Kategorie: Lokalkolorit

Fotoserie oder Buch über eine definierte Region

Von San Francisco bis Point Lobos

_1030307Zurück aus Kalifornien, möchte ich nicht versäumen, einige Tipps weiterzugeben, vor allem für jene, die den Reiseklassiker, die Fahrt auf dem Highway No. 1, noch vor sich haben. Von San Francisco im Sommer ist wegen des Nebels abzuraten, aber im Frühjahr und im Herbst lohnt es sich, diese wunderbare Stadt für sich bei klarer Sicht einige Tage lang zu entdecken. Ganz großartig sind die kostenlosen, etwa zweistündigen Stadtteilführungen, auf denen man Details sieht und Orte erkundet, die man auf sich gestellt kaum entdecken würde. So beginnt die „Russian Hill Stairways Tour“ von Paul Fisher oberhalb einer unvorstellbar steilen Straßen, die man keuchend erklimmt, und führt unter anderem zu den Schauplätzen der berühmten „Stadtgeschichten“ von Armistead Maupin. Bei der weniger laufintensiven „Nob Hill“-Tour steht man vor den Palästen der Eisenbahn- und Silberbarone und erfährt viel über die Geschichte der Stadt. Das heutzutage hübsch herausgeputzte und sehr große Stadtviertel Haight-Ashbury verbinden die Älteren unter uns zumindest dem Namen nach mit Janis Joplin und der Musikszene der Siebziger. Ein Insider-Tipp, den ich gerne weitergebe: Der Besuch des Gospel-Gottesdienstes der Glide Church am Sonntagmorgen. Ein Kunstwerk ganz eigener Art aus Nächstenliebe, Marketing und Musikalität. Alles das ist unendlich interessanter als der bei Touristen obligate Besuch von Fisherman’s Wharf.

Auf dem Weg zu Pier 24.

Auf dem Weg zu Pier 24.

Der Fotografie-Interessierte sollte sich unbedingt erkundigen, ob gerade eine Ausstellung im Pier 24 läuft – dem noch relativ neuen Ort in SF, der sich ganz der Fotografie verschrieben hat. Ich hatte das Vergnügen, dort eine ausgezeichnete und wirklich umfangreiche Ausstellung zur Porträtfotografie zu sehen. Der Besuch ist kostenlos, man muss sich allerdings rechtzeitig vorher online anmelden und kann die Ausstellung dann innerhalb eines festgelegten zweistündigen Zeitrahmens ansehen. Die spektakuläre Aussicht der Büroräume auf die Bay Bridge gibt’s für Besucher allerdings nicht.

Apropos Aussicht: Mit ungefähr tausend Joggern und Radfahrern war ich an einem frühen Samstagmorgen auf der Golden Gate Bridge. Bei strahlendem Sonnenschein und mit Fernblick. Mit dem Bus oder auch zu Fuß von dort zu erreichen ist das vegetarische Restaurant Greens im Fort Mason – mit atemberaubender Aussicht auf die orangefarbene Brücke im Art-Deco-Stil. Unbedingt schon von Zuhause online einen Tisch reservieren.

Im Gespräch mit Beth Yarnelle Edwards (rechts) im Oakland Museum.

Im Gespräch mit Beth Yarnelle Edwards (rechts) im Oakland Museum.

Ein weiterer Höhepunkt war das Treffen mit der Fotografin Beth Yarnelle Edwards, die ich auf Fotofeinkost schon vorgestellt habe. Mit ihr konnte ich ihre Einzelausstellung im Oakland Museum besuchen und über ihre Fotografien sprechen. Eine Woche später traf ich sie noch einmal zur Ausstellungseröffnung von „Photo ID“ im Museum in Santa Cruz. Die Schau mit Fotokünstlern aus der Bay Area läuft noch bis 7. Juli. In der Surf City Santa Cruz war ich eine Woche lang, um mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen und mich fotografisch dem Zen des Surfens zu nähern. Dazu stand ich sogar schon bei Sonnenaufgang am Strand. Anschließend war dann beispielsweise noch Zeit, um die Redwoods im Hinterland zu erkunden, in denen Bananenschnecken leben, oder die Küste entlang zu fahren, um einen Blick auf das ehemalige Haus von Ansel Adams in Carmel zu werfen.

