Kategorie: Lokalkolorit

Fotoserie oder Buch über eine definierte Region

Christine Pfeffer: „Du fehlst!“

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Unfallkreuze als private Gedenkstätten im öffentlichen Raum

Sie markieren einen Ort, an dem ein Mensch verstorben ist – nach einem Verkehrsunfall, einem Herzinfarkt, einer Gewalttat, einem Blitzschlag oder einem anderen, nicht vorhersehbaren Ereignis. Unfallkreuze im öffentlichen Raum verweisen ganz konkret auf ein Memento mori: Der von Angehörigen liebevoll ausgestaltete Ort des Sterbens bezeugt, dass der Tod jeden zu jeder Zeit in unserer Alltagswelt treffen kann – nicht nur an besonderen Orten wie in Krankenhäusern, in Altenheimen und in Hospizen; nicht nur nach langer Krankheit oder im hohen Alter. Anders als auf Friedhöfen, die man bewusst zu bestimmten Anlässen betritt, werden wir mit diesen Todessymbolen nicht selten unerwartet konfrontiert: Plötzlich sehen wir eines am Straßenrand und erkennen, dass es auch uns treffen kann …

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Patrik Fuchs: Schneezeichen

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„Schneezeichen? Was ist das?“, fragte ich mich, als ich vom Zürcher Fotografen Patrik Fuchs (von dem ich ein „Nistkästen“-Bild in meiner Sammlung habe) eine Email erhielt. „Und was sind das für bunte Striche?“ Was dem Schweizer oder auch dem Bayern ganz vertraut sein mag, ist eben im schneefernen Rhein-Main-Gebiet ein Rätsel. Sie werden nämlich nur bei Schneehöhen über 50 cm eingesetzt, um den Fahrbahnrand zu markieren. Und lustigerweise sind sie in unserer durchgenormten Gesellschaft nicht normiert, es gibt also sowohl vom Material her als auch von den Farbigkeit zahlreiche Varianten. Weiterlesen

Wolfgang Strassl: East Jerusalem Landscapes

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The Wall, here as a fence with military road, near the expansion of the Giv’at Ze’ev settlement. The Palestinian towns of Beituniya and Ramallah are on the the hilltop in the distance.

(Scroll for English text.)

Jerusalem steht mehr denn je im Brennpunkt des Nahost-Konflikts. Dabei sind es insbesondere die von Israel besetzten Gebiete in Ostjerusalem und der umliegenden Westbank, wo die humanitären Auswirkungen dieses Konflikts ihre Spuren und Narben nicht nur bei den Menschen, sondern auch in der urbanen Landschaft hinterlassen haben. Es ist ein karges, im gleißenden Licht oft monochrom wirkendes Land am Rande der judäischen Wüste, um das hier seit Jahrzehnten gerungen wird. Die palästinensische Bevölkerung und die israelischen Siedler leben hier nebeneinander, unter grundverschiedenen Lebensbedingungen, in feindlicher Nachbarschaft und voneinander abgeschottet durch Mauern und Stacheldrahtzäune. Weiterlesen

Secret Love in China – im Tropenmuseum in Amsterdam

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Blick vom Parterre zur Ausstellung „Secret Love“ im beeindruckenden Tropenmuseum in Amsterdam.

_1050717Nachdem mich zuletzt in Madrid eine Ausstellung über junge mexikanische Fotografie begeistert hat, sah ich nun gerade eine verstörende Ausstellung mit Beiträgen junger chinesischer Fotografen. Der dramatische Wandel der chinesischen Gesellschaft ist das Thema, vor allem hinsichtlich Identität und Sexualität. Erst 1997 wurde Homosexualität entkriminalisiert, seit 2001 gilt sie auch nicht mehr als Geisteskrankheit. Aber natürlich existieren weiterhin viele Tabus für Lesben, Homosexuelle und Transgender. Sie zu visualsieren ist sicher eine gute Möglichkeit, dagegen anzugehen. Die Bilder sind grell, bunt und lassen nichts aus. Sie fordern auf jeden Fall zur Auseinandersetzung heraus. Auf dem Foto stehe ich vor Bildern von Yang Guowei „Little Devil“ von 2005 und „Mickey Mouse“ von 2006. Weiterlesen

300 x Karlsruhe – Gesichter einer Stadt

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Ein Bürostuhl namens Karlsruhe. „Den Designer Kilian Schindler und seine Frau Rebecca verbindet eine Art Hassliebe mit der Fächerstadt“, schreibt Katja Stieb.

