Kategorie: Delikatessen

Interessante Fotografen in Interviews, schöne Fotos, gute Beispiele.

Künstlerfilme: Skurrile Sehwelten

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Treppenhaus im kubistischen Haus „Zur schwarzen Muttergottes“ in Prag. Foto: MM

Vor Weihnachten war ich in Prag. Eine Stadt, dicht gespickt mit Weihnachtsmärkten und Törtchenausgabestellen. Die Cafés sind wirklich sehenswert. Keinesfalls verpassen sollte man das Imperial im reinen Jugendstil sowie das Grand Café Orient, denn es ist das einzige kubistische Café weltweit. Es befindet sich im ersten Stock (!) eines kubistischen Hauses „Zur schwarzen Muttergottes“. Ich empfehle vorab den Besuch des kleinen Kubismus-Museums in den oberen Stockwerken. Man fühlt sich ein wenig eckig, anschließend, und kann das mit einem der guten tschechischen Biere im Café wieder glätten. Ziemlich verblüfft war ich, dass in den Cafés noch geraucht wird.

Vielleicht haben auch Sie nun etwas Zeit, sich Schräges, Ungewöhnliches anzusehen? Bewegtes Bild, gar? Zum Jahresausklang möchte ich Ihnen zwei Künstler ans Herz legen, die mit Film arbeiten, aber gewisssermaßen fotografisch denken. Das äußert sich beispielsweise in starren Einstellungen und sparsamen Schnitten. Eigentlich sind es eben Bilder, in denen sich etwas bewegt. Ich find’s großartig und sehr inspirierend.

„Staging Silence (2)“

Anfang 2016 war ich in Brasilien. Und weil es auch in Rio regnete, ziemlich viel in Kunstmuseen. Die sind übrigens sowohl in Sao Paulo als auch in Rio de Janeiro architektonisch wie auch sonst ein Tipp. Auf jeden Fall war in einer Ausstellung über belgische Künstler ein Vorhang, der wiederum zu einem sehr dunklen Raum führte, in dem ein Schwarzweißfilm lief. Mein Gatte und ich setzten uns und waren hin und weg. Alle fünf Minuten schaute der Aufseher nach, ob wir noch da saßen. Ja, der Film von Hans Op de Beeck war 20 wunderbare Minuten lang: „Staging Silence (2)“ von 2013, für mich die aufregendsten und schönsten Schwarzweißbilder 2016.

Der wahnsinnig produktive Hans Op de Beeck, 1969 in Belgien geboren, benutzt als Ausdrucksmittel, was immer ihm angemessen erscheint. Es gibt außer Videos auch Installationen, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen. In Amsterdam bin ich seinen Arbeiten zum zweiten Mal in diesem Jahr begegnet. Die Kunstsammlung von Akzo Nobel zeigt im Entree der Firmenzentrale eine kleine Koje mit Kunstwerken von ihm.

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Hans Op de Beeck: My Favorite Small Buildings (Foto: MM in der Sammlung Akzo Nobel)

Auch dort sind sie Fans des vielseitigen Künstlers, der in Brüssel lebt. Im nachfolgenden Video gibt er auf Englisch einen kurzen Überblick über sein Werk.

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“

Roy Andersson hatte ich mir jünger vorgestellt. 1943 in Göteborg geboren, wurde er nämlich erst ab 2000 mit seinen sehr skurrilen Filmen bekannt. 2014 erschien „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ (und ich habe ihn erst im November gesehen, obwohl ich „Das jüngste Gewitter“ von 2007 kannte). Szene für Szene wurde gebaut und so dauerte es vier Jahre, bis der Film fertig war. Wobei das eben kein Film mit einer „Story“ ist, sondern eher eine Aneinanderreihung von Bildern. Andersson bezieht sich explizit auf Gemälde der Neuen Sachlichkeit und auf die Fotografien von August Sander. Besonders gefällt mir, dass oft im Hintergrund noch eine Person zu sehen ist. Der Running Gag: Immer, wenn sie telefonieren, sagen sie:  „Schön zu hören, dass es Euch gut geht!“

Fiktion, auf die wir uns einlassen, wirkt authentisch

Ein Blick in die Zukunft, british and very strange, wirft die Serie „Black Mirror“, die auf Netflix zu sehen ist. In Folge 3 der ersten Staffel werden Action- und Webcams weitergedacht als visuelle Rekorder unseres Erlebens, eingepflanzt hinter dem Ohr. Was passiert, wenn man jedes Ereignis im Leben noch einmal betrachten kann; was, wenn sich der letzte Moment zurückspulen lässt? Wie wäre es, wenn wir ständig dokumentieren müssen, was wir die letzten 24 Stunden oder Woche getan haben, um überhaupt ein Flugzeug besteigen zu dürfen? Beklemmende Gedanken.

Für Ihre Zukunft – persönlich und beruflich – wünsche ich Ihnen auf jeden Fall nur das Heiterste und Beste. Schöne Feiertage und viel Erfolg mit allen Ihren Plänen!


PhotoEspana2015: Entdeckungen

Madrid bietet interessante Ausstellungen an meist imposanten Orten, manchmal findet man aber auch Prints eines William Klein und eines Hiroshi Sugimoto da, wo man sie nicht unbedingt erwarten würde, zum Beispiel in einem Restaurant. In diesem Fall handelt sich es um eine große Charity Auktion von Christie’s zu Gunsten der Fundación Balia, die sich für sozial benachteiligte Kinder in Spanien stark macht. Die meist großformatigen Prints hängen bis zum 21. Juni im Restaurant Lateral, Castellana 42. Die Auktion wird am 22. Juni um 20 Uhr im Museum Thyssen-Bornemisza stattfinden und kostet 35 Euro Eintritt (Cocktail inklusive) – wodurch sich der Erlös weiter erhöht. Mitorganisatorin Betty Guereta spendete das bekannte Brassai-Bild von Picasso im Café Flore, 1939. Ihre Tochter fragte sie, warum sie den Brassai weggebe, woraufhin sie sagte, dass sie damit Kindern helfen könne – und fügte im persönlichen Gespräch hinzu, außerdem besitze sie mehrere Brassais. Das illustriert vielleicht, mit welcher Nonchalance hier mit Ikonen der Fotografie umgegangen wird.