Der Besuch von Point Lobos erwies sich wirklich als ein Highlight. In diesem State Park mit fotogener Tier- und Pflanzenwelt gibt es zum Beispiel auch den „Weston Beach“, an dem Edward Weston etliche seiner berühmten Schwarzweiß-Fotografien schuf und der jeden Fine-Art-Fotografen in Entzückung versetzen wird. Dieser Artikel in der NY Times gibt weiteren Aufschluß. Es lohnt sich, für Point Lobos und den Ort Carmel mit seinem weißen Strand an karibikblaugrünem Meer wenigstens einen Tag und eine Speicherkarte zu reservieren. Die viel gepriese Landschaft Big Sur, durch die man in Richtung Los Angeles anschließend fährt, ist beeindruckend. Aber am Point Lobos hat man all das, was die Natur an der Küste in Nordkalifornien zu bieten hat, kompakt und erlebt es dadurch noch intensiver. Ansel Adams und Kollegen wußten schon, warum sie sich gerade hier niederließen!

Weston Beach am Point Lobos bei Carmel.

Weston Beach am Point Lobos bei Carmel.

Die Eindrücke aus Los Angeles folgen in Kürze.

— Artikelbild: Nicht in den Straßen von San Francisco, sondern in denen von Oakland. Die Fotografin Beth Yarnelle Edwards sitzt im Hintergrund. —

Das Auge des Frankenwaldes

Das Bayerische Fernsehen hat einen Film über Reinhard Feldrapp produziert, der heute abend Premiere hat. Am Montag, den 4. März 2013 wird um 21.00 Uhr in der Sendereihe Lebenslinien im Bayerischen Fernsehen der Film unter dem Titel „Das Auge des Frankenwaldes“ gezeigt. „Vieles aus meinem beruflichen und privaten Leben wird darin vorkommen – vor allem aber geht es immer wieder um die Fotografie“, schreibt Herr Feldrapp. „Von den frühen 50er Jahren bis heute wird in 45 Minuten eine spannende Geschichte über die Fotografenfamilie Feldrapp erzählt.“ Wir lassen uns überraschen!

Thomas Sandberg: Erinnerung an Ahrenshoop

Buchcover Thomas Sandberg

Bildbände werden in der Regel aus zwei Gründen gekauft: Man kennt den Namen des Fotografen oder man kann mit dem Ort, um den es geht, etwas anfangen. Vom Leiter der Ostkreuzschule für Fotografie und international tätigen Magazinfotografen Thomas Sandberg könnte man Arbeiten gesehen haben und vom Künstlerort Ahrenshoop an der Ostsee (Werbeslogan: Ein Ort wie gemalt), könnte man gehört oder ihn besucht haben. Doch selbst wenn beides nicht zutrifft: Dieser Bildband ist so viel mehr. Ein Kauftipp in jedem Fall, vor allem die Ausgabe mit dem beigelegten Foto der drei Hühner.

Der Schatten des Fotografen und drei Hühner im Kornfeld.

Das Haus des Großvaters, Büdnerei 56

Bauernhof Voß in Althagen

Das erste Bild im Buch: Kopfweiden in Niehagen

„Erinnerung an Ahrenshoop“ zeigt, wie „Lokalkolorit“ idealtypisch aussehen kann und optimal in Form gebracht wird. Es ist eines der seltenen Bücher, das voller Gefühl ist, ohne sentimental zu sein, und das persönliche Erinnerungen zu verallgemeinern weiß. Hätte man nicht auch gerne einen Großvater gehabt, der Kapellmeister ist und 1957 ein um 1815 gebautes Ferienhaus von einem Kapitän kauft? Wäre man nicht auch gerne jeden Sommer wieder dorthin gefahren, um am Hafen zu stehen und zu angeln? Betrachtet man die Bilder, ist man für einen Moment in ein Leben versetzt, das man selbst nie geführt hat. Ganz so, wie man in die Welt eines Romans eintauchen kann.

