Schlagwort: Inszenierte Fotografie

Scarlett Hooft Graafland im Fotolabor

Während der Unseen in Amsterdam gab es Gelegenheit, der niederländischen Künstlerin Scarlett Hooft Graafland (Jg. 1973) in ihrem Fotolabor zu begegnen. Graafland hat noch bis 4. Dezember 2016 eine Ausstellung im Fotomuseum Huis Marseille.

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Scarlett Hooft Graafland vor einem Proofprint des Leitmotivs ihrer im Huis Marseille gezeigten Ausstellung

Das Werk der Künstlerin oszilliert zwischen Fotografie, Performance und Skulptur. Die Performance oder die (lebenden) Skulpturen finden allerdings ohne Publikum in den entlegendsten Gegenden der Welt statt: in der bolivianischen Salzwüste, in der kanadischen Arktis, auf Madagaskar oder Vanuatu. „Shores like you“, so der Titel der Ausstellung, nimmt Bezug auf Graaflands Vorliebe für Inseln und das Thema des Anlandgehens, das gerade bei den heutigen Flüchtingsströmen aktuell ist.

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Fotografie, die sich verkauft

Eindrücke von der Unseen Photo Fair 2016 in Amsterdam

Warum fahre ich zur Unseen nach Amsterdam, aber nicht im November zur Paris Photo? In Paris zeigen die Galerien Fotokunst auf Museumsebene. Mithin überwiegend Bilder aus der Vergangenheit der Fotografie, Bewundernswertes, Unbezahlbares. In Amsterdam wird ausgestellt, was gerade frisch produziert wurde. Hier kann man die Zukunft der Fotografie sehen; sich zumindest einen Überblick verschaffen, was im Trend liegt. Daher ist die Unseen für mich im Moment interessanter.

Fotokunst in der WEstergasfabriek in Amsterdam

In diesem Jahr hat sich der Eindruck, dass die traditionelle Fotografie auf dem Kunstmarkt nur noch wenig Chancen hat, weiter bestätigt. Käufer sind entweder private Sammler oder Institutionen, die wiederum durch KunsthistorikerInnen vertreten werden. Und der einen wie der anderen Käufergruppe ist die traditionelle Kunst eben näher als eine dokumentarisch schlichte Fotografie. Eine Säule der dokumentarischen Fotokunst, Simon Roberts, war bei einer italienischen Galerie mit collagierten Postkarten zu sehen. Ich hätte heulen können. Muss man das jetzt machen, um als Fotokünstler überleben zu können? Es sieht so aus.

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Maziar Moradi: Ich werde deutsch

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o.T., 2009, C-Print 60 x 75 cm

Maziar Moradi ist jetzt Mitte dreißig, spätestens im Alter von fünfzig Jahren  wird er einer der wenigen international bekannten Fotografen sein. Einer der besten ist er schon jetzt. Und zugleich der Beweis, dass die Legende vom unerkannten Künstler eben eines ist: eine Legende, die so viele als Rechtfertigung benutzen, sich nicht anzustrengen. Moradi hingegen arbeitet an großen und spannenden Projekten und zugleich an seiner Karriere. Das findet entsprechende Anerkennung: 2007 erhielt er den Otto-Steinert-Preis, im Jahr 2009 den Preis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot Stiftung und die Stiftung Kunstfonds fördert sein Buch „1979“, das 2010 im Kehrer Verlag erscheinen wird, dazwischen ein Stipendium für die Serie „Ich werde deutsch“. Hinzu kommen Ausstellungen, Teilnahme an Festivals und natürlich, die Arbeit an den Fotoprojekten. Moradi studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und machte sein Diplom vor zwei Jahren im Schwerpunkt Fotografie bei Vincent Kohlbecher.

Als das Schah-Regime stürzte, war Maziar Moradi erst vier Jahre alt, trotzdem hinterließ dies einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Seine erste große Serie heißt deshalb schlicht „1979“. Weiterlesen

Speed-Dating für Fotografen

am Samstag auf der Buchmesse

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Charakteristisch für die Buchmesse an den Publikumstagen ist nicht nur das unwürdige Gedränge in den Hallen, sondern vor allem die Anwesenheit zahlreicher Manga- und Anime-Helden beziehungsweise deren Fans in Verkleidung. Hier posiert „Trinity Blood“ und unten „Cain“ ganz nah, damit die farbigen Kontaktlinsen zur Geltung kommen.

