Kreativ-Karriere 45 plus: Den eigenen Weg finden

Warum beginnen Menschen mit Lebenserfahrung ein Kunst- und/oder Fotografiestudium? Mein Eindruck ist, sie fühlen sich dann eher als Künstler legitimiert, wenn es schriftlich in Form eines Abschlusses belegbar ist. (Ehrlich gesagt: Keiner fragt danach, wenn Sie gut sind. Und wenn Sie nicht gut sind, interessiert es sowieso niemanden.) Bei jungen Menschen dient die Studienzeit der Persönlichkeitsbildung. Wer schon über Persönlichkeit verfügt, verschafft  sich bestenfalls strukturierten Freiraum. Schlechtestenfalls regrediert man. Und was folgt danach?

Unseen Amsterdam bietet vom 22. bis 24. September 2017 mit 50 Galerien einen Überblick über die aktuelle Fotokunst. Dort u. a. zu sehen: Number 1, 2017 © Pasi Orrensalo, mirko mayer gallery

„Was ist mit Galerien?“

wurde ich letzthin von jemandem, kurz vor dem Studienabschluss Stehenden, gefragt. Und gleich darüber ins Bild gesetzt, dass die fragende Person erwartete, darauf keine vernünftige Antwort zu erhalten: „Man liest ja viel darüber, aber das widerspricht sich auch.“ Zwei Regeln schienen festzustehen:

1. Galerien nehmen einen nicht, wenn man älter ist. Und

2. Man braucht eine Liste von Ausstellungen, um für Galerien interessant zu sein.

Man vielleicht schon. Aber ist man „man“, entspricht also der Regel? Hat man sich überhaupt schon klar gemacht, was es konkret bedeutet, von einer Galerie vertreten zu werden? Oder spuken da im Kopf eher diffuse Vorstellungen herum? Verwechselt man den Galeristen gar mit einem Betreuer, der alle anstehenden Probleme löst, so bald man den lang ersehnten Status als Künstler der Galerie erlangt hat?

Wer wirklich so spektakulär originell ist, wie er denkt, dessen Arbeiten werden die Galeristen oder Kuratoren oder Magazine gerne zeigen. Vorausgesetzt, sie erfahren von diesen. Und dafür ist die Teilnahme an Portfolio-Reviews, hochkarätigen Wettbewerben* und Stipendienausschreibungen ein effizientes und erprobtes Vorgehen.

Geduld kann sich auszahlen

Dieser klassische Weg ist für jeden, der das ganze Leben vor sich hat, die erste Wahl. Wie aber sieht es bei Menschen mit Lebenserfahrung aus? Spätestens ab Mitte Fünfzig ist klar, dass man nicht mehr ewig Zeit hat, aufs Entdecktwerden zu warten. Jedenfalls sind die wenigsten wohl vom Durchhaltevermögen einer Carmen Herrera, die ihr Leben lang malte, aber erst mit über Achtzig entdeckt wurde und 2016 mit 101 Jahren eine große Retrospektive im Whitney Museum hatte.

„Bezeichnenderweise war es eine Sammlerin, die mit Interesse und mehr noch mit ihrem Geld den späten Ruhm der Carmen Herrera begründete. Erst als deren Kunst teuer wurde, als einzelne Bilder 70-, 80-, 90.000 Dollar kosten sollten, wachten die Museen auf“, schrieb Hanno Rautenberg in der Zeit, 41/2016. Der Schritt von der Kreation ins Museum ist eben auch der von der Kunst in den Kunstbetrieb. So mancher hätte gerne Erfolg, verschließt aber die Augen vor den knallharten Gegebenheiten des Kunstmarktes.

Fein raus ganz ohne Galerie

Die Abfolge von Studium, Stipendien, Ausstellungen und dann die Professur (Staatsknete auf Dauer!) mag auch von grauen Köpfen als gültige Regel angesehen werden. Davon sollten sich Menschen mit Lebenserfahrung aber unbedingt frei machen. Fast immer gibt es in der Biografie Ansatzpunkte, die für eine kreative Karriere deutlich viel versprechender sind als der konventionelle Weg. Wozu bei Galerien Klinken putzen, wenn man dank seiner Vorbildung oder seiner „alten“ beruflichen Kontakte gleich mit einer ganz anderen Akzeptanz einsteigen kann?

