Schlagwort: Dokumentarfotografie

Robbins/Becher: Displacements

Bis zum 11. September 2016 ist im Rahmen der Photo España im Museo ICO in Madrid eine große Retrospektive des Fotografenpaares Andrea Robbins und Max Becher zu sehen. Seit Mitte der Neunziger entstanden Arbeiten, die Topoi oder kulturell aufgeladene Versatzstücke, vor allem architektonischer Art behandeln. Die Serie „Bavarian by Law“, 1995/96 dokumentiert einen amerikanischen Ort, der aus touristischen Gründen bavarisiert wurde. „The East’s West“ zeigt europäisch anmutende Siedlungen in Asien – bis hin zum „Nachbau“ von Paris – und „Global Village“ entführt in eine Armensiedlung, dazu dienend, Spenden für die Dritte Welt zu sammeln.
Die erste getuschelte Frage der Kollegen in der Ausstellung war: „Warum die hellblauen Bilderrahmen?“ Weil die bei der Serie „770“ für die Farbe Israels stehen, wie mir Max Becher erklärte, und sie sich immer für zum Thema farbig passende Rahmen entscheiden. Das hat in der Ausstellung den Vorteil, dass sich die einzelnen Serien leicht voneinander trennen lassen, ist aber bei dominanten Rahmenfarben etwas ablenkend.

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Susan Meiselas: Carrying the Past, Forward

Verfolgung, Vertreibung, Flucht, Verlust von Heimat und Familie – die amerikanische Fotojournalistin Susan Meiselas (*1948) dokumentiert seit Jahrzehnten Themen, die derzeit die Schlagzeilen beherrschen. Mit ihren Arbeiten präsentiert das Fotografie Forum Frankfurt einen multimedialen Dialog über Orte und Menschen, die fortwährend von Zwangsmigration durch Krieg, Gewalt oder ökonomische Umstände betroffen sind. Susan
Meiselas ist bekannt für ihren besonderen dokumentarischen Stil und ihr visuelles Storytelling: Die Magnum-Fotografin ergänzt ihre Fotografien vielfach mit Interviews, handgemachten Erinnerungsbüchern, Filmen, Projektionen und Archivmaterialien. Collagenartig hält sie so historische Ereignisse fest – und zugleich die damit verbundenen Schicksale von Menschen.

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Christoph Rohrbach: Das Zementrevier Beckum-Ennigerloh

Einst galt die Region Beckum-Ennigerloh als das größte zusammenhängende Zementrevier der Welt: Im Umkreis von zwölf Kilometern standen 32 Zementwerke. Kohle kam aus dem Ruhrgebiet, Kapital aus dem Rheinland und Kalkstein aus der Erde. Heutzutage wird nur noch in vier Werken Zement produziert. Die Namen der aufgegebenen Standorte geraten in Vergessenheit. Die Relikte der alten Werke werden langsam zu dem, was der Historiker Rolf Peter Stieferle als die „antike Stätten von morgen“ bezeichnet – die Erinnerung und das Andenken an das einstige Revier schwinden.

Christoph Rohrbach hat ein Jahr lang recherchiert, Zeitzeugen interviewt und Luftbilder ausgewertet, um alle 32 Standorte von damals wiederzuentdecken und zu fotografieren. Geboren wurde er 1974 in Beckum, studierte in Münster Marketing und Kommunikation und ist seit 20 Jahren als Autodidakt in der Fotografie aktiv. Er liefert ein weiteres Beispiel zu jenen 16 in meinem Buch „Fotopraxis mit Perspektive“ (FPMP) vorgestellten Projekten, dafür, dass die Konzentration auf und die Auseinandersetzung mit einem Thema zum Erfolg führen, und zwar ganz gleich, ob man auch beruflich fotografiert oder sich der Serie ausschließlich in seiner Freizeit widmet. Weiterlesen