Betty Guereta für Balia

Galeristin Betty Guereta sprach über Balia vor der internationalen Presse. Die meist großformatigen Prints hängen zum 21. Juni im Restaurant Lateral, Castellana 42.

Konstruierte Welten

Nadav Kander. Fengjie III (Monument to Progress and Prosperity), Chongqing Municipality,2007 © Nadav Kander. Courtesy Flowers Gallery.

Nadav Kander. Fengjie III (Monument to Progress and Prosperity), Chongqing Municipality,2007
© Nadav Kander. Courtesy Flowers Gallery.

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PhotoEspana2015: Schwarzweiß

Von Anfang Juni bis Ende August findet in Madrid die 18. Ausgabe der PhotoEspaña statt, veranstaltet von La Fabrica, einer Organisation, die unter anderem eine Galerie, einen Bookshop und ein Café betreibt, die jedoch weit entfernt davon ist, dem Festival einen organisierten Mittelpunkt zu geben. Was man erwarten kann, ist eine kuratierte Zusammenstellung hochklassiger Ausstellungen im Zentrum der spanischen Hauptstadt, während Portfolioreviews Anfang Juni in Alcobendas stattfanden, einem Ort dreißig bis vierzig Fahrminuten vom Zentrum entfernt. Ideal ist Madrid demnach für alle, die einen Städtebesuch mit dem Ansehen von (kostenlosen) Ausstellungen kombinieren möchten, anhand derer man einmal so richtig eintauchen kann in die Fotografie Lateinamerikas. Das ist nämlich das Schwerpunktthema 2015. Über Madrid hinaus organisierte die neue PHE-Leiterin Maria Garcia Yelo mehr als 100 Ausstellungen. Ich beginne meinen Bildbericht mit den historischen und zeitgenössischen Schwarzweißfotografien, von denen es viele zu sehen gab, und werde im zweiten Teil im Wesentlichen über interessante Gruppenausstellungen zur zeitgenössischen Fotografie berichten.

Fotos der Zwanziger- bis Fünfzigerjahre

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Blick in die Korda-Ausstellung im Museo Cerralbo.

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Terra Armenia von Erol Gurian

Nur noch wenige Tage – bis zum 25. Mai 2015 – ist seine Ausstellung in München im Gasteig (Aspekte Galerie im 2. OG) zu sehen. Der Fotojournalist Erol Gurian porträtierte Diaspora-Armenier in den USA, Frankreich, Libanon und Deutschland und zeigt ihre Herzensorte in Armenien. Diese Bildpaare werden ergänzt durch Anekdoten von besonderen Begegnungen und Ereignissen. Die Abgebildeten erzählen, was sie mit diesen Orten verbindet und warum sie ihnen wichtig sind; zum Beispiel Ardag Geokjian, 15 Jahre, aus Anjar im Libanon, dessen Lieblingsort der Platz der Republik in Eriwan ist.

Ardag Geokjian, 15 Jahre, Schüler. Anjar, Libanon, 2014. Aus "terra arMEnia", www.terraarmenia.com

Ardag Geokjian, 15 Jahre, Schüler. Anjar, Libanon, 2014. Aus „terra arMEnia“

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Olaf Otto Becker: Reading the Landscape

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Gäbe es einen Nobelpreis für Fotobildbände, dann müsste er 2014 an Olaf Otto Becker verliehen werden. Für die unfassbare Leistung, die hinter den Arbeiten „Reading the Landscape“ steht; für den Einsatz, in wunderbaren Landschaftsaufnahmen zu erzählen vom Regenwald, von seiner Zerstörung und von den ebenso skurrilen wie hilflosen Versuchen, Natur im städtischen Umfeld zu rekonstruieren. Olaf Otto Becker, der 1959 in Lübeck geboren, bei München lebt, schrieb in seinem Blogbeitrag bei HatjeCantz: Weiterlesen

Print-Edition von hiepler, brunier, zum Vorzugspreis

Ein großes Projekt in meinem neuen Buch „Fotopraxis mit Perspektive – 16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher“ stammt vom Fotografen-Duo David Hiepler und Fritz Brunier aus Berlin. Sie wurden von einem Zementkonzern zu einem künstlerischen Projekt beauftragt: „Industrious“ heißt das monumentale Buch, in dem die Porträts von Marco Grob stammen und die Architekturfotografie von hiepler, brunier. Die beiden legten dazu eine Print-Edition mit sieben Motiven auf, bei der nicht alle 30 Mappen der Auflage produziert wurden. Fotofeinkost-Leser haben nun die einmalige Gelegenheit, diese verbliebenen Editionsausgaben zu einem Sonderpreis von 980 Euro (inkl. USt. und Versand) zu beziehen – ein tolles Weihnachtsgeschenk für Architekten und alle, die sich für Industrie, Industriekultur und hochklassige Schwarzweiß-Fotografie begeistern. Und Sie bekommen sie mit einer persönlichen Wunsch-Widmung, denn die Prints im Format 30 x 40 cm auf Hahnemühle Baryta 315 gr-Papier werden eigens für Sie hergestellt! Damit das noch vor den Feiertagen klappt, bestellen Sie bitte bis 12.12.14, indem Sie mir einfach eine Email senden, die Sie noch nicht zum Kauf verpflichtet. Sie erhalten, wenn alle Details geklärt sind, eine Vorausrechnung. Bitte beachten Sie, dass der Vorzugspreis nur bis Weihnachten gilt. Danach kostet die Mappe 1.200 Euro.
Damit Sie sich das schöne Portfolio genauer vorstellen können, habe ich ein kurzes Video angefertigt. Unter dem Video sehen Sie zudem alle sieben Motive noch einmal abgebildet.

