Schlagwort: Farbfotografie

Scarlett Hooft Graafland im Fotolabor

Während der Unseen in Amsterdam gab es Gelegenheit, der niederländischen Künstlerin Scarlett Hooft Graafland (Jg. 1973) in ihrem Fotolabor zu begegnen. Graafland hat noch bis 4. Dezember 2016 eine Ausstellung im Fotomuseum Huis Marseille.

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Scarlett Hooft Graafland vor einem Proofprint des Leitmotivs ihrer im Huis Marseille gezeigten Ausstellung

Das Werk der Künstlerin oszilliert zwischen Fotografie, Performance und Skulptur. Die Performance oder die (lebenden) Skulpturen finden allerdings ohne Publikum in den entlegendsten Gegenden der Welt statt: in der bolivianischen Salzwüste, in der kanadischen Arktis, auf Madagaskar oder Vanuatu. „Shores like you“, so der Titel der Ausstellung, nimmt Bezug auf Graaflands Vorliebe für Inseln und das Thema des Anlandgehens, das gerade bei den heutigen Flüchtingsströmen aktuell ist.

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Secret Love in China – im Tropenmuseum in Amsterdam

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Blick vom Parterre zur Ausstellung „Secret Love“ im beeindruckenden Tropenmuseum in Amsterdam.

_1050717Nachdem mich zuletzt in Madrid eine Ausstellung über junge mexikanische Fotografie begeistert hat, sah ich nun gerade eine verstörende Ausstellung mit Beiträgen junger chinesischer Fotografen. Der dramatische Wandel der chinesischen Gesellschaft ist das Thema, vor allem hinsichtlich Identität und Sexualität. Erst 1997 wurde Homosexualität entkriminalisiert, seit 2001 gilt sie auch nicht mehr als Geisteskrankheit. Aber natürlich existieren weiterhin viele Tabus für Lesben, Homosexuelle und Transgender. Sie zu visualsieren ist sicher eine gute Möglichkeit, dagegen anzugehen. Die Bilder sind grell, bunt und lassen nichts aus. Sie fordern auf jeden Fall zur Auseinandersetzung heraus. Auf dem Foto stehe ich vor Bildern von Yang Guowei „Little Devil“ von 2005 und „Mickey Mouse“ von 2006. Weiterlesen

Robert Rutöd: Less is more

In seinem ersten Fotoband demonstriert der Wiener Fotograf Robert Rutöd ein breites Spektrum menschlichen Treibens: man sieht in Essig eingelegte Erinnerungen, hört Hundegebell aus offener Brust oder beobachtet wie im Rahmen einer Prozession religiöse und verkehrstechnische Symbolik verschmilzt. Und wie es sich für einen echten Wiener gehört, fehlt auch das Morbide nicht. Die Fotos stehen in der klassischen Tradition der Street Photography und zwingen zum genauen Hinsehen. Dem oberflächlichen Betrachter wird der schwarze Humor des Fotografen oftmals verborgen bleiben. Das Buch kostet 44 Euro, mit Print 99 Euro.

Less Is More, Fotografien von Robert Rutöd, Text von Christine Dobretsberger
Hardcover, 104 Seiten, 47 Farbabbildungen, Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, 22×22 cm, Oktober 2009, ISBN 978-3-8370-3549-0 www.rutoed.at

Maziar Moradi: Ich werde deutsch

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o.T., 2009, C-Print 60 x 75 cm

Maziar Moradi ist jetzt Mitte dreißig, spätestens im Alter von fünfzig Jahren  wird er einer der wenigen international bekannten Fotografen sein. Einer der besten ist er schon jetzt. Und zugleich der Beweis, dass die Legende vom unerkannten Künstler eben eines ist: eine Legende, die so viele als Rechtfertigung benutzen, sich nicht anzustrengen. Moradi hingegen arbeitet an großen und spannenden Projekten und zugleich an seiner Karriere. Das findet entsprechende Anerkennung: 2007 erhielt er den Otto-Steinert-Preis, im Jahr 2009 den Preis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot Stiftung und die Stiftung Kunstfonds fördert sein Buch „1979“, das 2010 im Kehrer Verlag erscheinen wird, dazwischen ein Stipendium für die Serie „Ich werde deutsch“. Hinzu kommen Ausstellungen, Teilnahme an Festivals und natürlich, die Arbeit an den Fotoprojekten. Moradi studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und machte sein Diplom vor zwei Jahren im Schwerpunkt Fotografie bei Vincent Kohlbecher.