Robert Rutöd: Less is more

In seinem ersten Fotoband demonstriert der Wiener Fotograf Robert Rutöd ein breites Spektrum menschlichen Treibens: man sieht in Essig eingelegte Erinnerungen, hört Hundegebell aus offener Brust oder beobachtet wie im Rahmen einer Prozession religiöse und verkehrstechnische Symbolik verschmilzt. Und wie es sich für einen echten Wiener gehört, fehlt auch das Morbide nicht. Die Fotos stehen in der klassischen Tradition der Street Photography und zwingen zum genauen Hinsehen. Dem oberflächlichen Betrachter wird der schwarze Humor des Fotografen oftmals verborgen bleiben. Das Buch kostet 44 Euro, mit Print 99 Euro.

Less Is More, Fotografien von Robert Rutöd, Text von Christine Dobretsberger
Hardcover, 104 Seiten, 47 Farbabbildungen, Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, 22×22 cm, Oktober 2009, ISBN 978-3-8370-3549-0 www.rutoed.at

Maziar Moradi: Ich werde deutsch

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o.T., 2009, C-Print 60 x 75 cm

Maziar Moradi ist jetzt Mitte dreißig, spätestens im Alter von fünfzig Jahren  wird er einer der wenigen international bekannten Fotografen sein. Einer der besten ist er schon jetzt. Und zugleich der Beweis, dass die Legende vom unerkannten Künstler eben eines ist: eine Legende, die so viele als Rechtfertigung benutzen, sich nicht anzustrengen. Moradi hingegen arbeitet an großen und spannenden Projekten und zugleich an seiner Karriere. Das findet entsprechende Anerkennung: 2007 erhielt er den Otto-Steinert-Preis, im Jahr 2009 den Preis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot Stiftung und die Stiftung Kunstfonds fördert sein Buch „1979“, das 2010 im Kehrer Verlag erscheinen wird, dazwischen ein Stipendium für die Serie „Ich werde deutsch“. Hinzu kommen Ausstellungen, Teilnahme an Festivals und natürlich, die Arbeit an den Fotoprojekten. Moradi studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und machte sein Diplom vor zwei Jahren im Schwerpunkt Fotografie bei Vincent Kohlbecher.

Als das Schah-Regime stürzte, war Maziar Moradi erst vier Jahre alt, trotzdem hinterließ dies einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Seine erste große Serie heißt deshalb schlicht „1979“. Weiterlesen

Heimatland Schweiz

Im vergangenen Oktober war Ursula Sprecher zusammen mit Andi Cortellini Fotografen des Monats – mit einer Serie über die Menschen in Vereinen rund um Basel. Jetzt gibt es einen Bildband, der uns die Schweiz in wunderbaren Landschaftsaufnahmen nahe bringt. Die Schweiz, wohl gemerkt, nicht Heidiland. Fotografiert hat Ursula Sprecher mit Julian Salinas. Buchvernissage ist am 9. November in der Galerie Walter Keller in Zürich, Oberdorfstr. 2. Die Buchausstellung dauert bis zum 18. November 2009, Öffnungszeiten: Do & Fr 12 – 18 Uhr, Sa 12 – 17 Uhr oder auf Anfrage. kellerkunst.com

Mein spontanes Lieblingsfoto ist auf Seite 83, aber es gibt viel mehr spannende Motive, zumal die beiden etwas machen, das ich sehr schätze: Sie fotografieren belebte Landschaften.

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Hardcover gebunden, 168 Seiten, 69 Farbbilder, 25 x 33cm, TRUCE Verlag ISBN: 978-3-033-02150-1, CHF 68.- / EUR 45.- Erhältlich im Buchhandel oder unter www.truce.ch

Speed-Dating für Fotografen

am Samstag auf der Buchmesse

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Charakteristisch für die Buchmesse an den Publikumstagen ist nicht nur das unwürdige Gedränge in den Hallen, sondern vor allem die Anwesenheit zahlreicher Manga- und Anime-Helden beziehungsweise deren Fans in Verkleidung. Hier posiert „Trinity Blood“ und unten „Cain“ ganz nah, damit die farbigen Kontaktlinsen zur Geltung kommen.