„Mit Anfang dreißig fing ich an, in Ahrenshoop zu fotografieren“, schreibt Thomas Sandberg. Das war von 1984 bis 1987. „Alles veränderte sich nun vor meinen Augen so schnell, dass mir jedes Detail wert schien, fotografiert zu werden. Wenn du den Lauf der Zeit nicht stoppen kannst, dann mache wenigstens ein Bild davon, ist das simple Credo eines Fotografen.“ Doch warum veröffentlicht er die Arbeit erst jetzt? Auf meine Frage antwortete er so etwas wie: Weil jetzt der richtige Zeitpunkt war. Er brauchte sicherlich den Abstand, um beurteilen zu können, wie die Fotografien im Buch eine sinnvolle, allgemein verständliche Sequenz ergeben. Damit es angesichts des Ortes nicht zu pittoresk wird, kommen auch Motive vor wie ein Trabi, über dem so halb das Segel eines Windsurfbretts liegt, das selbst schwarzweiß noch schreit: Ich bin modern, ich bin orangefarben. „Philipp mit Walkman“ ist ebenfalls charakteristisch für die Achtziger, steht aber zugleich symbolisch für das älter gewordene Kind vom Foto mit den Kopfweiden. Für den Fotografen sind es bildgewordene Erinnerungen an seine „Kindheit und Jugend in Ostdeutschland. Eine Zeit, die einem damals ewig erschien“.

Vermutlich wäre dieser schwarzweiße Erinnerungsschatz ungehoben geblieben, wenn das Publizieren von Büchern noch von Verlagen reglementiert würde. Die künstlerische Freiheit, die Thomas Sandberg mit seinem Buch nutzt, bildet eine weitere Sinnebene in dieser gelungenen Publikation im Selbstverlag.

Thomas Sandberg: Erinnerung an Ahrenshoop, Format 24cm x 21cm, 132 Seiten, 67 Abbildungen, Leineneinband mit Schutzumschlag, 30,00 Euro (kostenloser Versand innerhalb Deutschlands).

Stefan Bausewein: Würzburg

„Augmented Reality“ ist der Begriff, den wir alle gerade neu buchstabieren lernen. Die „erweiterte Realität“ schlägt uns aus Fotomagazinen ebenso entgegen wie aus Shoppingseiten. Nicht kommerzielle Anwendungen gibt es ebenfalls, und die sind zum Teil durchaus spannend. So hat das Museum of London eine App herausgegeben, die beim Spaziergang durch die Stadt historische Bilder via Smartphone in die Realität einblendet. (Da die Site des Museums nicht gut funktioniert, lieber die Beispiele bei Petapixel ansehen.)

Stefan Bausewein hat im Sommer seine Bachelorarbeit „Fiktionen nach dem Krieg“ abgeschlossen. Da war von „Augmented Reality“ noch nicht flächendeckend die Rede, gleichwohl hat er, was für ihn spricht, eine Entwicklung erspürt und auf seine Weise umgesetzt.  „Meine Arbeit  „Fiktionen nach dem Krieg“ beschäftigt sich mit der Zeit danach, wenn sich Rauch und Militär verzogen haben und der Alltag in die geschundene Stadt zurückkehrt. Unsere Geschichte erfahrbar zu machen und Historisches fotografisch mit dem Jetzt zu verbinden sind zentrale Aspekte der Aufnahmen. Hintergrund der Aufnahmen ist die Zerstörung Würzburgs am 16.03.1945.“

Stefan Bausewein schreibt weiter: „Zu Beginn des Projekts dachte ich, ich müsse inszenieren, um Bildinhalte zu generieren und den Fotos eine Aussage zu geben. Schnell wurde aber klar, dass romantisierende Elemente, wie z.B. ein spielendes Kind vor einem zerstörten Haus, zu banal und bekannt wirken. Beim Fotografieren der Motive merkte ich schnell, dass die ganz normalen Passanten und Touristen die Stadt ja schon von sich aus beleben, den Ort charakterisieren und so ganz ungezwungen Bildinhalte schaffen. Die Protagonisten sind zwar selektiert und aus mehreren Aufnahmen in die Bilder eingefügt, jedoch waren sie alle innerhalb eines gewissen Zeitraums an diesem Ort. Dieser kleine Zeitraum beschreibt jedoch sehr treffend die Stadt und ihre Bewohner und gibt einen fast zufälligen Querschnitt durch unsere Gesellschaft.

