Kategorie: Im Fokus

Aktuelle Bücher, Ausstellungen, Festivals

Spielerische Ausstellungen in Madrid

Carta Blanca für Cristina de Middel zur PHotoESPAÑA 2018

Fotografin und Kuratorin Cristina de Middel schlecht beleuchtet

Cristina de Middel in der Ausstellung „Gran final mundial“ im Centro Cultural de la Villa, Madrid, vor einem Motiv von Prue Stent & Honey Long aus Australien.

Vor zwei Jahren hatte sie eine eigene Ausstellung im Centro Cultural de la Villa, in diesem Jahr durfte die 1975 in Alicante geborene Fotografin fünf Ausstellungen kuratieren. Dafür kehrte sie aus Lateinamerika nach Spanien zurück. Überhaupt ist die in Brasilien und in Mexiko Lebende eine der Rührigsten in der internationalen Fotoszene der letzten Jahre. Cristina de Middel ist überall, oder wie sie sagt, immer nur zwölf Stunden Flug vom nächsten Job entfernt.

Martin Parr war es, der ihr Projekt „Afronauts“, und damit sie selbst, international bekannt machte. Auf seinen Einfluß hin ist sie nun Nominee der berühmten Fotografenagentur Magnum. Und er ist auch ihr Co-Kurator bei der Ausstellung im Telefonica-Gebäude mit dem Titel „Player. Magnum Photographers come out to play“. Damit habe sie nun eine komplette Ausstellung in ihrer Magnum-Bewerbungsmappe, wie Cristina augenzwinkernd erklärte.

Innenansicht der Players-Ausstellung

Players, die Ausstellung mit Fotos der Agentur Magnum, ist aufgebaut wie ein Flipperautomat.

Foto aus der Players Ausstellung

Mein Favorit aus der Players-Schau ist dieses Motiv von Gueorgui Pinkhassov, London 1999.(Magnum Photos)

Bei einer Bildagentur, die laufend selbst Print-Verkäufe unter ein Motto stellt und bei der Andréa Holzherr als erfahrene Frau für die internationalen Ausstellungen verantwortlich ist, sollte es keine große Sache sein, eine solche Schau zusammenzustellen. Nun ja, bei der Menge an gutem Material und den zu berücksichtigenden Fotografenegos … Der Besucher ist jedenfalls angehalten, sich selbst durch die Ausstellung zu flippern.

Begin at the beginning, and go on till you come to the end: then stop.

Wie man „Spiel“ total theoretisch angehen kann, zeigt Kuratorin Hester Keijser aus den Niederlanden im CentroCentro Cibeles. Die bekannte Kuratorin wurde von Cristina eingeladen, eine der Ausstellungen zu übernehmen. Der obige Satz aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ diente als Inspirationsquelle für Hesters Auswahl zeitgenössischer Fotografie, die sich – wie zu sehen ist – extrem weit von Fotografie entfernt.

Installation von Isabelle Wenzel, 1982 in Wuppertal geboren, die Artistin im doppelten Wortsinn ist. Ihre Arbeiten nennt sie „Performative Photographie“. Sie nimmt artistische Posen ein (siehe Bild im Hintergrund) und zeigt in Madrid ein Schachfeld als Referenz an „Alice in Wonderland“.

Ein schönes Beispiel sind die Stickbilder von Lana Mesic (1987 in Kroatien geboren, lebt in Rotterdam). Sie zeigen Londoner Banker, angefertigt nach einem Porträt, das sie am Ende eines Interviews aufnahm. Sie stickte so lange, wie das Interview dauerte. Eines der Porträts in der Serie ist daher nur angefangen.

Ein extremes Beispiel fürs Um-die-Ecke-denken oder „Des Kaisers neue Kleider“ liefert der Niederländer Jan van der Til (Jg. 1972). Statt Fotos hängte er lediglich ein A4-Blatt auf, das besagt, die Bilder seien aus Sicherheitsgründen entfernt worden. Er bekannte, über Typowahl, Text und Kontext wochenlang nachgedacht zu haben. Er möchte die Besucher der Ausstellung zum Nachdenken bringen. Wie interpretieren sie seinen Hinweis? Er wird es nicht erfahren! Kein Mensch wird den Zettel beachten, wäre mal meine Vermutung. Geschweige auf die Idee kommen, sich kompliziert auf die Webseite der Ausstellung zu begeben und dort die vielen Fragen zu finden, die er sich stellen soll.

Kuratorin Hester Keijser, Jan van der Til und rechts das Blatt: Konzeptkunst.