manga

Ein ganz anderes, und erstmaliges Spektakel auf der Buchmesse war der Gourmet-Bereich in Halle 5. Fotografen, die im Food-Sektor arbeiten, fanden dort eine Übersicht über internationale Buchproduktionen. Interessant ist zum Beispiel die Molekularküche, die durchaus neue Herausforderungen an die  fotografische Umsetzung mit sich bringt.

molekularDoppelseite aus dem Bestseller „Molekularküche“ von Thomas Vilgis im Tre Torri Verlag, Wiesbaden.

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Wie man seine Defizite mit Selbstironie und TV-Unterstützung in Vorzüge verwandelt und zum Marketing-Musterbeispiel avanciert, führt Koch und Entertainer Horst Lichter vor. 30 Minuten vor Beginn war die Showküche in Halle 5 von Fans umlagert und alle Sitzplätze belegt.

Der große Buchmessen-Nachwuchsfotografen-Event fand statt, wo sich am Tag vorher noch die Bildagenturen präsentiert hatten, im neu geschaffenen „Zentrum Bild“ in Halle 4.1.

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Von Professoren und Ute Noll handverlesene Fotografen sollten geladenen Gästen ihre Arbeiten präsentieren. Das hat insofern nicht geklappt, als die Verlagsvertreter nicht, oder zumindest nicht in ausreichender Gesamtzahl erschienen. So durfte jeder mal blättern und sich ein Urteil bilden über die Qualifikation der Absolventen an deutschen Hochschulen. Da immer nur einer gucken konnte, und die Fotografen Ellenbogen an Ellenbogen aufgereiht saßen, konnte ich viele, aber nicht alle Arbeiten ansehen, sondern bin in einer Art Springprozession von einem freien zum nächsten freien Platz gehüpft. Weiterlesen

Carlos Alvarez Montero: M (wie Michoacan)

carlos-alvarez-montero7Der Fotograf Carlos Alvarez Montero stammt aus Mexico City, er lebt und arbeitet derzeit in New York und in seiner Geburtsstadt. In seiner fotografischen Arbeit befasst er sich mit dem Verhältnis von äußerer Erscheinung und Identitätsbildung. Er ist der Ansicht, man sollte Menschen nach ihrem Auftreten und Äußeren beurteilen, da sich darin Hinweise für das finden, was im Kopf einer Person vorgeht. Monteros beeindruckende Arbeiten wurden bereits veröffentlicht in Time Magazine, Newsweek, The Fader, Vice, Picnic Magazine, and Neo2. Zurzeit nimmt er an der School of Visual Arts Photography am „Video and Related Media MFA“-Programm teil. Ich sah seine Arbeiten im Blog featureshoot.com aus New York, wo ihn Alison Zavos zu seiner Arbeit befragte. Hier die deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Alison Zavos: Weiterlesen

Peter Bialobrzeski: Paradise Now

Er ist einer der bekannten, renommierten deutschen Fotografen. Ausnahmsweise nicht aus der Becher-Schule. Er fing an mit der Reportagefotografie, wandte sich aber bald der Realisierung freier Projekte zu, die in Bildbänden publiziert und auf dem Kunstmarkt gehandelt werden. Zudem hat er eine Professur an der HBK in Bremen, von der er sich gerade für zwei Jahre beurlauben ließ. Am 11. Juli 2009 hielt er einen Vortrag im Museum der Weltkulturen, bei dem er im Rahmen der Sommerakademie des Fotografie Forums Frankfurt seine Arbeiten präsentierte.

Peter Bialobrzeski bei seinem Vortrag in Frankfurt.

Der Vortrag in Frankfurt begann mit einem Motiv der Arbeitssituation.