Man sieht keine inhaltlich aufgeladene Inszenierung, sondern entdeckt Bekanntes, vielleicht sogar seinen eigenen Alltag wieder. Es hetzen Passanten mit dem Handy am Ohr durchs Bild, Pärchen schlendern mit einem Kaffee in der Hand durch die Innenstadt oder Touristen knipsen Erinnerungsfotos vor den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ich denke, das erleichtert den Einstieg in die Bilder und damit auch in die ernste Thematik.“

Fiktionen nach dem Krieg:  Bachelorarbeit Kommunikationsdesign von Stefan Bausewein; Sommersemester 2012; Erstprüfer: Prof. Dieter Leistner; Zweitprüfer: Dr. Ivo Kranzfelder; Hochschule für angewandte Wissenschaften; Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt; Fakultät Gestaltung

Edwin Kunz: Starnberger Seeflimmern

Er wuchs am Starnberger See auf und kehrte dahin auch irgendwann wieder zurück. Er war Fischpathologe, arbeitet aber seit einigen Jahren als Architekturfotograf. Edwin Kunz, 1954 in München geboren, ist heimatverbunden und ein guter Beobachter. Über Jahre hat er die Oberfläche des Sees und seine Veränderungen bei unterschiedlichem Wetter wahrgenommen und mit der Kamera fixiert. Daraus wurde ein Buch, dessen erste Auflage sofort vergriffen war, sowie ein schöner großer Kalender beim renommierten Verlag ars vivendi. Es lohnt sich (was ich immer sage), das zu fotografieren, was man kennt und praktischerweise in unterschiedlichem Licht vor der Nase hat. In Gauting, im Bosco, kann man bis 22.12.2012 die Originale von Edwin Kunz sehen.

Der Bildband ist klassisch mit Gedichten und Texten von bekannten Autoren aus der Region versehen, die bei der öffentlichen Buchvorstellung professionell rezitiert wurden. Auch foto-stilistisch bewegt sich das Werk im traditionellen Rahmen, was bei Starnberg-Fans gut ankommt. Zum Preis von 39,90 Euro kann man das Buch beim Autor bestellen und es sich sogar vorher auf der Kunz-Homepage ansehen. Mein Favorit ist das Foto vom Fischer mit dem Schatten des Fotografen (unten). Im gut gedruckten Hardcoverband sind die Fotos übrigens schärfer als im PDF. Wer jemanden kennt, der am Starnberger See hängt, hat mit Buch und Kalender von Edwin Kunz auf jeden Fall ein schönes und originelles Geschenk gefunden.

Münster morbid

Ein ziemlich ausgefallenes lokales Fotoprojekt realisierte der Fotograf Hanno H. Endres mit dem Schauspieler und Regisseur Tilman Rademacher: Münster morbid. Die Website dazu ist umfangreich und gut gemacht, es gibt Erläuterungen zu den Motiven. „Die Kalender verkaufen sich hervorragend“, versichert mir der Fotograf.

Irina Ruppert: Rodina

Motiv aus der Wanderausstellung durch die Goethe-Institute

Rodina bedeutet Heimat. Im Alter von sieben Jahren kam Irina Ruppert mit ihrer Familie von Kasachstan nach Deutschland. 2002 schloss sie ein Studium mit dem Schwerpunkt Fotografie ab. Auf der Suche nach Kindheitsbildern reiste sie durch Osteuropa, Russland und Kasachstan. „Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht das subjektive Empfinden, nicht die distanzierte Dokumentation einer Reise. So unfassbar, flüchtig und subjektiv wie die Vorstellungen von Heimat sind die Bilder von Irina Ruppert. Die weichen Hügel einer sattgrünen Landschaft, über die man barfuß laufen möchte; die Torten auf dem Kühlschrank, an dem das kleine Mädchen lehnt; der Mann mit der Sense auf dem Feld, der uns anschaut; die Großmutter mit dem Enkel vor dem Haus, im Hintergrund der blutige Kopf eines geschlachteten Tiers. Jede der Fotografien steht für sich, für ein Puzzlestück in der Biografie. Irina Rupperts Bilder sind Eindrücke, die aus Erlebnissen und Begegnungen entstehen und sich im Auge des Betrachters mit den eigenen Erinnerungen füllen“, schreibt das Goethe-Institut, das noch bis Februar 2013 die Arbeiten im Rahmen einer Wanderausstellung durch die deutschen Goethe-Institute zeigt.