PHotoESPAÑA 2018: Gran final mundial

Bild aus der Ausstellung "Gran final mundial"

In Marrakesch fotografierte Hicham Benohoud „The Hole“, bei denen er Familien überredete, Löcher in ihre Wohnung zu schlagen und sich hineinzusetzen oder zu legen.

Überraschend und doch quasi bodenständig war die (schon ältere) Serie „The Hole“ des marokkanischen Künstlers Hicham Benohoud (Jg. 1968), die Cristina für die Gruppenschau „Gran final mundial“ im Centro Cultural ausgewählt hatte. Im Unterschied zu den sonst sehr verkopften Bildfindungen stecken hier reale Menschen in realen Löchern in ihrem eigenen Zuhause. Man sieht, dass Benohoud von der Bildhauerei kommt. Bei den Familien in Marrakesch rückte er mit Maurern, Fliesenlegern und Malern an, um nach dem Graben der Löcher alles wieder in einen ordentlichen Zustand zurückzuversetzen. (Das erfährt man allerdings erst bei der Internetrecherche aus einem französischen Artikel.) „Was die Akrobatik anbelangt“, erzählt er dort, „kam mir die Idee auf der Terrasse eines Cafés auf dem Platz Jemaa El-Fna: Eine Gruppe Akrobaten spielte vor einigen Touristen Nummern für ein paar Dirhams. Als ihre Show endete, bat ich sie, sie zu fotografieren, nicht in einem öffentlichen Raum, sondern Zuhause, mit ihren Verwandten, in ihrer Privatsphäre.“ Benohoud lebt in Casablanca und in Paris.

In „Gran final mundial“ wird mit der Referenz an die Fußball-WM gespielt und gedanklich der Idee gefolgt, bei Spielen im Erwachsenenalter ginge es ums Gewinnen, darum, der/die Beste zu sein. Sechs Vertreter aus sechs Kontinenten belegen das für die Kuratorin: Hicham Benohoud, Miguel Calderón, Ana Hell, Jason Fulford, Robert Zhao Renhui, Prue Stent & Honey Long (siehe auch meinen Instagram-Feed.)

Blick in die Ausstellung

„El mayor espectáculo del mundo“, Archive of Modern Conflict, Kurator: Kalev Erickson, London.

Die bestgemachte Ausstellung in Madrid

Beim Thema Spiel ist der Zirkus nicht weit. Oh je, Clowns! Die Ausstellung unter dem passenden Motto „The Greatest Show on Earth“ feiert mit Bildern aus einem umfangreichen, in London beheimateten Privatarchiv zugleich das 250ste Jubiläum des modernen Zirkus. Vorausgeschickt sei, dass mich weder historische Zeitungsfotos noch der Zirkus sonderlich interessieren. Aber diese Schau ist aus meiner Sicht die am besten zusammengestellte und präsentierte des diesjährigen Festivals.

Kurator Kalev Erickson arbeitet im Archive of Modern Conflict und ist mit Leidenschaft und ungeheuer viel visuellem Gespür an diese ziemlich heroische Aufgabe herangegangen. Mit Neugier fräste er sich durch die Unmengen an Material. Dabei gelang es ihm, dieses so zusammenzustellen, dass es selbst erklärend wird. Die Schichten der Bilder übereinander sind hier passend und lebendig. Die Entscheidungen, welche Bilder wandfüllend tapeziert werden sollen und welche kleiner besser wirken, waren sicher nicht einfach zu treffen. Er habe dann, obwohl das gar nicht abgesprochen war, am Ende noch Originale in Rahmen aufgehängt, erzählte er auf Nachfrage. Erickson hat in Madrid zur PhotoEspaña einen großartigen Job gemacht, vielleicht gerade, weil er nicht aus dem Kunst- und Ausstellungsbetrieb kommt.

Da quellen die Augen über bei so viel Bildmaterial, das in ein überzeugendes Wandlayout gebracht wurde.

Die dritte Ausstellung im Kulturzentrum bestreitet der 1962 in Nigeria geborene Fotograf Samuel Fosso mit Selbstporträts in den Rollen berühmter Persönlichkeiten, die im Laufe von vierzig Jahren entstanden. Seine Darstellung von Angela Davies ziert den Ausstellungskatalog des Festivals. Fosso war anwesend, ließ sich aber vor der Presse nicht blicken (ich sah ihn im Hotel beim Frühstück), sondern schickte seinen Kurator vor, Azu Nwagbogu, Gründer und Leiter des Fotofestivals von Lagos, Nigeria.

Blick in die Ausstellung mit Schwarzweißfotografien

Der elegante Senegal im Sala Goya des Circulo de Bellas Artes.