Eine Stadt feiert Geburtstag. Im Jahr 2015 wird Karlsruhe 300 Jahre alt. Eine vergleichsweise junge Stadt, die im Geiste des aufgeklärten Absolutismus gegründet wurde. Aber was für eine Stadt ist das heute? Der Italiener Gustavo Alàbiso lebt seit 1990 in Karlsruhe und hatte die Idee, zum Jubiläum Einwohner zu porträtieren, Geschichten von bekannten und weniger bekannten Menschen zu dokumentieren, die diese Stadt ausmachen. Weiterlesen

Iwona Knorr: Zum Fischen geboren

In Erwartung

Letzte Fahrt

Eisbrecher bauen

Früh raus

„Sie gaben mir ihr Ölzeug und lehrten mich, den Hering aus den Maschen zu pulen“, schreibt die Fotografin. „Als ich einmal ihren Spuren in die entlegene Hütte folgte, in der sie ihre Netze flickten, schickten sie mich nicht weg und waren mit den Aufnahmen einverstanden, lange bevor ich verstanden habe, weshalb ich diese Bilder mache. Sie ließen mich an ihrem Leben teilhaben …“
Von 2009 bis 2014 fotografierte Iwona Knorr Küstenfischer auf Rügen. Eine aussterbende Spezies, der eine im Rheinland lebende gebürtige Polin mit ihrem Buch „Zum Fischen geboren“ ein visuelles Denkmal setzt. „Fischerdörfer verwandeln sich in Feriensiedlungen, Yachten ersetzen die Kutter in den Häfen, Holzboote wurden in den Vorgärten zur Dekoration abgestellt“, beobachtet sie. Mit einem Rüganer verheiratet und Mutter von zwei Töchtern, ist sie mit ihrer Familie mehrmals im Jahr auf der größten deutschen Insel. Als Iwona Knorr mit ihrem fotografischen Selbstauftrag begonnen hatte, entwickelte sich rasch ein Vertrauensverhältnis zu den Fischern, deren Arbeitswelt sie in nahen, einfühlsamen Bildern einfängt. „Es fühlte sich gut an, in eine fremde Welt einzutauchen und für kurze Zeit zu vergessen, wer ich war“, schreibt sie im Vorwort zu ihrem selbst verlegten hochwertig aufgemachten Bildband, der bei der Fotografin erworben werden kann. So ein Buch zu produzieren, ist immer eine große und mutige Investition. Wer also Rügen-Fan ist oder jemanden kennt, dem er mit dem Buch eine Freude machen kann, möge es bitte bei der Fotografin direkt bestellen oder den Tipp weiterleiten.

Iwona Knorr: Zum Fischen geboren
24 cm x 28 cm, Hardcover | 120 Seiten, 90 Bilder
Auflage: 450 + 50 (Collector’s Edition)
ISBN 978-3-00-046787-5 | 49,00 €

Männer in Elefantenhosen

Elefantenhose im Vordergrund, Angkor Wat im Hintergrund.

Elefantenhose im Vordergrund, Angkor Wat im Hintergrund.

„Wanndollar!“ Entlang der Tempel in Ankor werden zahlreiche Waren von der heimischen Bevölkerung nicht nur angeboten, sondern vielfach mit weinerlicher Stimme aufgedrängt. Am ärgsten ist es bei Kindern, die einem Postkarten unter die Nase halten und bis zehn durchzählen. Grundsätzlich soll man natürlich nichts von Kindern kaufen. Die Eltern sollten sie zur Schule schicken und nicht zum Anschaffen. Der Schulbesuch ist kostenlos. Die Kleinen sind so raffiniert, dass sie schon antizipieren, dass man nichts kauft, weil sie in der Schule sein sollten, und wiederholen obstinat: „I go to school“. Wenn sie noch schlauer sind, begegnen sie dem skeptischen Blick mit dem Hinweis, sie würden nachmittags gehen, wenn gerade Vormittag ist. Tatsächlich besuchen wohl viele nur den halben Unterricht, weil sie sich bei Schule und Verkaufen mit ihren Geschwistern abwechseln. Weiterlesen

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Die Türme von Angkor Wat im Gegenlicht, davor der Wassergraben.

