Michael Wolf fotografiert nicht mehr

Der 64-jährige Fotograf starb in den frühen Morgenstunden des letzten Donnerstags (25. April 2019) im Schlaf in seinem Apartment auf der Insel Cheung Chau in Hongkong, wie seine Frau Barbara Wolf der Deutschen Presse-Agentur berichtete.

Vom Journalismus in den Kunstmarkt

1954 in München geboren, wuchs er ab 1955 in den USA auf. Maßgeblich für seine Laufbahn war der Entschluss, 1973 aus Kalifornien nach Deutschland zu kommen, um bei Otto Steinert in Essen zu studieren. So eine Art Karrieregarant für Fotografen, zumindest im Rückblick. Nach seinem Examen 1977 arbeitete er zunächst als freier Fotograf für verschiedene Zeitschriften und Unternehmen.

Die Karriere von Michael Wolf bietet ein bewunderungswürdiges Exempel, wie der Weg vom Journalismus in den Kunstmarkt gelingen kann. 2012 hätte ich mich sehr gerne intensiv mit ihm für mein Buch „Fotografie mit Leidenschaft“ mit dem Untertitel „Vom Abbilden zum künstlerischen Ausdruck“ befasst und ihn ausführlich dazu befragen wollen. Vermeintlich aus Zeitgründen lehnte er das ab.

Pressemotiv von Michael Wolf, Frau hinter Glasscheibe

Michael Wolf, Tokyo Compression, Tokyo, 2010-2013 © Michael Wolf 2018

Wie bei anderen ehemaligen Steinert-Studenten, wollte ich mehr über die Prägung durch Steinerts Drill, aber auch über Wolfs familiären Hintergrund erfahren. Seine Frau Barbara wird als professionelle Bildredakteurin sicherlich direkten oder indirekten Einfluss gehabt haben. Oft ist eine solche Hinterfragung aber gar nicht gewünscht, denn zum Erfolg auf dem Kunstmarkt gehört eben auch eine gewisse Mystifizierung.

Zunächst wurde Wolf in der Bildbranche bekannt, als er 1981 mit Mark Izikowitz und Wolfgang Staiger die Fotoagentur Anthrazit gründete. Sechs Jahre später wurde er Mitglied und Gesellschafter bei der Bildagentur Visum. „Nach einem längeren Aufenthalt in Hongkong 1994 entschloss er sich ein Jahr später zur Übersiedelung in die damalige britische Kronkolonie und wurde Stern-Vertragsfotograf für Asien. Seit 1995 hat er mehrfach China für Fotoreportagen bereist“, heißt es im biografischen Eintrag beim Stern. 2003 endete dann die Magazinarbeit aus den bekannten Gründen (Krise der Printmagazine) und Wolf wandte sich freien Projekten zu.


Interview vom Anfang des Jahres mit hektischer Moderatorin.

2011 auf der Buchmesse: Die Bildbände von Michael Wolf „Tokyo Compression“ und „Real Fake Art“ bei Peperoni Books.

In Hongkong entstanden die bekannten seiner fotografischen Serien – abgesehen von „Tokyo Compression“, den vielfach publizierten Aufnahmen von Menschen in einer Bahnlinie zwischen den Tokyoter Vororten und dem Zentrum der Metropole.

Seinen Verleger und Freund Hannes Wanderer (Peperoni Books) hat er nicht lange überlebt. Mitten im Erfolg einer großen Retrospektive (Link zu den Deichtorhallen) und eines neuen Bildbandes im Schlaf aus dem Leben zu gehen, ist, seien wir ehrlich, eigentlich beneidenswert. Michael Wolf hätte man gewünscht, seinen Erfolg und seine Freude am Entdecken von Motiven noch viel länger genießen zu können.

Artikelbild (Startseite): Michael Wolf, Architecture of Density, Hong Kong, 2003-2014 © Michael Wolf 2018