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Ein ganz anderes, und erstmaliges Spektakel auf der Buchmesse war der Gourmet-Bereich in Halle 5. Fotografen, die im Food-Sektor arbeiten, fanden dort eine Übersicht über internationale Buchproduktionen. Interessant ist zum Beispiel die Molekularküche, die durchaus neue Herausforderungen an die  fotografische Umsetzung mit sich bringt.

molekularDoppelseite aus dem Bestseller „Molekularküche“ von Thomas Vilgis im Tre Torri Verlag, Wiesbaden.

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Wie man seine Defizite mit Selbstironie und TV-Unterstützung in Vorzüge verwandelt und zum Marketing-Musterbeispiel avanciert, führt Koch und Entertainer Horst Lichter vor. 30 Minuten vor Beginn war die Showküche in Halle 5 von Fans umlagert und alle Sitzplätze belegt.

Der große Buchmessen-Nachwuchsfotografen-Event fand statt, wo sich am Tag vorher noch die Bildagenturen präsentiert hatten, im neu geschaffenen „Zentrum Bild“ in Halle 4.1.

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Von Professoren und Ute Noll handverlesene Fotografen sollten geladenen Gästen ihre Arbeiten präsentieren. Das hat insofern nicht geklappt, als die Verlagsvertreter nicht, oder zumindest nicht in ausreichender Gesamtzahl erschienen. So durfte jeder mal blättern und sich ein Urteil bilden über die Qualifikation der Absolventen an deutschen Hochschulen. Da immer nur einer gucken konnte, und die Fotografen Ellenbogen an Ellenbogen aufgereiht saßen, konnte ich viele, aber nicht alle Arbeiten ansehen, sondern bin in einer Art Springprozession von einem freien zum nächsten freien Platz gehüpft. Weiterlesen

Taryn Simon talks

Ein wunderbares Fundstück: Taryn Simon spricht über ihre Fotoarbeiten. Sie ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten und spannendsten Fotografen der Gegenwart. Und, wie man sieht, extrem professionell. Sicher hat Sie das Konzept Ihrer Arbeiten schon oft präsentiert, trotzdem ist ihre Souveränität doch bewunderns- und nachahmenswert.
Zum Hintergrund sollte man wissen, dass die 1975 geborene amerikanische Fotografin für Magazine fotografiert, aber nicht in der Magazin-, sondern in der Konzeptfotografie zu verorten ist. Die basiert auf der Konzeptkunst. Idee der Konzeptkunst ist ja, dass das Konzept an die Stelle der eigentlichen Kunstproduktion tritt. Fünfzig Jahre später und in der Fotografie ist es oft nur noch unverständliches verbales Geschwurbel zu öden Fotos. Es gibt aber auch positive Beispiele wie eben Taryn Simon, die schon im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt mit Ihrem Projekt „An American Index of the Hidden and Unfamiliar“ ausgestellt wurde.

Die Fotos treten als eher unpersönliche Sachaufnahmen auf, beklemmend wird das Ganze in der Gesamtschau und verständlich überhaupt nur durch die Texte, die geradezu lexikalisch das Bild erläutern. Ein wirklicher Schocker sind zudem die Fotos der zu Unrecht Verurteilten, die sehr viel über Wahrnehmung, das amerikanische Justizsystem, aber auch über das Engagement der Fotografin aussagen.

Wenn das Video nicht funktioniert, hier ein Link zur TED-Seite oder zu  YouTube.