Angkor Wat hatten wir uns dschungeliger vorgestellt. Bei mehreren Millionen Touristen im Jahr war uns klar, dass man sich den Weg zu den Sehenswürdigkeiten kaum würde mit der Machete schlagen müssen, aber ein bisschen mehr à la “Indiana Jones und der Tempel des Todes” oder “Lara Croft” hätte es schon sein können. Den riesigen Angkor Archaelogical Park muss man sich hingegen eher wie einen amerikanischen Nationalpark vorstellen, abzüglich Geländer und Toiletten.

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Phnom Bakheng: Alle wollen von hier den Sonnenuntergang sehen, aber nur 300 Leute dürfen rauf. Und 600 Touristen stehen Schlange; weitere Herandrängende ahnen, dass es dunkel sein wird, bevor sie an der Reihe wären.

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Die Vibes von Sihanoukville, Kambodscha

Um es gleich zu sagen: Sihanoukville ist keine Reise wert, allenfalls für Partypeople am Strand oder Wohlhabende in einer Luxusenklave wie dem Independent Hotel, in dem schon Jackie Kennedy logierte. Luxuriös mit gläsernem Aufzug runter zum Beach mit Blick auf die vorgelagerten Inseln. Optisch irritierend ist, wenn in der Lobby ein Mann mit Wampe und offenem Hemd herumläuft, wie die Parodie auf den typischen Touri. Von unseren finnisch-österreichischen Begleitern sachkundig gleich als Finne verdächtigt, von denen sich neben Russen viele im Hotel aufhalten. Auf dem alten, wunderbar geschwungenen Pool des Hotels, der auch zur goldenen Zeit in den Sechzigern gebaut wurde, teilen sich vier Gänse zwei Junge. Es gab Zeiten, da diente der Pool, oben mit Bambusstangen gesichert, als Gefängnis.

Der alte Pool des Idependent Hotel in Sihanoukville

Der alte Pool des Idependent Hotel in Sihanoukville.

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Die Villen von Kep in Kambodscha

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Die größte und schönste Villa liegt in den Hügeln – hier im Morgenlicht fotografiert.

„Kep sur mer“ nannten es die Franzosen, die hier eine Art französische Riviera nachbauten – mit faszinierenden modernistischen Villen. Die Bewohner wurden vertrieben oder von den Roten Khmer ermordet, die Dächer stürzten ein, das Hausinnere verrottete in der Regenzeit. Heute gehören die Grundstücke Immobilienspekulanten, die ein weiteres Steigen der ohnehin schon absurd hohen Preise abwarten. Einen Wert in den Bauten der „New Khmer Architecture“ sehen leider nur wenige. Im Land selbst herschen andere Sorgen als das Erbe der kurzen goldenen Zeit in Kambodscha in den fünfziger und sechziger Jahren zu bewahren.

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So sieht sie von der rückwärtigen Seite aus.

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In Phnom Penh

Reiseblog, 30. Dezember 2014: Ankunft in Kambodscha

Kaum ist man auf Reisen, verliert man das Gefühl für Ort und Zeit. Dies trifft umso mehr zu, wenn man aus dem verschneiten Taunus nach Indochina fliegt – was exotisch und ein wenig nach „Tim und Struppi“-Abenteuer klingt. Diese Zeit- und Ortlosigkeit brachte die Aufschrift auf der Glasfassade des Hotels in Phnom Penh schön auf den Punkt: „We are expecting a White Christmas“. Drinnen Christbaumdeko und draußen etwa 35 Grad. Mit Blick auf einen Markt, auf dem ganz frische halbtote Tiere verkauft werden. Gleich am ersten Tag, nach einer fehlenden Nacht, ging es ins Nationalmuseum. Ein durchwehter Ort mit Khmer-Skulpturen, vielen Schulklassen und ältlichen Vitrinen.