Und Christian Schüle, der mit ihr einmal unterwegs war, schreibt: „Reportagereisen sind für Irina Ruppert im Eigentlichen ungewöhnlich. Sie ist keine Foto-Reporterin. Sie schießt keine Bilder, drückt nicht ab, spießt nicht auf. Sie lässt sich nichts diktieren, weder von der Uhr noch von den Umständen. Ein Bild unter Zeitdruck ist das Gegenteil dessen, was sie anstrebt. Sie nimmt sich Zeit und sich selbst aus der Zeit“.

Motiv von Irina Ruppert (Galerie Kominek, Berlin)

Die Galerie Kominek in Berlin zeigt zum Abschluss des Jahres 2012 eine Einzelausstellung von Irina Ruppert (*1968). Dazu wird auch – Sammler aufgemerkt – eine Buchedition mit kleinem Print präsentiert. Eröffnung ist am 24.11.2012 ab 18 Uhr. Die Ausstellung läuft vom 27.11. bis 21.12.2012 und ist dienstags bis freitags von 14 bis 19 Uhr geöffnet.

Aus der Ausstellung "Rodina" in der Galerie Kominek, Berlin, ab 24. November 2012.

Mehr über das Projekt und die wunderbare, in Hamburg lebende Fotografin Irina Ruppert auf ihrer Homepage.

Nico Baumgarten: Leer

Nico Baumgarten möchte, dass Sie sein handgearbeitetes Buch vorbestellen. Ich möchte Sie ermutigen, sich auf Themen und Motive in Ihrer Umgebung zu konzentrieren – oder jedenfalls dort, wo Sie sich länger aufhalten, ohne zwingend eben dort „wohnhaft“ zu sein. Ein Wort, das sich gut mit dem verbindet, was Nico Baumgarten fotografiert hat: Die Normalität in einer deutschen Stadt, der Traum vom eigenen Haus, die Uniformität der Wünsche. Er arbeitete im Rahmen des internationalen „Middle Town Project“, an dem insgesamt zwölf Fotografen beteiligt waren. Der 1981 in Norddeutschland geborene Fotograf suchte sich Leer in Ostfriesland aus, auch, weil er dort jemanden kannte, bei dem er wohnen konnte. Darauf, wie Menschen leben und sich ihre Umgebung gestalten, ist er neugierig. Nach dem Abitur verließ er das norddeutsche Flachland und ging in den Süden – bis nach Rio de Janeiro.

„Während meines Studiums der Sozialgeografie der Entwicklungsländer an den Universitäten Tübingen und Rio de Janeiro (Brasilien) entschied ich, dass ich die Welt nicht länger aus der Perspektive eines Akademikers betrachten will. Ich studierte daraufhin Fotografie am IDEP in Barcelona. Nach wie vor sehe ich mich als Geographen an, allerdings als einen, der eine Kamera als sein Hauptwerkzeug benutzt, um sich kritisch mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen.“ In Mailand lernte er die Buchbinderei. 2011 erschien sein erstes handgefertigtes Buch „Berlusconians / No Berlusconians“. Derzeit lebt Nico Baumgarten in einem alternativen Wohnprojekt in der Nähe von Amsterdam (was die höheren Portokosten seines neuen Buches erklärt). Das Buch „Leer“ ist auch aus dem Impuls entstanden, den Kontrast zur eigenen Lebensweise zu erfahren und sich zu versichern, selbst andere Vorstellungen von der Zukunft zu hegen als die Raten eines Einfamilienhauses abzuzahlen. Nico Baumgarten betont das Gleichartige, die Schablonenhaftigkeit der Lebensentwürfe. Als jemand, der viel im Ausland lebt, mag ihm besonders ins Auge fallen, was man für „typisch deutsch“ halten kann.