Als das Schah-Regime stürzte, war Maziar Moradi erst vier Jahre alt, trotzdem hinterließ dies einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Seine erste große Serie heißt deshalb schlicht „1979“. Weiterlesen

Carlos Alvarez Montero: M (wie Michoacan)

carlos-alvarez-montero7Der Fotograf Carlos Alvarez Montero stammt aus Mexico City, er lebt und arbeitet derzeit in New York und in seiner Geburtsstadt. In seiner fotografischen Arbeit befasst er sich mit dem Verhältnis von äußerer Erscheinung und Identitätsbildung. Er ist der Ansicht, man sollte Menschen nach ihrem Auftreten und Äußeren beurteilen, da sich darin Hinweise für das finden, was im Kopf einer Person vorgeht. Monteros beeindruckende Arbeiten wurden bereits veröffentlicht in Time Magazine, Newsweek, The Fader, Vice, Picnic Magazine, and Neo2. Zurzeit nimmt er an der School of Visual Arts Photography am „Video and Related Media MFA“-Programm teil. Ich sah seine Arbeiten im Blog featureshoot.com aus New York, wo ihn Alison Zavos zu seiner Arbeit befragte. Hier die deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Alison Zavos: Weiterlesen

Portraits von Männern, von Frauen

Männer fotografieren Frauen – oder Männer, das ist nichts Besonderes. Aber für viele Frauen gilt noch heute, dass der unverhohlene Blick auf den nackten Mann ziemlich heikel ist. Die Fotografin Sally Mann hat sich mit dieser Asymmetrie befasst und stellt derzeit mit „Proud Flesh“ das Ergebnis Ihrer Überlegungen vor. Über einige Jahre hinweg hat sie ihren Mann fotografiert, dabei aber eine solche Zurückhaltung und Diskretion walten lassen, dass die Betrachterin dieser ja durchaus sehr intimen Fotografien in keinem Moment unangenehm berührt ist. Anders dagegen bei „Das Porträt. Fotografie als Bühne“, einer Ausstellung von Peter Weiermair, die noch bis zum 18. Oktober 2009 in der Kunsthalle in Wien gezeigt wird. Zeitgleich mit Colbergs Blogpost über Sally Mann traf der Katalog bei mir ein, der im Verlag für moderne Kunst in Nürnberg erschienen ist. Auch hier ist Sally Mann vertreten, allerdings mit alten Arbeiten über die unmittelbare Familie. Weiterlesen

Land-Magazine sind der Trend

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Klingt nach Kochen in Kittelschürze, es geht aber um den am schnellsten wachsenden Sektor im Print-Bereich. Da ist Food drin, Reportage, Still life, Porträt, Natur und Architektur – was will man mehr als Fotograf?

Vorreiter des Trends ist das Magazin LandLust aus dem Landswirtschaftsverlag in Münster, das bereits im ersten Erscheinungsjahr, im 3. Quartal 2006, die beachtliche Auflage von 76.416 Exemplaren verkaufte, und das im 2. Quartal 2009 auf sensationelle 464.297 verkaufte Exemplare kam. (Zum Vergleich: Das länger bestehende Gruner und Jahr-Magazin „Living at Home“ hat eine verkaufte Auflage von 162.481)*

living Gerade wenn man (wie ich, leider) so oft vom Sterben des Magazins als klassischer Auftragsquelle für Fotografen spricht, ist das endlich einmal eine gute Nachricht. Und wo ein erfolgreiches Magazin ist, lässt ein zweites nicht lange auf sich warten. Ebenfalls aus einem kleinen Verlag, diesmal aus Stuttgart, stammt LiebesLand, vom Verleger Hannes Scholten persönlich redigiert. Es kommt derzeit auf satte 51.620 verkaufte Hefte.
Anfang August trat nun der erste der großen Verlage auf den Plan. Der zur WAZ-Gruppe gehörende Gong-Verlag ließ LandIdee als Startballon los, um den Markt zu testen. Derzeit ist noch nicht entschieden, ob das Magazin weiter erscheinen wird. Die Null-Nummer wurde von einem externen Redaktionsbüro produziert, unterscheidet sich aber wenig von den anderen Magazinen – mit einer Ausnahme. An LandIdee ist der Christian Verlag beteiligt, der darin eine gute Möglichkeit sieht, seine Bildbände zu promoten. Im aktuellen Heft wird ausführlich ein Wildkräuter-Buch ausgeschlachtet und eines über alte Badewannen. Kostet halt nichts extra und füllt einige der 130 Heftseiten. Weiterlesen

Peter Bialobrzeski: Paradise Now

Er ist einer der bekannten, renommierten deutschen Fotografen. Ausnahmsweise nicht aus der Becher-Schule. Er fing an mit der Reportagefotografie, wandte sich aber bald der Realisierung freier Projekte zu, die in Bildbänden publiziert und auf dem Kunstmarkt gehandelt werden. Zudem hat er eine Professur an der HBK in Bremen, von der er sich gerade für zwei Jahre beurlauben ließ. Am 11. Juli 2009 hielt er einen Vortrag im Museum der Weltkulturen, bei dem er im Rahmen der Sommerakademie des Fotografie Forums Frankfurt seine Arbeiten präsentierte.