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Das luftige Nationalmuseum in Phnom Penh, in dem einige der Skulpturen stehen, die in Angkor fehlen. (Die anderen sind im Musée Guimet in Paris!)

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Im Hintergrund: Schulklasse zwischen Vitrinen.

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Hochzeitsfotografie in Hanoi

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Hochzeitsfotograf in Aktion am Hoan Kiem See in Hanoi, Vietnam.

Statt sogenannter Sehenswürdigkeiten fotografiere ich auf Reisen lieber an kleinen oder größeren Themen oder Motivsträngen entlang. Sehe ich Fotografen, kann ich schon aus beruflichen Gründen nicht widerstehen, sie bei der Arbeit abzulichten. An den fotogenen Orten, an denen man sich als Reisender herumtreibt, trifft man naturgemäß in erster Linie auf Hochzeitsfotografen. So erging es mir kürzlich in Hanoi, wo ich im French Quarter das Hotel Metropole anschaute, und unversehens stand davor ein Brautpaar – und noch eines, und über die Straße kam schon das dritte. Noch nie habe ich so viele Brautpaare auf so engem Raum für Fotografen posieren sehen. Weiterlesen

Christoph Rohrbach: Das Zementrevier Beckum-Ennigerloh

Einst galt die Region Beckum-Ennigerloh als das größte zusammenhängende Zementrevier der Welt: Im Umkreis von zwölf Kilometern standen 32 Zementwerke. Kohle kam aus dem Ruhrgebiet, Kapital aus dem Rheinland und Kalkstein aus der Erde. Heutzutage wird nur noch in vier Werken Zement produziert. Die Namen der aufgegebenen Standorte geraten in Vergessenheit. Die Relikte der alten Werke werden langsam zu dem, was der Historiker Rolf Peter Stieferle als die „antike Stätten von morgen“ bezeichnet – die Erinnerung und das Andenken an das einstige Revier schwinden.

Christoph Rohrbach hat ein Jahr lang recherchiert, Zeitzeugen interviewt und Luftbilder ausgewertet, um alle 32 Standorte von damals wiederzuentdecken und zu fotografieren. Geboren wurde er 1974 in Beckum, studierte in Münster Marketing und Kommunikation und ist seit 20 Jahren als Autodidakt in der Fotografie aktiv. Er liefert ein weiteres Beispiel zu jenen 16 in meinem Buch „Fotopraxis mit Perspektive“ (FPMP) vorgestellten Projekten, dafür, dass die Konzentration auf und die Auseinandersetzung mit einem Thema zum Erfolg führen, und zwar ganz gleich, ob man auch beruflich fotografiert oder sich der Serie ausschließlich in seiner Freizeit widmet. Weiterlesen

(Foto-)Feinkost in Augsburg

Nach langen Monaten in Schreibtischhaltung komme ich mir vor wie freigelassen. Ich möchte dann etwas Neues sehen. Während der Fertigstellung von „Fotografie mit Leidenschaft“ war ich in Weimar, diesmal in Augsburg. Meetings mit der Druckerei und dem Vertrieb meiner Bücher waren der Auslöser. Ab und an deutsche Städte mit Tradition zu besuchen, erweitert den heimischen Horizont. Ich halte es dabei für sinnlos, touristische Aufnahmen zu machen, die mehr sein sollen als Erinnerung und/oder Belegbild für diesen Beitrag. Daher reise ich dann nur mit kleinem Fotogepäck, lasse die Vollformatkamera Zuhause.
Augsburg lohnt sehr, es gibt viel zu gucken und fast alles ist gut fußläufig zu erreichen. Wir haben eine Stadtführung zu Fuß auf den Spuren der Fugger mitgemacht, die von einer sehr gut vorbereiteten Chinesin geführt wurde. Damit war für internationales Flair gesorgt. Sehr zu empfehlen ist ein Besuch in der Fuggerei, der ältesten bestehenden Sozialsiedlung der Welt, die auch als Teil der Tour besucht wird. Unten eine Fotobetrachterin in der Fuggerei.

