten, 62 Schwarzweißfotografien,21 x 28 cm Hochformat, Hardcover.
Limitierte  Auflage 100 Exemplare, durchnummeriert und handsigniert.
€ 29,80 inkl. MwSt., zuzüglich Versand.
ISBN  978-3-00-030633-4
Das Buch kann beim Autor per Email bestellt werden.

Ein anderes Fotoprojekt über einen Ort: Mein Platz in Kempen

Robert Rutöd: Less is more

In seinem ersten Fotoband demonstriert der Wiener Fotograf Robert Rutöd ein breites Spektrum menschlichen Treibens: man sieht in Essig eingelegte Erinnerungen, hört Hundegebell aus offener Brust oder beobachtet wie im Rahmen einer Prozession religiöse und verkehrstechnische Symbolik verschmilzt. Und wie es sich für einen echten Wiener gehört, fehlt auch das Morbide nicht. Die Fotos stehen in der klassischen Tradition der Street Photography und zwingen zum genauen Hinsehen. Dem oberflächlichen Betrachter wird der schwarze Humor des Fotografen oftmals verborgen bleiben. Das Buch kostet 44 Euro, mit Print 99 Euro.

Less Is More, Fotografien von Robert Rutöd, Text von Christine Dobretsberger
Hardcover, 104 Seiten, 47 Farbabbildungen, Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, 22×22 cm, Oktober 2009, ISBN 978-3-8370-3549-0 www.rutoed.at

Bilder von der Buchmesse

Eben von einem Kurzbesuch der Buchmesse zurück, hier ein paar Fotos aus der Halle 4.1, in der die Kunst- und Fotobuchverlage zu finden sind. Interessant und in diesem Jahr neu ist das Zentrum Bild, in dem an den Fachbesuchertagen, also bis Freitag, den 16.10.2009, Mitarbeiter oder gar Inhaber verschiedener Bildagenturen an jeweils einer schmalen Theke stehen. Natürlich sind die auf der Messe, um ihre Kundenkontakte zu pflegen, aber wer als Profi-Fotograf an der Zusammenarbeit mit Bildagenturen interessiert ist, hat hier sicherlich die Chance, ein kurzes persönliches Gespräch zu führen.

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Nicht besonders einladend, aber mit Internetanschluss: Das Zentrum Bild in Halle 4.1. Weiterlesen

Portraits von Männern, von Frauen

Männer fotografieren Frauen – oder Männer, das ist nichts Besonderes. Aber für viele Frauen gilt noch heute, dass der unverhohlene Blick auf den nackten Mann ziemlich heikel ist. Die Fotografin Sally Mann hat sich mit dieser Asymmetrie befasst und stellt derzeit mit „Proud Flesh“ das Ergebnis Ihrer Überlegungen vor. Über einige Jahre hinweg hat sie ihren Mann fotografiert, dabei aber eine solche Zurückhaltung und Diskretion walten lassen, dass die Betrachterin dieser ja durchaus sehr intimen Fotografien in keinem Moment unangenehm berührt ist. Anders dagegen bei „Das Porträt. Fotografie als Bühne“, einer Ausstellung von Peter Weiermair, die noch bis zum 18. Oktober 2009 in der Kunsthalle in Wien gezeigt wird. Zeitgleich mit Colbergs Blogpost über Sally Mann traf der Katalog bei mir ein, der im Verlag für moderne Kunst in Nürnberg erschienen ist. Auch hier ist Sally Mann vertreten, allerdings mit alten Arbeiten über die unmittelbare Familie. Weiterlesen

Peter Bialobrzeski: Paradise Now

Er ist einer der bekannten, renommierten deutschen Fotografen. Ausnahmsweise nicht aus der Becher-Schule. Er fing an mit der Reportagefotografie, wandte sich aber bald der Realisierung freier Projekte zu, die in Bildbänden publiziert und auf dem Kunstmarkt gehandelt werden. Zudem hat er eine Professur an der HBK in Bremen, von der er sich gerade für zwei Jahre beurlauben ließ. Am 11. Juli 2009 hielt er einen Vortrag im Museum der Weltkulturen, bei dem er im Rahmen der Sommerakademie des Fotografie Forums Frankfurt seine Arbeiten präsentierte.

Peter Bialobrzeski bei seinem Vortrag in Frankfurt.

Der Vortrag in Frankfurt begann mit einem Motiv der Arbeitssituation.