Der elegante Senegal

Unbedingt erwähnen muss ich beim Thema Afrika die wunderbare Ausstellung „El Senegal elegante“ mit 30 großen Abzügen von Porträts schöner Damen und Herren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aufgenommen von einem anonymen Fotografen aus und in Saint-Louis und zwar sowohl in den Wohnungen als auch im Freien. Das macht die Motive so viel sprechender als inszenierte Studioaufnahmen. 20 nicht bei einem Brand 1982 zerstörte Originale eines bekannten Studio-Fotografen mit dem Namen Mama Casset, gliedern sich im Sala Goya des Circulo de Bellas Artes an.

PHotoESPAÑA 2018 präsentiert vom 6. Juni bis 26. August 90 Ausstellungen mit Werken von 530 Künstlern und ein Programm von 21 professionellen und öffentlichen Aktivitäten, die an 80 Orten stattfinden.

Haubitz + Zoche: Modernistische Kinos und Kirchen in Südindien

modernistisches Kino, Indien

New Theatres, Trivandrum (2014) © Stefanie Zoche / VG Bildkunst

„Postkoloniale Erleuchtung“ heißt die Ausstellung der Arbeiten von Sabine Haubitz und Stefanie Zoche in Mannheim. ZEPHYR Raum für Fotografie zeigt vom 27. Mai bis 26. August 2018 Kirchen und Kinos in Südindien, die zwischen 1950 und 1970 in einer Spielart der modernistischen Architektur erbaut wurden. Sie entstanden, nachdem der Architekt Le Corbusier vom ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Indiens, Jawaharlal Nehru, den Auftrag erhalten hatte, Chandigarh zu gestalten, die neue Hauptstadt des Punjab.

PAX, modernistische Kirche in Indien

Our Lady of Miracles, Thoppumpady in Cochin (2014) © Stefanie Zoche / VG Bildkunst

Kino, Indien

Saptagiri, Hyderabad (2014) © Stefanie Zoche / VG Bildkunst

Modernistische Kirchen und eine reiche Kinokultur

Die Suche der beiden Künstlerinnen nach modernistischen Bauten begann 2010 in Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram im äußersten Süden Indiens. Auf drei Reisen in den Jahren 2010 bis 2014 dokumentierten Haubitz + Zoche diese Gebäude, deren Architektursprache man als eine hybride Moderne bezeichnen kann. Die Fotografien bezeugen eine reiche Kinokultur, die in Europa und Amerika schon verschwunden ist, und bald auch in Indien von Multiplexen verdrängt sein wird.
Die Arbeiten der 2014 tödlich verunglückten Sabine Haubitz und von Stefanie Zoche stehen in der Tradition deutscher Architekturfotografie mit ihrer formalen Strenge. Die Betrachter werden so zu vergleichendem Sehen animiert.

Kino, Indien

Alankar, Madurai (2014) © Stefanie Zoche / VG Bildkunst

Kirche, Indien

St. Anthony ́s Church, Peratta (2014) © Stefanie Zoche / VG Bildkunst

In der Ausstellung, die zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist, treffen die Serien der Kirchen und Kinos aufeinander. In beiden machen Haubitz + Zoche die Einflüsse verschiedener Kulturen und Epochen sichtbar und reflektieren so die dynamische Veränderung, die das Land prägt. Jenseits des Alltags scheinen Kinos wie Kirchen ihren jeweiligen Besuchern Orte ganz unterschiedlicher Erleuchtung anzubieten.

Eröffnung: Samstag, 26. Mai 2018, 19 Uhr
ZEPHYR – RAUM FÜR FOTOGRAFIE
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Beitragsbild: St Joseph´s Chapel, Thuravoor (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

Falls Sie sich für modernistische Architektur interessieren, siehe auch diesen Beitrag.

August Sander Ausstellung in Paris

Kommen Sie in diesem Jahr nach Paris? Dann sollten Sie die bis zum 15. November 2018 laufende Ausstellung „Verfolgte/Verfolger, Menschen des 20. Jahrhunderts“ unbedingt einplanen. Sie wird ausgerichtet im Mémorial de la Shoah, der Gedenk- und Dokumentationsstätte für die Verfolgung der Juden in Frankreich. Ein unerwarteter Ort für eine Fotoausstellung mit Arbeiten von August Sander (1876-1964), zumal Sander kein Jude war. Aber ein sehr passender für seine Arbeiten aus der Zeit des Dritten Reiches und jene seines im kommunistischen Widerstand aktiven Sohnes Erich.