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Glänzend! Das Fotoprojekt „Beletage“ von Lars Nickel

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Wie findet und fotografiert man fremde Menschen in deren Wohnungen? Wie präsentiert man ein Fotoprojekt? Kann man vom Fotografieren leben? Drei Fragen, die sich viele Fotografierende stellen. Eine Antwort heißt „Beletage“ und wird gegeben vom „freundlichen Familienvater“ Lars Nickel. Der Untertitel seines Bildbandes mit Porträts in Berliner Wohnungen lautet „Ansichten eines Fensterputzers“. Das klingt nach betörend originellem Alleinstellungsmerkmal, weckt aber vielleicht falsche Vorstellungen. Zum Beruf des Fensterputzers kam der Vater von zwei Söhnen aus ökonomischen Erwägungen – und weil es eine familiäre „Vorbelastung“ gab. Zuerst aber war da die Liebe zur Fotografie, unter anderem eine Ausbildung zum Mediengestalter. Die scheint sich bewährt zu haben, denn die Gestaltung sämtlicher Medien ist so fein und durchdacht, dass man vor dem Gesamtprodukt – Buch, Website und Video – nur den Hut ziehen kann. Oder haben Sie schon einmal einen Bildband aufgeschlagen, dem eine Visitenkarte beilag? In diesem Fall sogar zwei, nämlich eine des Fotografen Lars Nickel und eine, die für ihn als Fensterputzer wirbt. (Ich befürchte jedoch, er arbeitet nicht bundesweit.) Weiterlesen

Die Würde der Inderin. Die Verantwortung des Fotografen

Gestern ging eine Meldung durchs Netz über einen indischen Fotografen, der Modefotos veröffentlicht hatte. Eine schick gekleidete Frau wird von zwei Männern angegrapscht und in Posen einer Vergewaltigung abgelichtet. Der Fotograf findet das nicht weiter schlimm, denn in Indien gelten Frauen als mindere Menschengruppe. Es gilt als Unglück, wenn Mädchen geboren werden. Frauen werden von ihren Ehemännern verbrannt und verstümmelt. In der Öffentlichkeit sind sie wie Freiwild, den Übergriffen von Männern preisgegeben. Aber Kühe sind heilig!

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Ein Fotograf, der – im Unterschied zum „Modefotografen“ – verantwortlich mit dem Thema umgeht, ist Fazal Sheikh, der vor einigen Jahren zwei aufwendig gedruckte Bildbände bei Steidl herausbrachte, die nun hier zu einem stark reduzierten Preis angeboten werden. „Ladli“ handelt von den verstoßenen Mädchen, „Moksha“ von Witwen, die sich in die heilige Stadt Vrindavan in Nordindien flüchteten. Einige berichten von ihrem Schicksal. So wie Sarla Goraye, deren Ehemann sechs Monate nach der Hochzeit verstarb. Sie wurde daraufhin von der Familie als Unglücksbringer verstoßen. Da war sie fünf Jahre alt! Und ihr „Mann“ war zwölf, als er starb. Für sie war damit ein Leben als Frau und Mutter unmöglich geworden. Ich empfehle die beiden Bände, weil sie von einem der besten Menschen-Fotografen weltweit und von großer Einfühlsamkeit sind. Es handelt sich nicht um Fotobildbände im konventionellen Sinn. Die Frauen sind verschleiert und vielfach zudem von der Kamerea abgewandt. Der Text ist englisch.

Zum Thema „Frauen in Indien“ habe ich hier einen Filmbericht in der ZDF Mediathek gefunden.

Arbeit und Freizeit – 2 neue Bildbände aus dem Kehrer Verlag

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Heute möchte ich auf zwei perfekt korrespondierende Bildbände von Fotografen hinweisen, die auf der Fotofeinkost-Watchlist stehen. Schon 2008 berichtete ich über die Serie „Freizeitfreunde“. Ich schrieb seinerzeit: Ursula Sprecher und Andi Cortellini haben im Raum Basel Vereine fotografiert, besser gesagt: die Menschen, die sich zu Vereinen zusammenfinden, um einen Teil, vielleicht einen großen Teil, der Freizeit gemeinsam zu verbringen. Mit ihrem Projekt „Vor Ort“ sind sie in der Region geblieben, aber was ihnen gelungen ist, weist über die Grenzen der Schweiz weit hinaus. Mit Liebe zum Detail und einer großen Empathie fotografiert, zeigen sie das Individuelle wie das Allgemeine, das man zumindest einmal für den deutschsprachigen Raum als gültige Darstellung reklamieren kann – vom Rahmdeckeli-Tauschverein mal abgesehen.
Die mustergültig inszenierten Gruppen kann man hier ansehen und erst recht im neu erschienenen Bildband aus dem Kehrer Verlag genießen. Da sieht man auch einmal, wie lange so etwas dauern kann! Weiterlesen

DiCorcia Photographs 1975-2012 in Frankfurt

Es gibt in diesem Sommer eine Ausstellung, die jeder gesehen haben sollte, der mit einer gewissen Anspruchshaltung fotografiert. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main zeigt eine Retrospektive des Fotografen Philip-Lorca diCorcia. Es ist die erste Überblicksausstellung seiner Arbeiten in Europa und man darf durchaus dankbar sein, diese in Deutschland zu haben. Ein wenig mag eine Ausstellung in Frankfurt nahe liegen, da sich einige der ausgestellten Werke ohnehin in der Kunstsammlung der Deutschen Bank befinden.

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Philip-Lorca diCorcia
Porträt des Künstlers © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013
Foto: Norbert Miguletz

Philip-Lorca diCorcia  gehört, wie auch der Pressetext herausstellt, „zu den bedeutendsten und einflussreichsten Fotografen unserer Zeit“. Er wurde 1951 in Hartford, Connecticut, USA, geboren, studierte an der School of the Museum of Fine Arts in Boston, und erwarb 1979 an der Yale University den Master of Fine Arts in Fotografie. Bereits 1993 richtete das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung für diCorcia aus. Gegenstand der Ausstellung war die Serie über Stricher, die er in Los Angeles fotografiert hatte und die sich als Karriereticket erwies. Im MoMA hieß die zwischen 1990 und 1992 entstandene Serie noch „Strangers“, in Frankfurt „Hustlers“. Die Fotoarbeiten sind in der Tat extrem beeindruckend, damals wie heute. Komplett inszeniert werden die männlichen Prostituierten in Szenerien platziert, die der Fotograf ausgewählt und ausgeleuchtet hatte. In Hollywood. Die Männer spielen eine Rolle, für die sie bezahlt werden. Die Bildtitel geben Auskunft über den Namen, das Alter und den Geburtsort der Männer sowie über die Summe, die sie für das Posen verlangten. DiCorcia hat damit etwas Neues gewagt, ist ein persönliches Risiko eingegangen und hat spektakuläre visuelle Lösungen gefunden. Vor der Leistung kann man nur den Hut ziehen.