Bialobrzeski zeigte zu Beginn Fotos aus Indien und sprach darüber, wie man vor zehn, fünfzehn Jahren Bildstrecken für Magazine fotografierte – speziell für Zeitungssupplements wie das FAZ-Magazin, das 1999 eingestellt wurde. Er sagte, er habe anfangs Bilder beispielsweise wie aus „Geo“ im Kopf gehabt. Und er habe sich davon befreien wollen, und erwarte auch von seinen Studenten, sich von diesen vorgegebenen Bildern zu lösen.

Nachtaufnahmen aus den Megacities

In seiner Arbeit „Paradise Now“ ist es ihm ganz wunderbar gelungen, einen in jeder Beziehung neuen Betrachtungswinkel zu finden. Die Idee ist im Prinzip so einfach wie gut: In den Megacities werden die Pflanzen nicht mehr (nur) von oben, eben durch die Sonne, sondern nachts aus allen Richtungen künstlich beleuchtet. Da wuchert und schlingt es durchs Bild, und im Hintergrund oft und irreal wirkend durch die Überbelichtung: Teile von Hochhäusern. Die Fotos sind atemberaubend! Weiterlesen

Roger Richter: The Power of Dignity

Roger Richter aus Wiesbaden studierte Fotografie bei Prof. Dr. Hans Puttnies in Darmstadt und wenn er innehält, wundert er sich selbst ein wenig, wie aus ihm ein Auftragsfotograf mit einem großen Studio werden konnte. Ein Element seines Erfolges ist sicherlich, dass er wirklich liebt, was er tut und im Handwerklichen ein Perfektionist ist. Und weil er von der Ausbildung her nicht vom Kommerz, sondern von der Kunst kommt, fallen seine freien Arbeiten denn auch wirklich beeindruckend aus. Jetzt ist im Kamphausen-Verlag ein großer zweisprachiger Band mit seinen Arbeiten unter dem Titel The Power of Dignity – Die Kraft der Würde: The Grameen Family erschienen. Das Thema sind Armut und deren Überwindung durch die Mikro-Kredite der Grameen Bank, initiiert von Friedens-Nobelpreisträger Professor Muhammad Yunus. Der schreibt in seinem Vorwort zum Buch: „Dieser wunderbare Bildband … macht die Menschen, die bis heute noch immer in Armut leben, in ihrer tief bewegenden Würde sichtbar. … Die Armen haben Namen, Pläne und ihre Erfolgsgeschichten sind erstaunlich.“

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„The Power of Dignity“ hat ein Thema; auf fotografische Aspekte wird gar nicht eingegangen. Quasi ergänzend befragte ich deshalb Roger Richter zu seiner Arbeit in Bangladesch. (Zusätzlich zu den Abbildungen der Doppelseiten gibt es hier 13 käufliche Motive zu sehen.)

Statt Urlaub zu machen, fotografieren Sie für internationale Organisationen in Asien, wo sich diese für die Überwindung von Armut, Krankheit und Analphabetentum einsetzen. Weiterlesen

Andreas Reeg

Wie wichtig ein eigenes, freies Projekt für jeden Fotografen ist, erkläre ich jedem, der zu mir zur Beratung kommt. Und manchmal, gegen Ende des Jahres, erscheint mir das schon fast als vermessene Anforderung: im Alltagsgeschäft noch Zeit zu finden, sich einer Arbeit mit Herzblut zu widmen; sich wieder bewusst zu machen, warum man einst die Fotografie gewählt hat, und nicht Webdesigner geworden ist; sich fotografisch wieder ein Stück weiter zu entwickeln, und dabei noch etwas Sinnvolles zu leisten – ohne gleich ans Honorar zu denken. Da ist es eine schöne Fügung, auf die Arbeiten von Andreas Reeg zu stoßen, der das alles tut, was ich meine, dass es ein Fotograf tun sollte. Und da er es von ganz alleine macht, und aus tiefer Überzeugung, ist er das beste Beispiel, dass es funktioniert!

Andreas Reeg bekommt Aufträge und große Bildstrecken in GEO, Stern, Der Spiegel, Die Zeit, DU, Neon, Chrismon. Zudem fotografiert er für das Handelsblatt und die Financial Times sowie weitere Zeitungen. Bei Reegs in Otzberg im Odenwald sitzen sie zu viert am Tisch und werden satt, ohne dass sich Andreas Reeg verbiegen muss. Er hat ein besonderes Einfühlungsvermögen für soziale Themen, und setzt sie ästhetisch sehr gelungen um. Weiterlesen