Carlos Alvarez Montero: M (wie Michoacan)

carlos-alvarez-montero7Der Fotograf Carlos Alvarez Montero stammt aus Mexico City, er lebt und arbeitet derzeit in New York und in seiner Geburtsstadt. In seiner fotografischen Arbeit befasst er sich mit dem Verhältnis von äußerer Erscheinung und Identitätsbildung. Er ist der Ansicht, man sollte Menschen nach ihrem Auftreten und Äußeren beurteilen, da sich darin Hinweise für das finden, was im Kopf einer Person vorgeht. Monteros beeindruckende Arbeiten wurden bereits veröffentlicht in Time Magazine, Newsweek, The Fader, Vice, Picnic Magazine, and Neo2. Zurzeit nimmt er an der School of Visual Arts Photography am „Video and Related Media MFA“-Programm teil. Ich sah seine Arbeiten im Blog featureshoot.com aus New York, wo ihn Alison Zavos zu seiner Arbeit befragte. Hier die deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Alison Zavos: Weiterlesen

Portraits von Männern, von Frauen

Männer fotografieren Frauen – oder Männer, das ist nichts Besonderes. Aber für viele Frauen gilt noch heute, dass der unverhohlene Blick auf den nackten Mann ziemlich heikel ist. Die Fotografin Sally Mann hat sich mit dieser Asymmetrie befasst und stellt derzeit mit „Proud Flesh“ das Ergebnis Ihrer Überlegungen vor. Über einige Jahre hinweg hat sie ihren Mann fotografiert, dabei aber eine solche Zurückhaltung und Diskretion walten lassen, dass die Betrachterin dieser ja durchaus sehr intimen Fotografien in keinem Moment unangenehm berührt ist. Anders dagegen bei „Das Porträt. Fotografie als Bühne“, einer Ausstellung von Peter Weiermair, die noch bis zum 18. Oktober 2009 in der Kunsthalle in Wien gezeigt wird. Zeitgleich mit Colbergs Blogpost über Sally Mann traf der Katalog bei mir ein, der im Verlag für moderne Kunst in Nürnberg erschienen ist. Auch hier ist Sally Mann vertreten, allerdings mit alten Arbeiten über die unmittelbare Familie. Weiterlesen

Digitaler Workflow und dann?

Die technischen Aspekte des digitalen Workflow sind komplex und bieten Anlass, sich ausführlich damit zu beschäftigen. Doch wenn der Monitor kalibriert ist und der Drucker macht, was er soll, wird es erneut spannend, nämlich bei der Frage des Ausdrucksstils. Warum Farbe das neue Schwarzweiß ist, habe ich für das Magazin Fine Art Printer erläutert, wo dieser Beitrag in Ausgabe 04/08 erschien.

Himmel hatten strahlend blau zu sein, das, meinte die Firma Kodak, wolle der Fotografierende so, und entsprechend wurden die Filmemulsionen abgestimmt. Wer es nicht so gerne bunt trieb, der fotografierte schwarzweiß. Bis in die Achtzigerjahre galt Schwarzweiß als künstlerischer und nur wenige Fotografen wagten sich an eine individuelle Farbauffassung – wie Sheila Metzner mit dem aufwändigen Fresson-Print. Nicht zufällig waren dies meist Studioaufnahmen, denn die Zurückhaltung gegenüber der Farbe hatte sehr viel mit der Bildkontrolle zu tun. Bei kommerziellen Aufnahmen arrangiert der Fotograf (oder der Stylist) das Motiv, so dass Farben nicht zufällig vorkommen. Da Farbe immer auch Emotion vermittelt, ist die Kontrolle über die Farbe ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn es um die Erzielung einer Bildwirkung geht. Weiterlesen

Erwin Olaf in Darmstadt

Um den niederländischen Fotografen Erwin Olaf herrscht derzeit ein ziemlicher Hype. Wie schafft es ein Fotograf, so bekannt zu werden, und wie lange dauert es? Um das herauszufinden, muss man nur einen Vortrag von Erwin Olaf besuchen. In Darmstadt bestand im Rahmen der Darmstädter Tage der Fotografie die Gelegenheit, von ihm persönlich etwas über den Verlauf seiner Karriere zu erfahren. Abends war Erwin Olaf zudem im Fotografie Forum international in Frankfurt zu Gast.

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Präsentation der Arbeiten von Erwin Olaf in der Hauptausstellung der Darmstädter Tage der Fotografie 2009.