 

PHILIP-LORCA DICORCIA Ike Cole, 38 years old, Los Angeles, California, $ 25, 1990-92 Fujicolor Crystal Archive print 30 x 40 inch (111.8 x 167.6 cm) © Courtesy of the artist und David Zwirner, New York und Sprüth Magers, London/Berlin

PHILIP-LORCA DICORCIA
Ike Cole, 38 years old, Los Angeles, California, $ 25, 1990-92
Fujicolor Crystal Archive print, 30 x 40 inch (111.8 x 167.6 cm)
© Courtesy of the artist und David Zwirner, New York und Sprüth Magers, London/Berlin

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PHILIP-LORCA DICORCIA
Eddie Anderson, 21 years old, Houston, Texas, $ 20, 1990-92
Fujicolor Crystal Archive print, 30 x 40 inches (76.2 x 101.6 cm)
Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

Diese Serie machte diCoricia jedoch nicht nur in der Kunstwelt, sondern vor allem auch in der Modeszene bekannt. „Die Bilder prägten einen Stil, den die Magazine dann von mir sehen wollten“, sagt er. Er interessiert sich tatsächlich für Menschen, die am Rand der amerikanischen Gesellschaft leben, wird aber hinsichtlich seines fotografischen Stils gefeiert und dieser von der kommerziellen und oberflächlichen Modewelt adaptiert.

Die inszenierte Fotografie wird leicht zur Gratwanderung zwischen Kommerz und künstlerischem Ausdruck. Nährt sich die frühe Serie über die Stricher noch aus der Lebenserfahrung und dem gedachten Klischee zugleich, driftet diCorcias neue Serie „East of Eden“ ins Werbliche ab. Wir nehmen in dieser Art der Fotografie als Betrachter nicht mehr an einer Erfahrung des Künstlers teil, sondern uns wird eine Weltanschauung mittels Symbolik und Klischees „verkauft“.

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PHILIP-LORCA DICORCIA
The Hamptons, 2008
Inkjet print, 40 x 60 inches (101.6 x 152.4 cm)
Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

Der Cowboy reitet durchs öde Land. Zwei Hunde gucken in einem Luxusapartment in den Hamptons einen Porno. (Ganz große Inszenierung mit Hundetrainerin und einkopiertem Film.) Es gibt einen gephotoshoppten Apfelbaum und eine Eva, die wie eine Barbiepuppe wirkt. Ein Paar, er schwarz, sie weiß, posiert in einer typisch amerikanischen Wohnküche mit Oberlicht und Hund. Dem flüchtigen Betrachter wird entgehen, dass beide blind sind. Erst recht aber ahnt er vermutlich nicht die „Hintergedanken“ des Künstlers:

Dass die beiden blind sind, bedeutet für diCorcia nicht nur, dass sie am Leben nur eingeschränkt teilhaben können. Sie haben auch den Blick ins Paradies verloren. „Blinde, die von Geburt an blind sind, träumen nicht. Jedenfalls nicht in dieser verschlungenen Bilderflut, die Sehende aus ihren Träumen kennen.“

Noch zugespitzter überlagern sich die Probleme, unter denen Amerika aktuell leidet, – Finanzkrise, Überschuldung und Naturkatastrophen  –  in seiner Aufnahme Iolanda. Wie absurd und größenwahnsinnig müssen der Frau die New Yorker Hochhäuser vorkommen, diese Symbole von Wachstum und Wohlstand, die sie von ihrem Hotelzimmer aus sieht? Im Fernsehen rast schon der nächste Tornado auf die Stadt zu. Doch die Frau starrt auf die friedliche Skyline  – und ihr Spiegelbild, das sich im Panorama-Fenster darüber legt. (ArtMag77)

Es ist das erste Foto in der Ausstellung und ich habe dabei nicht an die Apokalyptischen Reiter gedacht, sondern es als Portätfoto bewundert, kunstvoll und mit Bedacht gemacht. Leider beginnt die Ausstellung genau mit diesen symbolisch überfrachteten Arbeiten und geht dann biografisch zurück bis in die Siebziger. Die überbordende Phallussymbolik fiel mir erst beim Zurückkommen auf. Sexualität spielt direkt oder indirekt eine ziemlich wichtige Rolle in diCorcias Arbeiten. Und auch, dass bei ihm Frauen öfter mal auf dem Bett sitzen und Fernseher ein einkopiertes Bild zeigen, bemerkt man erst beim Nacharbeiten – empfohlen sei hier vor allem das Buch „Eleven“ mit diCorcias-Modefotos von genial bis verstörend, das noch dazu gerade preisreduziert zu haben ist.

Die Pole-Dancer in der Serie „Lucky 13“ von 2004 fand ich nur irritierend ausgeleuchtet – auch hier entging mir deren tiefere Bedeutung.

Die Tänzerinnen sind für ihn eine Metapher für die Menschen, die aus dem World Trade Center gefallen sind. Sie hängen fast immer kopfüber, als würden sie fallen. „Ich habe Höhenangst und das schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist von einem hohen Gebäude aus herunter zu fallen. Mir kam es so vor, dass die USA eine Art Fetisch aus 9/11 gemacht haben. So fügte sich für mich das eine zum anderen. Auch in der Mythologie sind Eros und Thanatos eng miteinander verbunden. Sie sind jeweils die Kehrseite des anderen.“ (ArtMag77)

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PHILIP-LORCA DICORCIA
Lola, 2004
Fujicolor Crystal Archive print
64 1/2 x 44 1/2 inches (163.8 x 113 cm)
Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

 

Nun verbindet man mit diCorcia nicht nur Inszenierungen, sondern vor allem wurden seine spektakulären Straßenfotos „Heads“ von 2000 bekannt. Die Idee war brilliant, die Fotos sind großartig, aber die hat man nun schon so oft gesehen, dass sie wie alte Bekannte sind, die nichts Überraschendes mehr zu bieten haben. Aber wer sie nicht kennt, kann sich auf die Begegnung mit wenigen, aber großartigen Menschenstudien freuen.