Bis zum 20. November 2012 läuft die Vorbestellfrist für die ersten 40 von 150 Exemplaren des kleinen, dicken Bandes (220 Seiten!). Stück für Stück Handarbeit. Wann bekommt man in Zeiten des Digitalprints noch etwas, das der junge, aufstrebende Künstler handgemacht hat? Für deutlich unter 50 Euro! Und bei allem hat sich Nico Baumgarten etwas gedacht. Auch beim offenen Buchrücken und der Wellpappe für das Cover, die am sichtbaren Schnittrand an die Backsteine der fotografierten Einfamilienhäuser erinnert.  Sehen Sie selbst:

Der Hinweis auf das im Entstehen begriffene Buchobjekt von Nico Baumgarten ist der erste Beitrag in der Rubrik „Lokalkolorit“. In meinem vor kurzem erschienenen Buch „Fotografie mit Leidenschaft“ berichte ich von Walker Evans und seiner Liebe zum „American vernacular“, wobei „vernacular“ mit „einheimisch“, „mundartlich“ übersetzt wird, und im Falle von Walker Evans alle lokal typischen, oft individuellen Ausprägungen einschließt, wie zum Beispiel handgemalte Schilder. Ich verwende dafür den wenig benutzten deutschen Ausdruck „Lokalkolorit“ – das Spezielle eines Ortes, seine Atmosphäre und seine Menschen. In loser Folge werde ich Fotografinnen und Fotografen vorstellen, die sich auf einen Ort (irgendwo auf der Welt) eingelassen und ihn porträtiert haben. Als Inspirationsquelle für Sie – hinsichtlich der Bildsprache, der Intensität des Arbeit und ihrer Präsentation, so sie denn so speziell ist wie in diesem Fall.

Uwe Nölke: Ein Dorf in unserer Zeit

Uwe Nölke ist Business-Fotograf, das heißt, er fotografiert Menschen in Unternehmen, aber auch das Erscheinungsbild von Unternehmen, sprich Architektur. So lag für ihn 2006 die Idee ziemlich nahe, Klein Lüben und seine Einwohner zu porträtieren. Ist doch die Fotografie, verantwortungsvoll und mit Bedacht betrieben, eine wunderbare Möglichkeit, mit fremden Menschen in Kontakt zu kommen. Neugier, Entschlossenheit und ein visuelles Konzept auf Seiten des Fotografen sind dazu unabdingbar. Schon allein wegen der bekannten „Was der Bauer nicht kennt …“-Regel. Geduld zahlt sich aus. Insgesamt drei Jahre lang fotografierte Uwe Nölke im Ort, verteilte Fotos, gewann die Kooperationsbereitschaft seiner „Modelle“ und wurde schließlich Ehrenmitglied der Dorf-Feuerwehr – als gebürtiger Ostwestfale!

Um die Zeitlosigkeit des dörflichen Lebens – den Plausch über den Gartenzaun, die Hausschlachtung, die Natur darum herum – darzustellen, entschied sich Uwe Nölke für die klassische Schwarzweiß-Fotografie. Optimal kommen die handwerklich perfekten Fotoarbeiten im großen Format der Ausstellungsabzüge zur Geltung. Klassisch sollte es sein, aber keineswegs nostalgisch. Das wäre der Situation eines Dorfes heutzutage gar nicht angemessen, zumal nicht der eines Dorfes auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die von den Klein Lübenern gemeinsam erlebte Wende samt Folgen schweißt zusammen. Auch wenn die LPGs aufgelöst und die jüngeren Leute jetzt im Westen leben: Der Wechsel der Jahreszeiten bleibt gleich und damit die Anforderungen an die Arbeit des Landwirtes. Oder sollte man den Wunsch in der Aussage des Mannes mit den zwei Fernbedienungen als leisen Zweifel an der Harmonie im Ort auffassen? „Die Klein Lübener sollten alle immer schön zusammen halten und sich gut verstehen.“ Jeder kennt jeden, nur den Fotografen noch nicht so richtig. Auf einigen Fotos strahlen die Menschen eine leicht skeptische Herzlichkeit aus.

Klein Lüben ist vielleicht nur ein besonders entzückendes Rundlingsdorf mit Backsteinhäusern in der Westprignitz, aber durch Uwe Nölkes Fotografien ist es auch „das Dorf“ schlechthin, mit seinen idyllischen und problematischen Seiten, den geselligen Ereignissen und den einsamen Abenden vor dem Fernseher, mit den alten Kachelöfen und modernen Menschen auf Motorrädern. Es ist das Dorf, in dem sich Historie und Gegenwart mischen. Von weitem sehen wir das Bild einer idealen Landschaft, aus der Nähe den Ort der Geborgenheit, nach dem wir uns sehnen.
(Auszug aus dem von mir verfassten Vorwort.)