Peter Bialobrzeski bei seinem Vortrag in Frankfurt.

Der Vortrag in Frankfurt begann mit einem Motiv der Arbeitssituation.

Bialobrzeski zeigte zu Beginn Fotos aus Indien und sprach darüber, wie man vor zehn, fünfzehn Jahren Bildstrecken für Magazine fotografierte – speziell für Zeitungssupplements wie das FAZ-Magazin, das 1999 eingestellt wurde. Er sagte, er habe anfangs Bilder beispielsweise wie aus „Geo“ im Kopf gehabt. Und er habe sich davon befreien wollen, und erwarte auch von seinen Studenten, sich von diesen vorgegebenen Bildern zu lösen.

Nachtaufnahmen aus den Megacities

In seiner Arbeit „Paradise Now“ ist es ihm ganz wunderbar gelungen, einen in jeder Beziehung neuen Betrachtungswinkel zu finden. Die Idee ist im Prinzip so einfach wie gut: In den Megacities werden die Pflanzen nicht mehr (nur) von oben, eben durch die Sonne, sondern nachts aus allen Richtungen künstlich beleuchtet. Da wuchert und schlingt es durchs Bild, und im Hintergrund oft und irreal wirkend durch die Überbelichtung: Teile von Hochhäusern. Die Fotos sind atemberaubend! Weiterlesen

Digitaler Workflow und dann?

Die technischen Aspekte des digitalen Workflow sind komplex und bieten Anlass, sich ausführlich damit zu beschäftigen. Doch wenn der Monitor kalibriert ist und der Drucker macht, was er soll, wird es erneut spannend, nämlich bei der Frage des Ausdrucksstils. Warum Farbe das neue Schwarzweiß ist, habe ich für das Magazin Fine Art Printer erläutert, wo dieser Beitrag in Ausgabe 04/08 erschien.

Himmel hatten strahlend blau zu sein, das, meinte die Firma Kodak, wolle der Fotografierende so, und entsprechend wurden die Filmemulsionen abgestimmt. Wer es nicht so gerne bunt trieb, der fotografierte schwarzweiß. Bis in die Achtzigerjahre galt Schwarzweiß als künstlerischer und nur wenige Fotografen wagten sich an eine individuelle Farbauffassung – wie Sheila Metzner mit dem aufwändigen Fresson-Print. Nicht zufällig waren dies meist Studioaufnahmen, denn die Zurückhaltung gegenüber der Farbe hatte sehr viel mit der Bildkontrolle zu tun. Bei kommerziellen Aufnahmen arrangiert der Fotograf (oder der Stylist) das Motiv, so dass Farben nicht zufällig vorkommen. Da Farbe immer auch Emotion vermittelt, ist die Kontrolle über die Farbe ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn es um die Erzielung einer Bildwirkung geht. Weiterlesen

Bernd Arnold: Die Zone

Ein wehmütiger Abgesang auf die Street Photography

Darf der das – Menschen einfach so auf der Straße fotografieren? Bernd Arnold darf, aber ansonsten fällt das in die Kategorie Geht-gar-nicht. Deshalb ist die freie Arbeit des in Köln beheimateten Fotografen die wahrscheinlich letzte, die man als wirklich gelungene Street-Photography-Serie sehen wird.

Die Zone

Im 20. Jahrhundert, als Fotografen noch rasende Reporter waren und sie überall, selbst in der Dunkelkammer, rauchen durften, da stellten sich einige besonders wagemutige Jungs mitten in New York auf die Straße und knipsten Passanten. Damals war das super-cool:  statt mit großen Apparaten (wie der Graflex der Pressefotografen) mit kleinen handlichen Kameras mitten ins Leben und das festhalten – ganz ohne Nachrichtenwert. Das machte Spaß und es brachte Fotos hervor, die man vorher so nicht gesehen hatte. Generationen von Fotografen wurden geprägt von Garry Winogrand, vor allem aber von Robert Franks Buch „The Americans“. Henri Cartier-Bresson, der nur unerkannt fotografierte, und das zu einer Religion erhob, wurde zum Säulenheiligen der Leica-Fangemeinde.  Alle, die bis noch in die Achtzigerjahre ihre fotografischen Erweckungserlebnisse hatten, sind stark von der Straßen- und Reportagefotografie geprägt: Nah dran, mitten drin, und dann schnell weg. Weiterlesen