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Wer sich gerne Gemälde ansieht, sollte das Schaezler-Palais nicht versäumen. Es ist räumlich sehr ungewöhnlich: Ein endlos langer Gang endet an einem Rokokosaal, in dem derzeit eine LED-beleuchtete Skulptur des Spaniers Jaume Plensa für optischen Kontrast sorgt. (Die Figuren sitzen in Kirschen!) Dahinter beginnt dann die Bayerische Staatsgalerie mit Gemälden alter Meister. Dort hängt auch das berühmte Fugger-Porträt von Albrecht Dürer.

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Alt und neu mischen sich szenisch im „Damenhof“ der Fugger, in dem man gut ein Päuschen einlegen kann. Dort spiegeln sich die Renaissancebauten im Loungeambiente.

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Unter den zahlreich vorhandenen Sakralbauten hätte ich am ehesten auf den Dom verzichten können, dem Bildopferlicht zum Trotz. Auf keinen Fall hätte ich dagegen den Besuch der Synagoge missen mögen, die extrem beeindruckend ist (aber leider darf man innen nicht fotografieren). Sie wurde 1914 bis 1917 als Kuppelbau mit Jugendstilelementen errichtet. Obligatorisch ist auch die Anna-Kirche mitten in der Stadt, das erste deutsche Renaissance-Bauwerk. Ein kaum bekanntes Kleinod scheint hingegen die Kapelle der Hessingkliniken St. Johannes im Stadtteil Göggingen zu sein (Straßenbahn Linie 1 hält vor dem Eingang). Man geht durch die Klinik zur Kapelle und lässt sich einfach überraschen! Dazu kombiniert man unbedingt das Kurhaus in Göggingen. Eine Belle-Epoque-Bühne vom Feinsten! Man kann im ganzen Gebäude herumlaufen und sich ins Paris des späten 19. Jahrhunderts versetzt fühlen.
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Dazu passt später der Besuch im Ristorante La Villa, das in der Bahnhofstraße 10 (vom Königsplatz kommend rechts im Hinterhof) im Haus von „Hoffotograf Siemssen“ mit schönen Innenräumen im Jugendstil einlädt.

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Im Papageno hinter dem Theater kümmerte sich Sous-Chefin Stefanie Kahn persönlich um unser Anliegen, ein Gourmet-Menü speisen zu wollen, das man normalerweise zwei Tage vorbestellen muss. Fünf Gänge wurden zu sechs, alle waren lecker, vor allem das Curry-Zitronengrasschaum-Süppchen mit dem Fruchtfond, der Service aufmerksam. Aber das Essen zog sich hin. Nach dem zusätzlich gereichten, köstlichen Champagnersorbet saßen wir müde und alleine im Lokal, noch zwei weitere Gänge vor uns. Im Bild der Fischgang.

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Die Ecke“ hinter dem Rathaus bleibt in bester Erinnerung. Wir saßen angenehm und bestellten „nur“ zwei Gänge, kein ganzes Menü. Die waren optisch und geschmacklich ganz ausgezeichnet, hoben sich ab durch die sehr hochwertigen eingesetzten Produkte. Die Sauce zum Reh war zum Rein- oder Niederknien, auch dass es zum Filet noch Fleischpflanzerl von den weniger edlen Rehteilen gab, hat mich von der Einstellung und vom Geschmack her überzeugt. Zum Dessert gab es Variationen von der Pflaume.

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Zu den in Augsburg verpassten Optionen gehört der Besuch beim 2-Sterne-Koch Christian Grünwald im „August“, der aber ohnehin nicht geöffnet hatte, keine Informationen online zur Verfügung stellt und, ehrlich gesagt, mag ich nicht bis zur Mitternacht abgefüttert werden, während mein Magen schon spätestens um zehn Uhr schließt. Auch verpaßt: Die Augsburger Puppenkiste wegen Spielpause.

