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Alle wohnen in Berlin

Die meisten Kultur-, Web- und Werbetreibenden möchten unbedingt in Berlin wohnen. In Berlin ist man schon halb in den USA. Englisch zu twittern ist obligatorisch. Eine enge Verbindung nach New York besteht traditionell, und so verwundert es nicht, dass sich auch reiche, kunstinteressierte Newyorker eine Zweitbleibe in der Bundeshauptstadt suchen. Das sorgt für Umsatz in den Galerien, was wiederum die Illusion nährt, man könne als Künstler preisgünstig und großzügig wohnen (verglichen mit Manhattan auf jeden Fall) und habe quasi unbegrenzte Ausstellungsmöglichkeiten sowie Einnahmequellen. Nun ja.

Die billige Wohnung ist der heimliche Motor der Berliner Ökonomie, denn erst sie ermöglicht die weitverbreitete Selbstausbeutung und unbezahlte Arbeit in allen möglichen Projekten. Die billige Wohnung ist der Humus des Kultur-Prekariats; böse Menschen sagen, wegen der billigen Wohnungen gebe es in Berlin so viel schlechte Kunst.

Fotografen enden in Berlin häufig genug als Hartz IV-Empfänger, weil es dort so unendlich viel mehr Fotografen gibt als Jobs. Aber sicher: Es lockt eine lebendige und vielfältige Kulturszene, die sich in großen Altbauwohnungen mit Designermöbeln und Flohmarktfunden schick eingerichtet hat. Da die klassische „Homestory“ der Printmagazine im Internet zu großer Form aufläuft, haben bekennende Berlinverächter wie auch Möchtegernberliner die Gelegenheit, neugierige Blicke hinter die Wohnungstüren zu werfen. Weiterlesen