Frauenporträt von August Sander

August Sander, VI/44/5, Persécutée, Portfolio VI/44 — La Grande Ville, Persécutés, 1938. Tirage gélatino-argentique, 1990. © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Cologne; VG Bild-Kunst, Bonn; ADAGP, Paris, 2018. Courtesy of Gallery Julian Sander, Cologne and Hauser & Wirth, New York.

Antlitz der Zeit

Die Bilder aus „Menschen des 20. Jahrhunderts“, vor allem aus dem Kernteil „Antlitz der Zeit“, sind ein wichtiger Teil der deutschen Kulturgeschichte und daher weitgehend vertraut. „Diese Arbeit wurde für ihren ästhetischen Wert so lange gefeiert, dass die Leute etwas von der Schönheit der Bilder geblendet waren“, sagte Julian Sander, Ur-Enkel des Fotografen. Speziell in die Zeit hinein versetzt ein Brief, in dem Sander mitgeteilt wird, dass sein Buch „Antlitz der Zeit“ beschlagnahmt sei. Die Druckstöcke wurden vernichtet. Sanders Anspruch, Menschen aller Art und Schichten zu fotografieren, passte nicht in die nationalsozialistische Ideologie. Mit der Ausstellung „Persécutes / Persécuteurs“ legen die Kuratoren Sophie Nagiscarde und Marie-Edith Agostini den Fokus auf die politische und soziale Dimension der Sanderschen Arbeit. Ein dazugehöriger, berührender Aspekt ist das Verhältnis August Sanders zu seinem Sohn Erich.

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Bildhonorare 2018 – Nutzungsrechte in der Übersicht

Von Fotografen höre ich immer wieder, die Kunden würden sowieso alle Rechte am Bildmaterial verlangen. Ist das so? Oder ist es nicht oft Bequemlichkeit auf Seiten des Bildautors, alle Nutzungsrechte zur Disposition zu stellen? Da wurden von der eigenen Branche über Jahrzehnte Privilegien erkämpft, die heute oft ohne Not preisgegeben werden. Dann soll man sich über den Niedergang der Honorare bitte nicht wundern!

Die Sache mit den Nutzungsrechten ist – keine Frage – ein Auslaufmodell. Aber noch gibt es eben fotografische Bereiche und Aufgabenstellungen, in denen das Wissen über das, was man als Bildautor an Rechtenutzung aufschlagen kann, wirklich nützlich ist. Und wenn es das Wissen ist, wie viel für die ungefragte Verwendung von eigenem Bildmaterial eingeklagt werden kann. Die nachfolgend vorgestellte Publikation enthält nicht zufällig Werbeanzeigen von auf Copyright spezialisierten Rechtsanwälten.

Bildhonorare – Übersicht der marktüblichen Vergütungen für Bildnutzungsrechte

Die Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing, kurz mfm, gibt eine neue Ausgabe ihrer bekannten Publikation Bildhonorare – Übersicht der marktüblichen Vergütungen für Bildnutzungsrechte heraus. Das Tabellenwerk wurde in Zusammenarbeit mit den großen deutschen Fotoverbänden komplett überarbeitet und an die neuen Entwicklungen in der Bildvermarktung angepasst. Die fortschreitende Verschiebung des Marktes von Print- zu vielfältigen Online-Bildnutzungen spiegelt sich in der neuen Ausgabe der Bildhonorare wider. Crossmediale Nutzungen und neue Anforderungen an Bildverwendungen prägen die aktuelle Darstellungsform der mfm-Publikation.

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Sigrid Neubert – Ausstellung in Berlin

Sigrid Neubert (*1927) ist eine der bekanntesten Architekturfotografinnen Deutschlands. Rund 30 Jahre lang arbeitete sie für bedeutende Architekturbüros und entwickelte dabei mit ihren kontrastreichen, die Strukturen der Bauten klar herausarbeitenden Aufnahmen einen eigenen Stil. Seit den 1970er-Jahren schuf sie ebenso eindrucksvolle Naturbilder, denen sie sich ab 1990 ausschließlich widmete.

BMW-Hauptverwaltung

Sigrid Neubert: Karl Schwanzer: BMW-Hauptverwaltung, München, Museum, 1972 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Sigrid Neubert

1954 machte Sigrid Neubert an der Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München ihre Meisterprüfung. Nach einer Zeit als Werbefotografin für die Glas- und Keramikindustrie konzentrierte sie sich in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre ganz auf die Architekturfotografie. Stilistisch orientierte sie sich dabei zunächst an US-amerikanischen Vorbildern und entwickelte eine eigene, immer wieder durch atmosphärische Dichte und ungewöhnliche Perspektiven gekennzeichnete Bildsprache.