Artikelbild: Der Rathausplatz ist derzeit eine Baustelle. Fazit: Noch einmal hinfahren, die Industriekultur am Stadtrand und das Textilmuseum angucken.

Und jetzt als Bonus noch eine Augsburg-Impression jenseits von Futtern, Fugger oder Bert-Brecht-Geburtshaus:

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„Licht-Massage“!

Foto-Samstag im April

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April-Samstag auf dem Land: Die Bäume schlagen aus und die Motorradfahrer-Saison beginnt.

Das größte Hindernis zwischen uns Hobbyfotografen und guten Fotos ist die eigene Schwerkraft. Und, nun ja, oft fehlen auch die Ideen. Aber wenn man gar nicht erst anfängt, kommen weder Ideen noch Fotos zustande. Mit Ideen meine ich gar nichts Ausgefallenes. Aber schon die Frage, wo man denn heute mal fotografieren könnte, ist vom Tisch aus, an dem man gerade sitzt, nicht leicht zu beantworten. Nun unterliegt das bei mir zudem verschärften Bedingungen: Nachdem ich mehrfach schriftlich davor gewarnt habe, auf Märkten zu fotografieren, konnte ich den Mittelaltermarkt auf Burg Hohenstein schon mal streichen. Dabei finde ich das im Grunde kein so schlechtes Thema, diese Mittelalterambitionen auch ganz junger Menschen, die hier im Beinahe-Rheingau mit seinen vielen Burgen und Burgruinen wahrscheinlich noch fotogener ausfallen als anderswo. Das nächste Mittelalterevent ist auf der Loreley. Vielleicht nimmt sich jemand dieses Themas an? Hingehen und knipsen kann natürlich jeder, aber besser wäre es, sich Gedanken zu machen, was man daran spannend findet und zeigen möchte.

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Landschaftsverfremdung zur Orientierung.

Einer der großen Unterschiede zwischen Stadt und Land ist, dass auf dem Land unentwegt Freiluftveranstaltungen stattfinden, bei denen immer „für Speis und Trank gesorgt“ wird. Da muss es auch noch etwas anderes geben als Märkte, Sportereignisse zum Beispiel. Zu einem solchen geriet ich heute über einen Umweg. Verabredet war ich nämlich mit einem Nachbarn, der für seine professionelle Holzfeuerung in eigens dafür gemauertem und mit Büroleuchten fein ausgestattetem Anbau, an jedem möglichen Wochenende in den Wald fährt, um Holz zu holen. Das ist auch so ein Ding hier auf dem Land, dass Männer einen Kettensägenschein machen, um selbst Bäume zu zerlegen. Die mit den „Amateurbrennstellen“ nehmen teilweise sogar das Kronenholz, aber wer ein privates Heizkraftwerk betreibt, wie mein Nachbar, lässt sich vom Förster das gerückte Stammholz zuteilen. Da ich schon eine Ansammlung von „Men at Work“-Motiven habe und auch das Thema „Mensch in der Landschaft“ weiter verfolge, wollte ich also heute den Nachbarn fotografieren, wie er Stämme zersägt. Dazu kam es vorerst nicht.
Erst einmal war das Wetter heute morgen trüb. Flaches Licht ist langweilig, ich ging also Lebensmittel einkaufen. Dem Nachbar ist beim Kettensägen das Licht egal, er fuhr in den Wald. Da ich mir hatte beschreiben lassen, wo das gerückte Holz liegt, fuhr ich nach, als die Sonne durchkam. Mit dem leichten morgendlichen Dunst über der Landschaft absolut ideal. In die Quere kamen mir allerdings die Absperrungen zur Enduro-Meisterschaft auf dem hiesigen Motocross-Gelände.
Aber ich bin ja flexibel und vom Geräuschpegel her war das eine wie das andere: laut. Und das, obwohl der Lauf noch nicht einmal angefangen hatte. So ein Rennen zu fotografieren mag für Fans ganz spannend sein, mein Fall sind Sportfotos nicht. Mich interessieren die Fahrer, warum sie das machen, und ich war dann erstaunt, von mehreren zu hören, dass sie Angst haben, weil sie das erste Mal an so einem Rennen teilnehmen. Besonders goldig fand ich, dass mir einer nachrief, ich solle doch mit der guten Kamera nicht hier durch den Staub laufen – vor allem teure das Objektiv! Ich hatte in der Tat vergessen, was er aber nicht sehen konnte, den UV-Filter aufzuschrauben, den ich mir eigens für solche Fälle zugelegt habe. Aber da ich ihn, im Unterschied zu anderen, hinterher auch wieder abnehme, kann das vorkommen. Er war immerhin in der Fototasche. (Ich sag ja: Samstagsfotograf/in. Wie früher die Sonntagsfahrer.)