Bialobrzeski zeigte zu Beginn Fotos aus Indien und sprach darüber, wie man vor zehn, fünfzehn Jahren Bildstrecken für Magazine fotografierte – speziell für Zeitungssupplements wie das FAZ-Magazin, das 1999 eingestellt wurde. Er sagte, er habe anfangs Bilder beispielsweise wie aus „Geo“ im Kopf gehabt. Und er habe sich davon befreien wollen, und erwarte auch von seinen Studenten, sich von diesen vorgegebenen Bildern zu lösen.

Nachtaufnahmen aus den Megacities

In seiner Arbeit „Paradise Now“ ist es ihm ganz wunderbar gelungen, einen in jeder Beziehung neuen Betrachtungswinkel zu finden. Die Idee ist im Prinzip so einfach wie gut: In den Megacities werden die Pflanzen nicht mehr (nur) von oben, eben durch die Sonne, sondern nachts aus allen Richtungen künstlich beleuchtet. Da wuchert und schlingt es durchs Bild, und im Hintergrund oft und irreal wirkend durch die Überbelichtung: Teile von Hochhäusern. Die Fotos sind atemberaubend! Weiterlesen

Taco Anema: 100 holländische Haushalte

Haushalt Bounou, Amsterdam, 2008

Was ist ein Haushalt? Menschen, die unter einer gemeinsamen Adresse zusammenleben. Und wo findet man diese? Nebenan. Und dann den Nachbarn von den Nachbarn. So hat der niederländische Fotograf Taco Anema (Jahrgang 1950) angefangen, 100 Haushalte zu fotografieren. Es ist so nahe liegend. Und ein so schlichtes Thema – und doch ist es alles andere als selbstverständlich, dass solche Projekte so souverän umgesetzt werden. Dabei sieht man anhand des Bildbandes wie Taco Anema anfangs noch suchte. Da gibt es ein frühes Foto (2002), das ganz stark von den Brown-Sisters von Nicholas Nixon beeinflußt ist. Und Tina Barneys Familienfotos hat er ebenfalls rezipiert. Es ist charmant, dass uns der Künstler an der Entwicklung seines Projektes auf diese Weise teilhaben lässt. Und dann wird es sehr niederländisch! Das große Tableau, das einfallende Licht: eine Referenz an die flämische Malerei, die diese Arbeit zu etwas Besonderem macht. Denn die Familien sind zugleich frisch und modern, manchmal geradezu kühl, ins Bild gesetzt und wie Stillleben arrangiert. Weiterlesen

Andreas Reeg

Wie wichtig ein eigenes, freies Projekt für jeden Fotografen ist, erkläre ich jedem, der zu mir zur Beratung kommt. Und manchmal, gegen Ende des Jahres, erscheint mir das schon fast als vermessene Anforderung: im Alltagsgeschäft noch Zeit zu finden, sich einer Arbeit mit Herzblut zu widmen; sich wieder bewusst zu machen, warum man einst die Fotografie gewählt hat, und nicht Webdesigner geworden ist; sich fotografisch wieder ein Stück weiter zu entwickeln, und dabei noch etwas Sinnvolles zu leisten – ohne gleich ans Honorar zu denken. Da ist es eine schöne Fügung, auf die Arbeiten von Andreas Reeg zu stoßen, der das alles tut, was ich meine, dass es ein Fotograf tun sollte. Und da er es von ganz alleine macht, und aus tiefer Überzeugung, ist er das beste Beispiel, dass es funktioniert!

Andreas Reeg bekommt Aufträge und große Bildstrecken in GEO, Stern, Der Spiegel, Die Zeit, DU, Neon, Chrismon. Zudem fotografiert er für das Handelsblatt und die Financial Times sowie weitere Zeitungen. Bei Reegs in Otzberg im Odenwald sitzen sie zu viert am Tisch und werden satt, ohne dass sich Andreas Reeg verbiegen muss. Er hat ein besonderes Einfühlungsvermögen für soziale Themen, und setzt sie ästhetisch sehr gelungen um. Weiterlesen