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Das Revival des Analogen

Analog war nie wirklich weg, galt aber ein Jahrzehnt lang als äußerst uncool. Nun sind es gerade die Jungen – Fotointeressierte unter 35 Jahren – die ihre große Freude am Analogen entdecken. Das hat bei ihnen klarerweise nichts mit Nostalgie zu tun, sondern ist Ausdruck zutiefst menschlicher Bedürfnisse und einer Veränderung unserer Werte. Je digitaler und hektischer unsere Welt wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach Muße und Berührung. Als wichtiger Wert, gar „Währung“, gilt heute die Aufmerksamkeit; als höchstes Gut: Zeit. Da sind insbesondere Fotografierende privilegiert. Sie können Zeit schenken, sogar anhalten, die Welt be-greifbar machen und dafür Aufmerksamkeit erhalten.

Ein Touchscreen-Bild ist nicht haptisch

Immer mehr Stunden am Tag schaut man auf ein Display. Beim Schreiben eines Textes, beim Lesen seiner digitalen Post, bei den Kontakten mit seinen Followern und Freunden auf Facebook. Autofahrer leitet das Display des Navis. Beim Fotografieren guckt man auf einen kleinen Monitor, bei der Bildbearbeitung auf einen großen. Und anschließend sitzen wir zur Entspannung vor dem Flatscreen im Wohnzimmer.
Seit Jahren shoppen wir online, aber ein Touchscreen ist kein Ersatz fürs Anfassen der Ware. Vor dem Kaufabschluss ist nicht mehr festzustellen, wie qualitätvoll ein Material ist. Fatalistisch gesprochen ist das ohnehin gleichgültig geworden, seit alles unter Kostendruck in China produziert wird.

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Patrick Willocq: Songs of the Walés

Bontongu, one of the last bantu walés, 2014, 109 x 145 cm, edition of 8

Das wichtigste Ereignis im Leben einer Pygmäen-Frau vom Stamm der Ekonda in der Demokratischen Republik Kongo ist die Geburt ihres ersten Kindes. Die junge Mutter wird „Walé“ genannt. Sie lebt mehrere Jahre in Abgeschiedenheit, getrennt von ihrem Ehemann, umsorgt von weiblichen Stammesmitgliedern und täglich eingerieben mit einem roten Puder aus Ngola Holz. Bei ihrer Rückkehr in die Stammesgemeinschaft berichtet sie von ihren Erfahrungen in Liedern und Tänzen, die sie in einer feierlichen Aufführung darbietet.

Als der gebürtige Franzose Patrick Willocq auf diese Feiern aufmerksam wurde, konstruierte er in einzigartiger Zusammenarbeit mit einigen Walés, ihren Clans, einem Ethno-Musikologen, einem Künstler und zahlreichen Kunsthandwerkern des Waldes aufwändige Szenenbilder, die von den Gesängen der Mütter der Ekonda inspiriert sind. Hier, mitten im Dschungel, fotografierte er die Frauen in inszenierten Bildern. Das Buch versammelt die zwischen 2013 und 2015 entstandenen Serien „I Am Walé“, „Respect Me“ und „Forever Walé“. Weiterlesen

Nützliches Wissen: Adobe Stock Visual Trends für 2018

Welche Themen und Ereignisse prägen uns als Menschen und Gesellschaft? Wie gehen wir damit um? Und welchen Blickwinkel hat die Kunst auf den gesellschaftlichen Wandel? Im zweiten Jahr geht Adobe Stock diesen Fragen nach und stellt in diesem Zuge die Adobe Stock Visual Trends 2018 vor.

Für wen ist es interessant?

Die folgende Aufstellung gibt Fotografierenden eine Vorstellung davon, welche Themen in den nächsten Monaten aktuell sind. Um sich beispielsweise bei Agenturen oder anderen Auftraggebern vorzustellen, kann es sinnvoll sein, sein Bildmaterial danach durchzusehen, ob man solche Trendthemen bedienen kann. Das muss natürlich zu dem passen, was man in Zukunft machen möchte. Und wer meint, in nächster Zeit Testshootings machen zu müssen, der orientiere sich dabei an den Visual Trends für 2018, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

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Magazinvorstellung: IDEAT Contemporary Life

Das internationale Magazin für Interior Design und urbanen Lifestyle wurde 1999 in Paris von Laurent Blanc gegründet und ist in Frankreich Marktführer unter den gehobenen Wohnmagazinen. Jetzt liegt die zweite deutsche Ausgabe (Dezember bis Januar) vor. Diese wird von Bettina Billerbeck im Verlag Gruner + Jahr verantwortet. Das ca. 260 Seiten starke Einzelheft kostet 6,50 € und kann hier abonniert werden.