Die vorherigen Straßenfotos „Streetwork“ aus den Neunzigern fand ich hingegen schlecht gealtert, beliebig und wenig inspirierend. Da hätte aus meiner Sicht eine Serie seiner Modefotos für das W Magazine mehr bewirkt. Aber ich nehme einmal an, der Geruch des Kommerziellen sollte in den Hallen der Schirn gar nicht erst verbreitet werden – dabei könnten die W-Modestrecken kaum weniger kommerziell wirken.

A Storybook Life (1975-1999) ist in Frankfurt vollständig aufgefächert und es lohnt sich, diese eher alltäglich wirkenden Arbeiten genauer und auch mehrfach anzusehen. (Schon, weil sie leider schlecht ausgeleuchtet sind.) An ihnen zeigt sich, welch brillanter Fotograf diCorcia ist, mit welcher Aufmerksamkeit er das Leben beobachtet. Da kann man sich, wenn man mag, eine Scheibe Inspiration abschneiden. Durchaus fragwürdig finde ich die Behauptung des Wandtextes, „dass die banal, intim und real wirkenden Alltagsmomente inszeniert sind. Die vermeintlich spontan festgehaltenen Bilder sind von Anbeginn nach Anweisungen des Künstlers arrangiert“. Es gibt ein wunderschönes Foto von Philip-Lorcas Bruder, der eine Zimmerdecke abschleift. Da sieht man im Hintergrund einen runden Spiegel. Mag sein, dass hier die Hand des Künstlers korrigierend eingegriffen hat. Aber hat er wirklich „von Anbegin an“ das Zimmer in Schutt und Asche gelegt, um dieses Foto zu machen? Wohl kaum!

Wenn es dann noch heißt, „sie sind vielmehr Konstruktionen einer Wahrheit auf übergeordneter Ebene, wobei der methaphorische Prozess der Fotografie zum Vorschein gebracht wird“, kommt es mir so vor, also sollen hier wundervolle, aber durchaus biografische Fotografien auf museales Niveau hochmystifiziert werden.

So wie man nicht alles für bare Münze nehmen sollte, was auf den Fotografien zu sehen ist, so muss man auch nicht alles für das letzte Wort halten, was an Text mitgeliefert wird. Sich diCorcias Arbeiten genau anzusehen und sich seine Gedanken dazu zu machen, lohnt in jedem Fall.

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt. DAUER: bis 8. September 2013. ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Fr – So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr. EINTRITT: 8 €, ermäßigt 6 €, KATALOG: 36,00 €
Die von der Schirn Kunsthalle Frankfurt konzipierte Ausstellung wird im Anschluss im De Pont Museum of Contemporary Art in Tilburg in den Niederlanden zu sehen sein (5. Oktober 2013 bis 19. Januar 2014)

Hans-Christian Schink: Tohoku

Yamamoto, Kasahama, Miyagi Prefecture © Hans-Christian Schink, Courtesy Galerie Kicken Berlin und Galerie Rothamel Erfurt/Frankfurt

© Hans-Christian Schink, Courtesy Galerie Kicken Be rlin und Galerie Rothamel Erfurt/Frankfurt

Kesennuma, Hajikamiiwaisaki _1, Miyagi Prefecture © Hans-Christian Schink, Courtesy Galerie Kicken Berlin und Galerie Rothamel Erfurt/Frankfurt

Vor zwei Jahren, am 11. März 2011 um 14:46 Uhr Ortszeit wurde die Region Tohoku im Nordosten Japans von dem schwersten Erdbeben erschüttert, das in dem Land jemals aufgezeichnet wurde. Dessen Folgen, ein Tsunami, der entlang einer 400 km langen Küstenlinie Städte und Dörfer dem Erdboden gleichmachte, sowie der Reaktorunfall von Fukushima addierten sich zu einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Ein Jahr nach dem Tsunami war der Fotograf Hans-Christian Schink (1961 in Erfurt geboren) als Stipendiat der Villa Kamogawa Kyoto mehrere Wochen in der betroffenen Region unterwegs. Jetzt ist das Buch Tohoku (siehe Artikelfoto) bei HatjeCantz auf deutsch, englisch, japanisch erschienen (132 Seiten, 61 Abb. 30,00 x 24,00 cm, gebunden, 39,80 Euro).

Was würde man selbst ablichten, wenn man so eine großartige Chance bekäme: Drei Monate finanziert vom Goethe-Institut in Kyoto? Ein Jahr nach der Katastrophe in die vom Tsunami betroffene Region zu reisen, ist sehr nahe liegend und wird womöglich erwartet. Es ist aber auch schwierig zu bewältigen, da sich die Frage stellt, inwieweit man selbst innerlich bereit ist, sich auf eine Katastrophe und ihre Folgen für die Bewohner der Region einzulassen.

Was sieht Hans-Christian Schink im Landstrich Tohoku? Vom Tsunami umgestaltete Landschaft mit eigenartigen, oft surrealen Skulpturen. Dieser Fokus auf das Surreale, den subtilen Schrecken in diesem Fall zudem, ist wiederum etwas fotografisch sehr Typisches. Rei Masuda, Kurator am National Museum of Modern Art in Tokyo, attestiert in seinem Begleittext Schink eine „doppelte Distanz“. Auch auf mich wirken die Fotos seltsam distanziert, so als ginge es ausschließlich um die skulpturale Qualität des Motivs, wie sie das obere beispielhaft zeigt. Es wäre leicht gewesen, weitere Arbeiten dieser Art zu zeigen, aber da man honorarfrei im Rahmen einer Besprechung nur drei Fotos veröffentlichen darf, habe ich zwei weitere gewählt, die eher aus dem Rahmen der sehr leidenschaftslos wirkenden Serie fallen. Beim Schnee-Motiv oben sehen wir das Desaster in einer schmerzlich schönen Umgebung. Die Felsen, der am Wasser stehende, beschnittene Nadelbaum, der Schnee, der den Schrecken ästhetisiert und das Motiv in die Nähe einer Tuschezeichnung rückt. Die im Baum hängenden Bojen wirken wie Girlanden, die man zu einer Feier aufhängt. Wahrlich surreal.