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Der Kleine wird auf jeden Fall mal Profi, der bockt jetzt schon seine Maschine hoch.

Bilderwandern Burgsteinfurt 2013

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Burgsteinfurt gehört zur Stadt Steinfurt im Münsterland, der Ort wirkt beschaulich. Burgsteinfurt zählt rund 15.000 Einwohner, besitzt einen historischen Ortskern, die älteste Hochschule Westfalens und ein Wasserschloss. Seit 2012 ist es ist Veranstaltungsort des Fotofestivals »Bilderwandern«. Initiiert und organisiert wurde das Projekt von der Dortmunder Fotografie-Professorin Mareike Foecking, die in Burgsteinfurt aufgewachsen ist. Das Besondere im vordergründig Alltäglichen zu finden und die Ergebnisse in ungewohnte und ungenutzte Räume zu bringen, hatten sich über 30 Fotografie-Studierende des Fachbereichs Design der Fachhochschule Dortmund mit dem Projekt »Bilderwandern« bereits im letzten Jahr zum Ziel gesetzt. In diesem Jahr wird das Projekt »Bilderwandern« durch zahlreiche Beiträge von Studierenden und Lehrenden des Fachbereichs Design der FH Dortmund deutlich größer.
Welche aktuellen und neuen Möglichkeiten der fotografischen Darstellung und Präsentation lassen sich in den räumlich, zeitlich und finanziell begrenzten Rahmenbedingungen des Ortes im Münsterland entwickeln? Der verwaiste Raum leerstehender Ladenlokale wird zur Herausforderung für die unterschiedlichen Präsentationsformen fotografischer Bilder, zusätzlich wird ein Großteil der studentischen Arbeiten der Zweitsemester, die bei Mareike Foecking studieren, erneut in und um Burgsteinfurt entstehen.
Bilderwandern 2. Burgsteinfurter Fotofestival, 29-30. Juni 2013
Die Eröffnung findet am Samstag, dem 29. Juni, um 11 Uhr statt. Das komplette Programm des Festivals wird auf bilderwandern veröffentlicht.

Artikelbild von Mark Hermenau aus „Glasgow Kiss“. Bild oben aus der Pressemitteilung.

Mehr als nur Hollywood: Los Angeles

Auch nur vorgetäuscht: Ich trinke keine Cola, auch nicht in Santa Barbara.

Ebenfalls nur vorgetäuscht: Ich trinke keine Cola, auch nicht in Santa Barbara.

Man sieht ja Bilder aus dem sonnigen Los Angeles täglich in den Promi-News und Mode-Blogs: Alles reine PR. Da laufen sie immer mit Sommerkleidchen rum, aber eigentlich ist es ziemlich kühl, zumindest am Strand wehte ein erstaunlich eisiger Wind. Die 20 Grad Höchsttemperatur, auf die ich gehofft hatte, herrschte höchstens eine Stunde am Tag im windgeschützen Hinterland. Jedenfalls meistens. Die Bein-Bräune der Stars ist ausschließlich Spraytan, den es an jeder zweiten Ecke ab 30 Dollar gibt. Speziell der bei Touristen beliebte Hollywood Boulevard ist recht runtergerockt und wenn dort Sterne vergeben werden, müssen die Imbisse und Billigläden gut verkleidet sein, damit ein wenig Glamour entsteht. Trotzdem: L.A. fand ich toll und wäre schon viel früher hingefahren, wenn ich das vermutet hätte.