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Weihnachtsangebot: 2 Bücher 1 Preis


Jetzt ist DIE Gelegenheit, schöne und inspirierende Bücher über Fotografie zu erwerben. Da Sie nur eines der beiden Bücher zahlen und das andere quasi kostenlos dazu bekommen, ist das ein günstiger Weg zu schönen Geschenken. Denken Sie an Ihre Assis und Praktikanten! Oder ergänzen Sie Ihre eigene Bibliothek. (Das Weihnachtswochenende wird sehr lang! Viel Zeit, zu lesen!)

Durch „Fotografie mit Leidenschaft“ werden Sie eine völlig neue Sichtweise auf das gewinnen, was künstlerische Fotografie sein kann. Zeitgenössische Fotografie-Superstars wie Andreas Gursky und Taryn Simon oder William Eggleston und Robert Frank werden von mir ebenso besprochen wie historische Größen: Henri Cartier-Bresson, Richard Avedon, August Sander oder Eugene Atget. Allein im Kapitel „Von der Reportage zum Kunstmarkt“ treffen Sie auf weitere spannende zeitgenössische Fotograf*innen wie Mazier Moradi, Peter Bialobrzeski, Massimo Vitali, Olaf Otto Becker, Andreas Meichsner, Ilja C. Hendel, Shizuka Yokomizo, Ralf Peters und Thomas Demand.
Kurzum, es war super aufwändig, die Bildrechte für den Abdruck zu bekommen, und daher werde ich den Titel nicht mehr auflegen, wenn er vergriffen ist – und kann ihn leider auch nicht als E-Book anbieten. Greifen Sie daher jetzt zu!

„Fotopraxis mit Perspektive“: Das Buch hätte ich gerne gehabt, als ich anfing, mich ernstlich fürs Fotografieren zu interessieren. 99% aller Bücher über Fotopraxis orientieren sich am technisch ausgerichteten Handwerk. Wer sagt etwas darüber, wie man Themen findet, die einen wirklich selbst interessieren und die auch für die Bildbetrachter von Bedeutung sind? Wo steht, wie man das konkret umsetzt? Und damit als Hobbyist glücklicher wird oder als kommerzieller Fotograf sich und anderen etwas nicht-kommerzielles Gutes tun kann?
Ich habe sie befragt, zum Beispiel Abenteuer-Fotografin Ulla Lohmann, jetzt gerade in allen Medien. Kai Löffelbein, dessen Bildband bei Steidl leider immer noch nicht erschienen ist. Carlos Spottorno, der gerade mit „Der Riss“ eine neue innovative Publikationsform für seine Arbeiten gefunden hat. Seinerzeit Newcomer Patrick Willocq, der seitdem zahlreiche Ausstellungen und Publikationen vorweisen kann. Und andere mehr.

Seien Sie gespannt auf das Abenteuer Fotografie!

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Sonderpreis zu Weihnachten für 2 Bücher

Reportage neu gedacht: Der Riss

Die deutsche Ausgabe ist im Avant-Verlag, Berlin, erschienen.

Neue Fotobücher wirken heutzutage wie eine Bilderflut mit Buchdeckeln. Und auch wenn sich jeder einzelne Autor und jeder Verlag sicherlich große Mühe gibt: Es ist schwierig, aus der großen Zahl der Neuerscheinungen herauszustechen und Begeisterung zu entfachen. Einem aber gelingt dies nun schon zum zweiten Mal: Dem in Madrid lebenden Europäer Carlos Spottorno. Mit dem viel beachteten PIGS im Stil des Wirtschaftsmagazins The Economist zum Thema südliches Europa wurde er 2013 bekannt.* Jetzt legte er zusammen mit dem Journalisten Guillermo Abril ein Werk vor, das wirklich originell ist: Der Riss – eine Reportage in der Form und Aufmachung einer Graphic Novel. Insgesamt nichts weniger als genial gemacht.