Die  Arbeiten von Erwin Olaf sind ja teilweise sehr speziell, aber er selbst kommt unkompliziert rüber. Dass er als junger Fotograf auf der Straße angesprochen wurde, ob er nicht ein Buch machen wolle, erzählt er. Und dass ihm das noch ein weiteres Mal passiert sei, und er das schon für normal hielt. Weiterlesen

Annie Leibovitz – Der Film

Die große Annie Leibovitz-Ausstellung „A Photographers Life“ wird am 20.2.2009 eröffnet und ist bis 24. Mai im Alten Postfuhramt bei C/O Berlin zu sehen. Die Lecture, die Annie Leibovitz am 21.2.09 in Berlin halten wird, ist seit langem ausverkauft. Da mag man sich dann mit einer DVD trösten, die ziemlich viele Motive der Ausstellung und ziemlich viel von Annie zeigt. „Annie Leibovitz – Life Through a Lens ist 79 Minuten lang und auf Englisch mit deutschen Untertiteln bei Arthaus (Trailer) erschienen. Die Dokumentation verfolgt Annie Leibovitz Karriere vom Rolling Stone Magazine zu Vanity Fair und Vogue, und lässt die Werbefotografie weitestgehend außen vor. Barbara Leibovitz, die jüngere Schwester der Fotografin, hat den Film gedreht.

Life Through a Lens

Der Film ist sehr amerikanisch. Man kann den Tenor der Heldenverehrung etwas penetrant finden, man kann aber auch verstehen, dass Amerika seine Idole feiert, und dass Annie über ihren Umgang mit den Helden selbst zu einem Star wurde. Schon andere Fotografen sind darüber berühmt geworden, dass sie berühmte Personen abgelichtet haben. Das ist ein bewährtes Karriere-Muster – das aber leider hierzulande (liebe Berliner Fotografen!) so gar nicht funktioniert. Mit Fotos von sagen wir Veronika Ferres oder Florian Silbereisen wird man nicht zum Fotostar. Da kann man noch so mühsam ackern. In Angelas Country wird es nie den Hype geben, wie er in den USA jetzt gerade einem neuen Präsidenten zuteil wird. Und eben auch einer Fotografin, die nicht einfach eine berühmte Porträtfotografin ist, sondern alle Superlative auf sich vereint, wie  „einflussreichste“, „weltbeste“ und „höchstbezahlte“.
Natürlich hat sie auch Glück gehabt, oder besser gesagt: Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nämlich Anfang der Siebziger in San Francisco, Weiterlesen

Erika Bialowons und Roger Richter in Wiesbaden

Rede zur Ausstellungseröffnung von Roger Richter und Erika Bialowons am 14. September 2007 im Rahmen der Wiesbadener Fototage

Als Fotoexpertin begegne ich vielen Fotografen, befasse mich mit Fotografien und halte mich auch für technisch aufgeschlossen. Trotzdem kommt es mir immer noch extrem surreal vor, dass Menschen Telefone benutzen, um Fotos zu machen.

Mitte der Zwanzigerjahre schrieb Lazlo Moholy-Nagy, ein Künstler, der im Zusammenhang mit dem Bauhaus und dem Neuen Sehen bekannt ist: „Nicht der Schriftunkundige, sondern der Fotografieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“.

Gewissermaßen hat sich diese Prophezeiung erfüllt, denn fast jeder kann nahezu jederzeit ein Foto machen und versenden. Der technische Fortschritt hat jedoch zu einer rasanten Entwertung traditioneller fotografischer Genres geführt. Die klassische Reportagefotografie ist längst tot und die Pressefotografie röchelt vernehmlich seit ihr jedermann als „Bild-Reporter“ Konkurrenz macht. Immer mehr Magazine werden gefüllt mit billigen Amateurbildern und schlechten Paparazzifotos von Prominenten.

Um sich gegen die Massenproduktion abzusetzen, müssen Fotografen heute und in Zukunft mehr Talent haben, sich mehr anstrengen und ihr Handwerk perfekt beherrschen. Sie kennen ja wahrscheinlich alle den Mythos der Available Light-Fotografie à la Cartier-Bresson: Leica umgehängt und mal nett durch Paris geschlendert … das war einmal. Heute ist die Lichtregie immens wichtig geworden. Vom Fotografen wird erwartet, dass er die totale Kontrolle hat – drinnen und draußen. Da Fotografen sowieso Kontrollfreaks sind, kommt ihnen das ja auch irgendwie entgegen. Weiterlesen