Das Foto unten ist das einzige im Buch, das mich emotional angesprochen hat. Und das eher trotz der aus dem monochromen Bildmaterial herausstechenden Rot. Formal angenehm finde ich hier, dass der auf allen Fotos ausgeblichene Himmel keine dominante, immer an gewisse Vorbilder erinnernde Rolle einnimmt. Was mich an dem Motiv so fasziniert, ist nicht so sehr das abgerutschte Haus, sondern dass auf dem Schrein-Gelände die Mönche die Gartenarbeit fortführen und der Bambusrechen wie so eben am Baum abgestellt aussieht. Auch das Band um den Baum links daneben, Shimenawa, ein heiliges Reisstrohseil, zeugt von menschlicher Anwesenheit und dem Glauben, dass die Kordel den Ort heiligt, an dem sie hängt. Aus dieser Perspektive ist es das wohl intensivste Motiv im Buch. Ich möchte wetten, dem Künstler ist es eher zu dekorativ. Ja, das ist es auch, aber dass hier der skulpturale Aspekt hinter den menschlichen Bezug zurücktritt, wiegt das auf.

Schink_Ogatsucho Ohama, Miyagi Prefecture

Ogatsucho Ohama, Miyagi Prefecture © Hans-Christian Schink, Courtesy Galerie Kicken Berlin und Galerie Rothamel Erfurt/Frankfurt

Will man heute als Fotokünstler überleben, ohne kommerziell zu arbeiten, ist man auf Stipendien angewiesen. Die werden wiederum jenen zugesprochen, die sich berechenbar in diesem System von Stipendien, Galerie-Ausstellungen, Katalogbüchern bewegen. Das wirkt wie ein sich selbst erhaltender geschlossener Kreislauf, bei dem perspektivisch nicht mehr das Realisieren künstlerischer Projekte im Vordergrund steht, sondern das Betriebsförmige, bei dem sich Künstler Projekte ausdenken, die wahrscheinlich gefördert werden. Das erzeugt dann im Extrem statt sperriger Künstler erfolgreiche Stipendien-Chamäleons. (Das ist keineswegs als Kritik an den Künstlern gedacht, sondern wird durch die Vergabe-Regularien erzeugt.)

Auch in diesem Fall kann man die Selbstverständlichkeit bewundern, mit der die Optionen genutzt und bedient werden: Wenn Japan, dann was mit Fukushima. Das Buch zum Stipendium erscheint knapp rechtzeitig, so dass jedes Onlinemedium zumindest, Fotofeinkost eingeschlossen, es zum Jahrestag des Unglücks bewerben kann. Und gerade wird auch wieder ein neues Stipendium an der Villa Kamogawa ausgeschrieben. Für das kann sich nun der nächste Konzeptkünstler bewerben. Das Rad dreht sich weiter im gut geölten Kunstbetrieb – ganz leidenschaftslos.

 

Thomas Sandberg: Erinnerung an Ahrenshoop

Buchcover Thomas Sandberg

Bildbände werden in der Regel aus zwei Gründen gekauft: Man kennt den Namen des Fotografen oder man kann mit dem Ort, um den es geht, etwas anfangen. Vom Leiter der Ostkreuzschule für Fotografie und international tätigen Magazinfotografen Thomas Sandberg könnte man Arbeiten gesehen haben und vom Künstlerort Ahrenshoop an der Ostsee (Werbeslogan: Ein Ort wie gemalt), könnte man gehört oder ihn besucht haben. Doch selbst wenn beides nicht zutrifft: Dieser Bildband ist so viel mehr. Ein Kauftipp in jedem Fall, vor allem die Ausgabe mit dem beigelegten Foto der drei Hühner.

Der Schatten des Fotografen und drei Hühner im Kornfeld.

Das Haus des Großvaters, Büdnerei 56

Bauernhof Voß in Althagen

Das erste Bild im Buch: Kopfweiden in Niehagen

„Erinnerung an Ahrenshoop“ zeigt, wie „Lokalkolorit“ idealtypisch aussehen kann und optimal in Form gebracht wird. Es ist eines der seltenen Bücher, das voller Gefühl ist, ohne sentimental zu sein, und das persönliche Erinnerungen zu verallgemeinern weiß. Hätte man nicht auch gerne einen Großvater gehabt, der Kapellmeister ist und 1957 ein um 1815 gebautes Ferienhaus von einem Kapitän kauft? Wäre man nicht auch gerne jeden Sommer wieder dorthin gefahren, um am Hafen zu stehen und zu angeln? Betrachtet man die Bilder, ist man für einen Moment in ein Leben versetzt, das man selbst nie geführt hat. Ganz so, wie man in die Welt eines Romans eintauchen kann.

„Mit Anfang dreißig fing ich an, in Ahrenshoop zu fotografieren“, schreibt Thomas Sandberg. Das war von 1984 bis 1987. „Alles veränderte sich nun vor meinen Augen so schnell, dass mir jedes Detail wert schien, fotografiert zu werden. Wenn du den Lauf der Zeit nicht stoppen kannst, dann mache wenigstens ein Bild davon, ist das simple Credo eines Fotografen.“ Doch warum veröffentlicht er die Arbeit erst jetzt? Auf meine Frage antwortete er so etwas wie: Weil jetzt der richtige Zeitpunkt war. Er brauchte sicherlich den Abstand, um beurteilen zu können, wie die Fotografien im Buch eine sinnvolle, allgemein verständliche Sequenz ergeben. Damit es angesichts des Ortes nicht zu pittoresk wird, kommen auch Motive vor wie ein Trabi, über dem so halb das Segel eines Windsurfbretts liegt, das selbst schwarzweiß noch schreit: Ich bin modern, ich bin orangefarben. „Philipp mit Walkman“ ist ebenfalls charakteristisch für die Achtziger, steht aber zugleich symbolisch für das älter gewordene Kind vom Foto mit den Kopfweiden. Für den Fotografen sind es bildgewordene Erinnerungen an seine „Kindheit und Jugend in Ostdeutschland. Eine Zeit, die einem damals ewig erschien“.