Schon als „normale“ Reportage wäre das Material überwältigend. In der Präsentation als Bilderstory erschließen sich aber einige Facetten mehr: Man erfährt in erster Linie viel über Europas Außengrenzen und tatsächliche, inzwischen historische Vorfälle im Zusammenhang einer längeren Entwicklung. Die zurückhaltende Berichterstattung offenbart auch einiges über die Arbeit von Spottorno und Abril unter wahrlich abenteuerlichen Umständen. Die Reportagen im Auftrag der Zeitschrift El Pais Semanal begannen in Melilla, gingen weiter auf Lampedusa, führten die beiden in die Ukraine und schließlich bis in den Norden Finnlands. Weiterlesen

Zu Besuch im Wunderland von Frank Kunert

Die Beschreibung, wie er zu finden sei, klang schon wie aus seinen Bildern: Das Haus mit den grünen Fensterläden gegenüber von einem kleinen Spielplatz. Das Museum Boppard hat Frank Kunert eine sehr schöne Ausstellung eingerichtet. Grund genug an den Rhein zu fahren, um ihn und seine Bildwelt zu besuchen.

Frank Kunert vor dem Eröffnungsbild seiner Ausstellung Wunderland

Alles selbst gebaut! Der Künstler in seiner Ausstellung im Museum Boppard, die bis zum 28. Januar 2018 zu sehen ist.

Im obigen Bild gestaltete Kunert, der gebürtige Frankfurter, eine Referenz an seinen neuen Wohnort. Boppards berühmtester Sohn ist Michael Thonet, ein Tischler, der um 1840 das Bugholzverfahren entwickelte. Der österreichische Staatskanzler Metternich meinte, in Boppard würde er arm bleiben, er solle doch nach Wien kommen. Daher verbindet man die Thonet-Stühle mit Wiener Caféhauskultur. Das ist also der Hintergrund zu obigem Bild, für das Kunert Stuhlminiaturen im Museumsshop erstand. So weit, so praktisch, aber unkunertsch. Für die bessere Bildwirkung polsterte er die kleinen Stühlchen, bearbeitete und lackierte sie neu. Und natürlich ist der Boden im Bild nicht nur handgemalt, sondern für die plastische Wirkung mit einem zahnärztlichen Instrument im Kachelmuster geritzt. Das erklärt, warum die Erschaffung eines neuen Wunderland-Motivs etliche Wochen in Anspruch nimmt. Weiterlesen

Riebesehls Wolkenbilder in Göttingen

Unter dem Titel „Wolken: Poesie des Himmels“ werden am Donnerstag, 19. Oktober 2017, im Tagungs- und Veranstaltungshaus Alte Mensa in Göttingen zwei „Wolkenfachmänner“ Einblick in ihre Arbeit geben. Sie versuchen, die Frage zu beantworten, was sie als Wissenschaftler mit Wolken zu tun haben.

Warum Wolkenbilder?

Wolken faszinieren: Sie sind zugleich Naturphänomen und Projektionsfläche für die menschliche Fantasie; ihr Potenzial für Ideen scheint unendlich. Prof. Dr. Klaus Reichert, Literaturwissenschaftler, Autor und ehemaliger Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, nähert sich ihnen in seinem aktuellen Buch „Wolkendienst: Figuren des Flüchtigen“. Prof. Dr. Torsten Pflugmacher, Professor für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der Universität Göttingen, beschäftigt sich mit ihrer Kulturgeschichte. Derzeit vor allem mit dem Potenzial des Motivs in der Kinder- und Jugendliteratur und den Wolkenfotografien des Hannoveraner Fotografen Heinrich Riebesehl. Im Rahmen der Veranstaltung ist Riebesehls Wolkenserie erstmals zusammenhängend öffentlich zu sehen.

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Das aktuelle Chauvi-Foto

Es war einmal so schön, mit dem Fotografieren seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gar berühmt zu werden. Wir erinnern knallig bunte Bilder von jungen Frauen in verführerischen Posen. Der Mythos vom Fotografen, der die tollsten Models vor der Linse dirigiert und den ganzen Tag am Strand,  nachts in angesagten Clubs abhängt. Fotografie ist so sexy!

Heimat: Gretchenfrisur und Dirndelschlüpfer

Doch diese hartnäckigen Vorstellungen sind so Achtziger und Neunziger! Was nicht heißen soll, es gäbe das nicht mehr. In der Klum’schen Modelsuchsendung treten ja regelmäßig jene Fotograf*innen auf, die dafür sorgen, dass die Meedchen sexy rüberkommen. (Christian Schuller als ehrenwerte Ausnahme.) Das aktuelle Heft der ProfiFoto präsentiert mit dem anscheinend griesgrämigen Hans Feurer und der immer lustigen Ellen von Unwerth gleich zwei Vertreter der alten Chauvi-Fraktion – der anzugehören nun wirklich kein männliches Privileg darstellt. Das Titelbild zeigt eine nahezu nackte Frau mit Brustnippelpiercing und Gretchenfrisur an Weißwurst. Die Penissymbole am laufenden Meter bedienen den Geschmack jener Herren, an die sich auch die Potenzmittelwerbung richtet. Seit den Fünfzigerjahren wird mit der Frau als Lustobjekt unverändert versucht, Fotomagazine an den Mann zu bringen. Ziehen 2017 noch immer Titten-Titel? Jetzt „modern“ weil mit käsigem Blitzlicht!?