Uwe Nölke: Ein Dorf in unserer Zeit.
Portrait Klein Lüben in Brandenburg.
78 Seiten, 62 Schwarzweißfotografien,21 x 28 cm Hochformat, Hardcover.
Limitierte  Auflage 100 Exemplare, durchnummeriert und handsigniert.
€ 29,80 inkl. MwSt., zuzüglich Versand.
ISBN  978-3-00-030633-4
Das Buch kann beim Autor per Email bestellt werden.

Ein anderes Fotoprojekt über einen Ort: Mein Platz in Kempen

Fotoprojekt: Mein Platz in Kempen

Das Foto Forum Kempen, ein Zusammenschluss von Hobbyfotografen, führte ein tolles und sehr umfangreiches Projekt durch – bis hin zur Ausstellung und Dokumentation als (bisher ungedruckter) Bildband. Bewunderungswürdig an dem Projekt ist, dass es die Forums-Mitglieder geschafft haben, ihre Arbeiten als Individuen zu präsentieren, aber zugleich einen durchgängigen Ansatz zu finden, so dass beim Blättern durch die Porträts der Ausländer in Kempen am Niederrhein die Beiträge nicht auseinanderfallen, sondern das Buch als aus einem Guss erscheint.
Wer zudem die Texte liest, wird feststellen, wie viel Mühe, aber auch wieviel Freude das große Projekt allen Beteiligten gemacht hat: „Spannend war es, nicht immer einfach. … Immer aber wurden wir freundlich empfangen, haben uns Menschen ihre Tür und sehr oft auch ihr Herz geöffnet.“ Schöne Bestätigungen aus der Praxis einer Fotogruppe zu dem, was ich in meinem Buch propagiere und hoffentlich eine Motivation für andere. Sehr pfiffig auch die kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit des Foto Forum Kempen mit zahlreichen Presseberichten.

[issuu layout=http%3A%2F%2Fskin.issuu.com%2Fv%2Flight%2Flayout.xml showflipbtn=true documentid=100123123333-39001f1544a1494e8e2e59a7474d8874 docname=2009_meinplatzinkempen_buch username=finnidinghi loadinginfotext=Mein%20Platz%20in%20Kempen width=480 height=339 unit=px]

Sprecher + Cortellini

Ursula Sprecher und Andi Cortellini haben im Raum Basel Vereine fotografiert, besser gesagt: die Menschen, die sich zu Vereinen zusammenfinden, um einen Teil, vielleicht einen großen Teil, der Freizeit gemeinsam zu verbringen. Mit ihrem Projekt „Vor Ort“ sind sie in der Region geblieben, aber was ihnen gelungen ist, weist über die Grenzen der Schweiz weit hinaus. Mit Liebe zum Detail und einer großen Empathie fotografiert, zeigen sie das Individuelle wie das Allgemeine, das man zumindest einmal für den deutschsprachigen Raum als gültige Darstellung reklamieren kann – vom Rahmdeckeli-Tauschverein mal abgesehen; wunderbar zum Beispiel der Schweizerische Pudelclub (oben) oder die Pfadfinder! www.bazonline.ch/basel/region/bildstrecke

Frau Sprecher und Herr Cortellini, die eine Atelier-, aber keine Lebensgemeinschaft bilden, sind seit 15 Jahren im Geschäft, „in Werbung und Kunst“, wie sie sagen. Das ist, sage ich, ein schwieriges Unterfangen, die Kunst und den Kommerz unter einen Hut zu bringen. Warum gelingt es hier? Ein Grund mag sein, dass sie nicht antreten, die Fotografie neu zu erfinden, sondern ganz klassisch mit Großbildkamera (4×5 inch) und Blitzanlage unterwegs sind, aber sehr erfinderische und teils auch aufwändige Bilder inszenieren. Ein anderer ist wohl auch, dass Sie den Anspruch haben, immer wieder „freie Arbeiten, oft in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Land und dessen Bevölkerung“ zu realisieren.

Die Vereinsporträts wurden als Serie in Form von Doppelseiten im Kulturmagazin der Basler Zeitung veröffentlicht. Die zuständige Bildredakteurin ist Melody Gygax. Kontakt zu den Fotografen über Fotofeinkost oder www.corte.ch