Vermutlich wäre dieser schwarzweiße Erinnerungsschatz ungehoben geblieben, wenn das Publizieren von Büchern noch von Verlagen reglementiert würde. Die künstlerische Freiheit, die Thomas Sandberg mit seinem Buch nutzt, bildet eine weitere Sinnebene in dieser gelungenen Publikation im Selbstverlag.

Thomas Sandberg: Erinnerung an Ahrenshoop, Format 24cm x 21cm, 132 Seiten, 67 Abbildungen, Leineneinband mit Schutzumschlag, 30,00 Euro (kostenloser Versand innerhalb Deutschlands).

Irina Ruppert: Rodina

Motiv aus der Wanderausstellung durch die Goethe-Institute

Rodina bedeutet Heimat. Im Alter von sieben Jahren kam Irina Ruppert mit ihrer Familie von Kasachstan nach Deutschland. 2002 schloss sie ein Studium mit dem Schwerpunkt Fotografie ab. Auf der Suche nach Kindheitsbildern reiste sie durch Osteuropa, Russland und Kasachstan. „Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht das subjektive Empfinden, nicht die distanzierte Dokumentation einer Reise. So unfassbar, flüchtig und subjektiv wie die Vorstellungen von Heimat sind die Bilder von Irina Ruppert. Die weichen Hügel einer sattgrünen Landschaft, über die man barfuß laufen möchte; die Torten auf dem Kühlschrank, an dem das kleine Mädchen lehnt; der Mann mit der Sense auf dem Feld, der uns anschaut; die Großmutter mit dem Enkel vor dem Haus, im Hintergrund der blutige Kopf eines geschlachteten Tiers. Jede der Fotografien steht für sich, für ein Puzzlestück in der Biografie. Irina Rupperts Bilder sind Eindrücke, die aus Erlebnissen und Begegnungen entstehen und sich im Auge des Betrachters mit den eigenen Erinnerungen füllen“, schreibt das Goethe-Institut, das noch bis Februar 2013 die Arbeiten im Rahmen einer Wanderausstellung durch die deutschen Goethe-Institute zeigt.

Und Christian Schüle, der mit ihr einmal unterwegs war, schreibt: „Reportagereisen sind für Irina Ruppert im Eigentlichen ungewöhnlich. Sie ist keine Foto-Reporterin. Sie schießt keine Bilder, drückt nicht ab, spießt nicht auf. Sie lässt sich nichts diktieren, weder von der Uhr noch von den Umständen. Ein Bild unter Zeitdruck ist das Gegenteil dessen, was sie anstrebt. Sie nimmt sich Zeit und sich selbst aus der Zeit“.

Motiv von Irina Ruppert (Galerie Kominek, Berlin)

Die Galerie Kominek in Berlin zeigt zum Abschluss des Jahres 2012 eine Einzelausstellung von Irina Ruppert (*1968). Dazu wird auch – Sammler aufgemerkt – eine Buchedition mit kleinem Print präsentiert. Eröffnung ist am 24.11.2012 ab 18 Uhr. Die Ausstellung läuft vom 27.11. bis 21.12.2012 und ist dienstags bis freitags von 14 bis 19 Uhr geöffnet.

Aus der Ausstellung "Rodina" in der Galerie Kominek, Berlin, ab 24. November 2012.

Mehr über das Projekt und die wunderbare, in Hamburg lebende Fotografin Irina Ruppert auf ihrer Homepage.

Andreas Meichsner: Auf Herz und Nieren

Toaster im TÜV-Test. Aus der prämierten Serie von Andreas Meichsner

Heute Morgen wurden die diesjährigen Gewinner des PUNKT-Preises bekannt gegeben: Andreas Meichsner erhält den Preis in der Kategorie Foto für seine Serie „Auf Herz und Nieren“. Mit dem Preis für Technikjournalismus und Technikfotografie PUNKT prämiert acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften seit 2005 herausragende Text- und Bildbeiträge. Die Sparten und das Stipendium sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert. Die Preisverleihung findet im Rahmen der acatech Festveranstaltung am 16. Oktober in Berlin statt.
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Meilensteine der Gernsheim Collection in Mannheim

Mit der Sonderausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie. Meilensteine der Gernsheim-Collection“ präsentiert das Forum Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim Höhepunkte aus zwei Jahrhunderten Fotografiegeschichte. In Hommage an den Foto-Pionier Helmut Gernsheim (1913-1995) vereint die Ausstellung anlässlich seines 100. Geburtstages erstmals nach einem halben Jahrhundert die beiden Teile seiner einzigartigen Fotosammlung. Unter den zahlreichen fotohistorischen Meilensteinen ist ein ganz besonderes Glanzstück zu sehen: die „erste Fotografie der Welt“, eine Landschaftsaufnahme aufgenommen von Joseph Nicéphore Niépce im Jahr 1826.