Fotografinnen kämpfen

Seit 29 Jahren und 301 Ausgaben beweist das Magazin Photonews wie eine Fotozeitschrift profitabel sein kann, ohne sich dezidiert an männliche Käufer zu wenden. Fotografinnen sind keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. Über 50 Prozent der Absolventen in der Berufsausbildung sind Frauen. Perfiderweise wird das oft mit den gesunkenen Einkommenserwartungen begründet. Frauen wären eher bereit, schlecht bezahlte Berufe zu ergreifen als Männer. Was für eine tendenziöse Interpretation! Empathischen, sensiblen und kreativen Menschen geht es womöglich weniger ums Geldverdienen als vielmehr darum, selbstbestimmt eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Was nicht heißt, dass sie alles dankbar annehmen, was ihnen monetär angeboten wird.

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Fotos sind nicht umsonst

Geldbündel

Die Wertschätzung für Fotografie zu fördern, ist mir ein Anliegen. Keiner meiner Vorträge oder Workshops kommt ohne dieses Thema aus. Fotografinnen und Fotografen können und müssen selbst etwas dafür tun, dass unser Lieblingsmedium nicht unter die Räder kommt. Fotografien klären auf, erweitern den Horizont, verkaufen Produkte. Sie können eine ästhetische/künstlerische Bereicherung sein. All dies sind Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt.

Ganz klar hat sich aber durch das Internet nicht nur die Masse an verfügbarem Bildmaterial, sondern auch unsere Einstellung zu Inhalten geändert. Heute ist es möglich, sich jederzeit und überall kostenlos informieren zu können. Es ist zu einem moralischen Wert geworden, sein Wissen zu teilen, ohne dafür eine monetäre Gegenleistung zu erhalten. Und obwohl ich parallel gegen Honorar schreibe, veröffentliche ich die Beiträge auf fotofeinkost kostenlos. Ich arbeite aber an einem kostenlosen Artikel nicht kürzer. Im Gegenteil, online ist beispielsweise nicht nur das Bildmaterial herauszusuchen, sondern auch aufzubereiten. All dies kostet Zeit, unbezahlte Zeit. Weiterlesen

Die Zukunft der Fotografie: Kian Saemian über Virtual Reality

Kian Saemian ist Senior Manager Business Development bei Mackevision, einem deutschen Spezialisten für Computer Generated Imagery, der unter anderem visuelle Effekte für die Blockbuster-Serie Game of Thrones produziert hat. Auszüge aus einem Gespräch, das der Photoindustrie-Verband am Rande seiner Konferenz mit ihm führte.

Herr Saemian, wieviel Hype steckt noch im VR-Thema?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einer Türe, hinter der sich ein extrem langer Gang befindet. Da, wo wir nun im Bereich VR stehen, haben wir die Türe aufgemacht und sind ein bis zwei Schritte gegangen. So würde ich den Stand von VR momentan beschreiben, in bezug auf die Nutzung und Ausschöpfung dieser Technologie. Das heißt, es ist noch ein extrem langer Weg mit vielen Verbesserungen. Der tatsächliche Hype um VR ist mittlerweile aber stark abgeflacht, da VR-Brillen seit über einem Jahr final für den Massenmarkt existieren. Für mich sind VR, AR und Mixed Reality zukunftsweisend. Sie werden wichtige Bestandteile für Industrien in der Zukunft sein.

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Rodtchenko im Musée Unterlinden, Colmar

Colmar, das hübsche elsässische Städtchen, bietet mit dem Musée Unterlinden und dem darin befindlichen Isenheimer Altar (1512-1516) eine der großen europäischen Kunstattraktionen. Aufgewertet und vergrößert wurde das Museum durch die Neugestaltung der Architekten Herzog & de Meuron. Der Besuch lohnt in diesem Sommer umso mehr, da vom 8. Juli bis 2. Oktober 2017 dort eine kleine, aber sehr exquisite Ausstellung des Künstlers der russischen Avantgarde, Alexander Rodtchenko (1891-1956), präsentiert wird.

Die hundert Exponate stammen aus der Sammlung des Staatlichen Museums für Bildende Künste A.S. Puschkin in Moskau und wurden kuratiert von Rodtchenkos Enkel, Alexandre Lavrentiev. Er erzählte die Geschichte hinter dieser Auswahl.

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