Häufig erfahre ich in einem Beratungsgespräch, dass mein Gegenüber sein Leben als eine Art Stückwerk betrachtet. Nach dem Motto: „Erst war ich Snowboarder/in, dann habe ich bei Firma X gearbeitet und bin jetzt Künstler/in.“ Auch wenn dies ein fiktives Beispiel ist, lässt sich daran erläutern, dass es eben nicht drei Personen sind, sondern eine. Und die ist sportlich und wettbewerbsorientiert, hat ein gewisses Sicherheitsbedürfnis und den Willen, sich kreativ auszudrücken und damit den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Als Person hat man sich selbst immer dabei. Darum ist es wichtig, mit sich ins Reine zu kommen. Das heißt auch, den roten Faden in den Lebensentscheidungen zu finden. Darum bemühe ich mich im Beratungsgespräch. Um sich auf die neue kreative Karriere zu konzentrieren, muss man sich fokussieren. Mit seiner ganzen Person – und nicht nur mit dem Teil, der gerade biografisch aktuell ist.

ING Talent Awards Unseen 2017: Smoking dude, 2017 © Robin Lopvet

Kreativ-Karriere mit Verspätung?

Hinsichtlich der Frage, ob man im fortgeschrittenen Alter noch eine kreative Karriere starten kann, würde ich sagen: Unbedingt. Und raten, sich von dem frei zu machen, was man Jugendlichen in dem Falle bei der Berufswahl rät.

♥ Statt in eine lange formale Ausbildung die Zeit lieber ins Machen investieren, vor allem, weil es meistens eine eigene Vorgeschichte gibt (z. B. eine frühere Ausbildung oder ein intensiv betriebenes Hobby).

♥ Zeit beziehungsweise Durchhaltevermögen spielt heute eine geringere Rolle. In der digitalen Welt kann jede/r mit entsprechendem (Social-Media-) Einsatz „über Nacht“ bekannt werden.

♥ Für die Kreativ-Karriere ist eine gute Story Pflicht. Dazu ist es erforderlich, den passenden roten Faden zu finden und geschickt zu formulieren. Der eigene Werdegang sollte so plausibel wie möglich auf das zulaufen, was man jetzt tut.

♥ Im Idealfall verfügt man über die finanziellen Mittel, zu Festivals und Kunstmessen zu reisen, sich eigene Ausstellungen und einen Bildband zu finanzieren. Andernfalls funktioniert das Künstlerdasein als Idee der Flucht vor der „normalen“ Realität nur sub-optimal – alleine schon wegen des sich potenziell ergebenden Mangels an Sponsoren und/oder Bewunderern.

♦ Ganz verbreitet ist die Vorstellung, als Künstler/in in den Tag hinein leben zu können. Laissez faire, laissez passer, die Dinge laufen lassen. Dabei erfordert nichts mehr Disziplin als die künstlerische Arbeit im eigenen Auftrag.

♦ Gerade mit fortgeschrittenem Alter sollte man sich kennen. Wer sich nie für zeitgenössische Kunst interessierte, wird es schwer haben, als zeitgenössischer Künstler ernst genommen zu werden. Die leider sehr verbreitete Vorstellung, vom Verkauf der eigenen Fotokunst leben zu können, stößt meist hart an die Realität. Selbst keine Fotografien zu kaufen und auch niemanden zu kennen, der sammelt, sollte zu denken geben.

Mit anderen Worten:

Wenn man von etwas (z. B. Kunst) leben will, muss nach dem, was man anbietet, eine Nachfrage herrschen oder geschaffen werden! Ganz altersunabhängig.

Bonustipp: Keine Altersbegrenzung beim aktuell ausgeschriebenen Lens Culture Emerging Talents Award!

Artikelbild: Unseen Starts 2016 (c) Constantinos Dranganas

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