Blick aus dem Fenster in Les Gras Joseph Nicéphore Niépce, 1826 (Reproduktion Helmut Gernsheim) Historische Gernsheim-Collection / Harry Ransom Center, The University of Texas at Austin

Mit insgesamt 250 Exponaten gewährt die Ausstellung vom 9. September 2012 bis zum 6. Januar 2013 einen bisher nie dagewesen Einblick in die Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts  – der Besucher verfolgt die Entwicklung der Bilder von den ersten Daguerreotypien über die Viktorianische Epoche bis hin zu den Meisterwerken zeitgenössischer Fotografen, die das kollektive Bildgedächtnis heute prägen. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Zusammenarbeit der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und dem Harry Ransom Center der Universität Texas in Austin, das den historischen Teil der Gernsheim-Sammlung bewahrt. Dank dieser Kooperation ist die Geburtsstunde der Fotografie nun erstmalig und exklusiv nach einem halben Jahrhundert wieder auf europäischem Boden zu sehen: die erste fotografische Außenaufnahme der Welt, die Heliographie „Blick aus dem Fenster in Le Gras“ des Franzosen Joseph Nicéphore Niépce aus dem Jahr 1826. Nach ihrer letzten Präsentation anlässlich einer Ausstellung im Crystal Palace in Sydenham 1898 galt das Werk über fünf Jahrzehnte als verschollen. Erst nach langjähriger detektivischer Suche spürte Helmut Gernsheim das Bild 1952 in einem eingelagerten Überseekoffer in London wieder auf. Mit dieser sensationellen Entdeckung datierte Gernsheim die Geburtsstunde der Fotografie um dreizehn Jahre vor, galt doch bis zu diesem Zeitpunkt das Jahr 1839 als deren offizielles Erfindungsjahr.

Lotse im Hafen von Newhaven David Octavius Hill & Robert Adamson, ca. 1845 Historische Gernsheim-Collection / Harry Ransom Center The University of Texas at Austin

Die 'Terra Nova' an der Packeisgrenze Herbert George Ponting, 1910 Historische Gernsheim-Collection / Harry Ransom Center The University of Texas at Austin

Die Ausstellung präsentiert weitere bedeutende Werke aus dem historischen Teil der Gernsheim-Sammlung. Darunter sind die ersten Daguerreotypien, wie etwa Louis Jacques Mandé Daguerres Aufnahme „Notre-Dame und die Île de la Cité, Paris“, entstanden um das Jahr 1838. Den Besucher erwartet eine Reise durch die fotografischen Strömungen des 19. Jahrhunderts: vom künstlerisch orientierten Piktorialismus über die frühe Kriegsreportage bis hin zu der in dieser Zeit aufkommenden Reisefotografie. Neben Bildern aus der Anfangszeit der Fotografie zeigt die Präsentation thematisch gegliedert zahlreiche Ikonen der zeitgenössischen Fotografie: Zu sehen sind Werke aus den Bereichen der Akt-, Architektur-, Reise-, Stadt-, Landschafts- und Porträtfotografie ebenso wie experimentelle und journalistische Bilder weltbekannter Fotografen. Die einmalige Zusammenführung der Werke aus dem historischen sowie dem zeitgenössischen Teil der Gernsheim-Sammlung in einer umfassenden Gesamtschau ermöglicht dem Ausstellungsbesucher faszinierende Einblicke in die fast zweihundertjährige Historie der Fotografie. Organisiert wurde die Ausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie. Meilensteine der Gernsheim-Collection“ durch die Reiss-Engelhorn- Museen Mannheim und das Harry Ransom Center der Universität Texas in Austin. Begleitend zur Schau erscheint im Kehrer Verlag ein umfassend bebilderter Katalog. Zu den  Ausstellungsinfos.

Arbeitsloser Kurt Hutton, 1939 © Getty Images / Fotograf/ Photographer: Kurt Hutton / Kollektion/Collection: Picture Post Historische Gernsheim-Collection / Harry Ransom Center The University of Texas at Austin

Piet Mondrian fotografiert von Arnold Newman, New York City, 17. Januar 1942 Gernsheim-Collection / Harry Ransom Center The University of Texas at Austin

Das Motiv des Ausstellungsplakates, ein schlichtes und elegantes Modefoto von Walde Huth: Model Patricia führt Mode von Jacques Fath vor, Paris 1955 © Walde Huth / Archiv Horst Gläser / www.waldehuth.de Zeitgenössische Gernsheim-Collection / Forum Internationale Photographie / Reiss-Engelhorn-Museen

Natalie Grono: Sea Dreaming

Natalie Grono Sea Dreaming

Die australische Fotografin Natalie Grono glaubt an die Magie des Alltäglichen. Beneidenswerterweise lebt sie in der Nähe des Strandes, wuchs auch am Strand auf und entwickelte von klein auf eine Verbundenheit zum Ozean, den vorbeiziehenden Stürmen, auftauchenden Meerjungfrauen und vorbeischwebenden Vögeln. Als Teenager bot ihr der Strand tolle Gelegenheiten mit Gleichaltrigen abzuhängen, sie genoß die Wellen als Surferin. Heute ist sie mit ihrer Tochter am Strand und versucht, ihn durch die Kamera wieder mit kindlichen Augen zu sehen.

Natalie Grono, die 2010 als „Top emerging photographer“ in Australien nominiert wurde, arbeitet für Zeitungen und Magazine. Auf sie aufmerksam geworden bin ich über Light Journeys, wo immer wieder spannende australische Fotografinnen zu entdecken sind. Gronos poetische Art, die eigene Tochter und deren Freundinnen zu fotografieren, ist eine gute Anregung für alle Fotografierenden, die in den nächsten Wochen in einen Strandurlaub verreisen. Statt abseitigen Motiven nachzujagen und damit die Familie zu verärgern, ermutige ich gerne dazu, stattdessen ernsthaft die eigenen Kinder abzulichten. Und wer sich noch extra kostspielig motivieren möchte: Leica hat gerade die M9-M nur für Schwarzweißfotos herausgebracht.

Natalie Grono Sea Dreaming

Natalie Grono, Sea Dreaming 7

Natalie Grono Meerjungfrau

Natalie Grono Drachen

Natalie Grono Sea Dreaming

Ursula Müller: Was bleibt?

Gibt es Zufälle? Vielleicht nicht. Auf jeden Fall gibt es immer wieder Fotografinnen und Fotografen zu entdecken, die großes Potenzial haben, aber (noch) wenig bekannt sind. Ursula Müllers Webseite fand ich zufällig bei der Vorbereitung auf einen Vortrag, den ich am 19. April in Zürich hielt. Ihre Fotoarbeit „Was bleibt?“ berührt mich sehr. Endlich einmal keine „Position“, die vertreten wird, sondern eine gefühlvolle Auseinandersetzung mit dem Leben einer Frau über Achtzig, mit dem, was von ihr zu sehen bleibt, wenn sie gegangen ist.

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