Erstaunlich: Es gibt wirklich Kanäle in Venice.

Erstaunlich: Es gibt wirklich Kanäle in Venice.

Großstadt mit meilenlangen Stränden, das hat doch was! Wir haben eine Woche in Venice in Strandnähe gewohnt. Für einen Badeurlaub total ungeeignet, denn das Wasser ist ja bekanntlich frostig und reichlich Teer wurde auch angeschwemmt. Aber unabhängig davon, würde ich für eine Beach-Vacation oder einen Strandstopp auf dem Cabrillo-Highway in Richtung San Diego, sowieso Manhattan Beach vorziehen. Der ist zwar weiter vom Stadtzentrum entfernt, hat aber eine angenehmere Atmosphäre als der rummelige und wenig schöne Boardwalk in Venice. Auch sehr nett als Strand-Stoppover auf dem Highway 1: Santa Barbara, eine Stunde vor L.A., wenn man aus San Francisco kommt.

Ein weiterer Pluspunkt von L.A. ist, dass man sich extrem leicht ohne Navi zurecht findet und ja: man steht viel an Ampeln rum oder auch mal im Stau, aber das ist doch bei uns auch nicht anders. Das Parken ist allerdings teuer. Mein Tipp: In Downtown L.A. darf man ab 16 Uhr nicht mehr an den Parkuhren stehen, kann dafür aber für 5 Dollar flat auf Parkplätzen das Auto loswerden. Mit Sightseeing – zum Beispiel des aus Filmen wie „Blade Runner“ bekannten Bradbury-Buildings – überbrückt man die Rushhour.

Von den berühmten Buchstaben bis zum Observatorium kommt einem die Lnadschaft spanisch vor.

Von den berühmten Buchstaben bis zum Observatorium kommt einem die Landschaft spanisch vor.

Schöner und günstiger in Downtown L.A. parken ab 16 Uhr.

Schöner und günstiger in Downtown L.A. parken ab 16 Uhr.

Schönster Platz in L.A., nach Meinung der Einheimischen: Das Griffith Observatory samt riesigem Erholungsgelände drumherum und filmreifem Blick auf die Stadt. Von dort hat man zudem einen freien Blick auf den Hollywood-Schriftzug und das gehört zum L.A.-Besuch ja ebenso dazu, wie eine Fahrt über den Mulholland Drive, den Sunset Strip oder durch das extrem gepflegte Beverly Hills.

Für Hipster gibt’s in Venice die Abbott Kinney, eine kurze Straße mit Shops, Restaurants und Galerien. Man trinkt frisch gepresste Gemüsesäfte und verschanzt sich hinter seinem Notebook. Am besten stilecht und umweltbewußt mit dem Rad hinfahren.

Richtig kurios und ein Tipp für Familien beziehungsweise prähistorisch Interessierte: Die La Brea Tar Pits mitten in L.A. Blubbernde und stinkende Teerteiche, in denen Urtiere eingeschlossen wurden und nun mühsam freigelegt werden.

Kein Teich, sondern Teer mit Plastiktieren mitten in L.A.

Kein Teich, sondern Teer mit Plastiktieren mitten in L.A.

Wer sich für Kunst interessiert, wird auf jeden Fall einen Tag für das Getty Museum reservieren, das alleine schon durch seine Lage und die Architektur besticht. Man parkt in einer Tiefgarage und fährt dann mit einer Bahn den Hügel hinauf zum Kunsterlebnis. Wechselnde Fotoausstellungen gibt es dort auch.
Weniger bekannt ist das Norton Simon Museum in Pasadena, einem eher europäisch wirkenden Teil von L.A.. Eines der tollsten Museen überhaupt, sehr relaxt und ein wirkliches Erlebnis.

Zum Schluss noch ein bewegtes Bild, aufgenommen in Big Sur, wo es unterhalb des Pietras Blancas Leuchtturms bei San Simeon einen sehenswerten, dicht belegten Strand gibt: